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29.05.2014 | Studie Auch Bahn profitierte von Zwangsarbeit Gefangener in der DDR

Ostbeauftragte der Bundesregierung sieht Deutsche Bahn AG in Pflicht. Opferverbände fordern Entschuldigung und Wiedergutmachung.

Bahn profitierte von Zwangsarbeit

Bahn profitierte von Zwangsarbeit

Nicht nur Westfirmen wie Ikea und Quelle, auch das Staatsunternehmen Bahn hat in der DDR über Jahrzehnte hinweg in erheblichem Umfang von der Zwangsarbeit politischer Gefangener profitiert. Das berichtet REPORT MAINZ in einem Vorabbericht für die Tagesthemen am 29. Mai 2014 unter Berufung auf eine noch unveröffentlichte wissenschaftliche Studie (Christian Sachse: "Das System der Zwangsarbeit in der SED-Diktatur. Die wirtschaftliche und politische Dimension", Leipziger Universitätsverlag).

Die Studie ist das Ergebnis eines einjährigen Forschungsprojekts, das von der Union der Opferverbände der Kommunistischen Gewaltherrschaft (UOKG) in Auftrag gegeben und mit Mitteln des Möbelkonzerns Ikea finanziert wurde. Die Studie liegt REPORT MAINZ exklusiv vor, sie soll am 16. Juni 2014 in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Reichsbahn habe erheblich von Zwangsarbeit profitiert

Der Leiter des Forschungsprojekts, Christian Sachse, erklärte im Interview mit REPORT MAINZ: "Wir können jetzt erstmals belegen, dass die Deutsche Reichsbahn zwischen 1951 und 1989 von der Zwangsarbeit politischer Gefangener in erheblichem Maße profitiert hat. Die Zwangsarbeiter wurden zu physisch schweren und gesundheitsgefährdenden Arbeiten eingesetzt und dabei so schlecht entlohnt, dass man nur von Ausbeutung sprechen kann."

Die Reichsbahn habe regelmäßig Kontingente von Zwangsarbeitern erhalten. Jährlich seien rund 1.200 bis 1.500 Strafgefangene eingesetzt worden. Sie seien vor allem zu Arbeiten gezwungen worden, die normale Bahnmitarbeiter nicht leisten wollten, insbesondere beim Gleisbau, bei der Demontage von alten Gleisen oder bei der Verschrottung von Waggons. Die Profite ließen sich nicht mehr exakt beziffern. Nachweisbar sei durch Akten lediglich, dass Amnestien für Strafgefangene zu Millionenverlusten bei der Reichsbahn führten.

Forderung nach Vergangenheitsbewältigung

Die Ostbeauftragte der Bundesregierung und Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Iris Gleicke (SPD), forderte die Deutsche Bahn AG auf, die Verantwortung für diesen Teil ihrer Unternehmensgeschichte anzunehmen und die Verstrickung mit dem DDR-Regime aufzuarbeiten: "Es war die Reichsbahn, die hier ganz offenkundig tatsächlich mit Zwangsarbeitern, mit politischen Gefangenen, schwerste Arbeiten hat ausführen lassen, und natürlich muss sich die Bahn als großes Unternehmen, als Unternehmen, das die Reichsbahn integriert hat, auch dieser Vergangenheitsbewältigung stellen."

Die Ostbeauftragte betonte weiter im Interview: "Die Bahn darf sich genau so wenig wegducken wie andere Firmen, und insofern erhoffe ich mir, dass das, was in anderen Bereichen der Geschichtsaufarbeitung erfolgt ist, auch eine Rolle spielt, wenn es um die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit geht."

Angesichts der neuen Forschungsergebnisse fordert sie Konsequenzen von der Bahn: "Die Reichsbahn hat von der Ausbeutung von politischen Gefangenen in der DDR profitiert. Die Reichsbahn ist integriert worden in die Bahn AG, und deshalb erwarte ich von der Bahn, dass sie sich diesem Teil ihrer Geschichte stellt, dass sie Aufarbeitung unterstützt und gegebenenfalls auch Wiedergutmachung betreibt."

Mit den Ergebnissen der Studie konfrontiert, bestätigte die Deutsche Bahn AG auf Anfrage zwar, dass es zu DDR-Zeiten Kontakte und Geschäftsbeziehungen zwischen Bundesbahn und Deutscher Reichsbahn gegeben habe. Der Bahn lägen jedoch "keine Forschungsergebnisse und Erkenntnisse" zur Frage vor, "ob Arbeiten für die Deutsche Reichsbahn und die Deutsche Bundesbahn durch Häftlinge ausgeführt wurden". Fragen nach eigenen Initiativen für eine mögliche Aufarbeitung und Übernahme von Verantwortung mit Blick auf eine Verstrickung mit der SED-Diktatur ließ die Bahn unbeantwortet.

UOKG will Runden Tisch einberufen

Der Bundesvorsitzende der UOKG, Rainer Wagner, kritisierte diese Reaktion der Deutschen Bahn AG: "Ich sehe in dieser Haltung der Deutschen Bahn, die sie im Augenblick an den Tag legt, eine reine Schutzbehauptung, in der sie sich vor ihrer moralischen Verantwortung drücken will. Ich gehe aber davon aus, dass diese Leute einsichtig sein werden. Sie haben das auch im Blick auf die Betroffenen im Dritten Reich so getan."

Wagner kündigte an, die UOKG werde im Herbst einen Runden Tisch einberufen, zu dem nicht nur alle Westfirmen eingeladen würden, die von der Zwangsarbeit profitiert haben, auch entsprechende DDR-Firmen beziehungsweise ihre Nachfolgeunternehmen sowie die Deutsche Bahn AG und das Bundesfinanzministerium sollen vertreten sein.

Hier solle erarbeitet werden, wie die Verantwortlichkeiten geprüft und eine mögliche Wiedergutmachung geklärt werden könnten. UOKG-Vorsitzender Wagner appellierte an die Deutsche Bahn AG: "Ich denke, es sind zwei Dinge notwendig: einmal sollte die Deutsche Bahn sich entschuldigen, dass sie in diesem System mit drin war. Zum zweiten dann aber auch die ganz praktische wirtschaftliche Verantwortung übernehmen, für diejenigen, die in der DDR Zwangsarbeit für die Bahn durchführen mussten."