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Presseinformation REPORT MAINZ, 26. Februar 2007 Aktuelle Äußerungen des Ex-RAF-Terroristen Christian Klar aufgetaucht

„Die Niederlage der Pläne des Kapitals (...) vollenden.“

Gutachter Kury: „Er hat sich sicherlich nicht genützt damit.“

Mainz – Der ehemalige RAF-Terrorist Christian Klar hat sich, wie erst jetzt bekannt wurde, am 13. Januar 2007 in einer Grußbotschaft für die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin erstmals seit seinem Gnadengesuch öffentlich zu Wort gemeldet. In dem Grußwort, das dem ARD-Politikmagazin REPORT MAINZ vorliegt, äußert er die Hoffnung, dass die Zeit jetzt gekommen sei, „die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen.“ Klar prangert ein „imperiales Bündnis“ in Europa an, „das sich ermächtigt, jedes Land der Erde, das sich seiner Zurichtung für die aktuelle Neuverteilung der Profite widersetzt, aus dem Himmel herab zu züchtigen und seine ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu verwandeln.“

Klar nimmt das Motto der Konferenz „Das geht anders“ auf und fährt wörtlich fort: „Wo sollte sonst die Kraft zu kämpfen herkommen?“

Außerdem würdigt er die sozialistischen Bestrebungen in einigen Ländern Südamerikas. Anders als in Europa werde dort „nach zwei Jahrzehnten sozial vernichtender Rezepte der internationalen Besitzerklasse – endlich den Rechten der Massen wieder Geltung gegeben und darüber hinaus an einer Perspektive gearbeitet.“

Das Grußwort verlas der ehemalige PDS-Abgeordnete und wegen Stasi-Vorwürfen entlassene Rektor der Humboldt-Universität, Heinrich Fink. Fink besuchte Klar nach eigenen Angaben mehrmals im Gefängnis und diskutierte mit ihm unter anderem auch über das Buch „Sozialismus im 21. Jahrhundert“ von Heinz Dieterich.

Der Freiburger Kriminologe, Helmut Kury, der im Auftrag des Justizministeriums Baden-Württembergs ein Gutachten über Klar erstellt hat, zeigte sich über den Text überrascht. Gegenüber REPORT MAINZ sagte er wörtlich: „Man kann daraus vielleicht lesen, dass dieser Mensch, der das geschrieben hat, in diesen Gedankengängen von damals ist. Daraus kann man aber nicht schließen, dass er zu denselben Taten geneigt ist wie damals. Das wäre meines Erachtens ein Schluss, der nicht zwingend ist, sondern er ist offensichtlich noch in dieser Sprache drin. Man muss natürlich eines berücksichtigen, er ist seit mehr als 25 Jahren inhaftiert. Da ist natürlich auch die Möglichkeit einer Weiterentwicklung reduziert.“


Im Hinblick auf das Gnadengesuch sagte Kury wörtlich: „Er hat sich sicherlich nicht genützt damit. Jeder normale Bürger, der das hört, wird sagen, das ist ein unverbesserlicher, der hat sich nicht weiterentwickelt. Man wartet ja auf eine gewisse Reue oder Entschuldigung, wird immer in den Medien gesagt. Das deutet ja eher in die andere Richtung. Also damit nützt er sich sicherlich, was seine Integration in die Gesellschaft betrifft, wenig.“


Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger, der die Anklageschrift gegen Klar mitformuliert hat, erklärte zu dem Grußwort gegenüber REPORT MAINZ: „Man kann diesem Staat gegenüber durchaus kritisch eingestellt sein. Vielleicht müssen wir auch dankbar sein, dass man nicht immer alles hinnimmt. Aber es ist ein Unterschied, ob man diesen Staat bekämpft, wie es hier formuliert ist, ob man ihm richtiggehend feindlich gegenüber eingestellt ist.“


Der Wissenschaftler Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung erklärte dazu: „Es ist im Grunde genommen so etwas wie eine Reformulierung eines politischen Überbaus für das, was die RAF ausgemacht hat. Es ist ja nicht die Rede davon, dass es so zu sagen um die Fortsetzung des bewaffneten Kampfes gehen soll, aber es ist die Rede davon, dass so zu sagen das Koordinatensystem, in dem dieser bewaffnete Kampf angesiedelt gewesen ist, das dieses Koordinatensystem nach wie vor richtig sei.“


Dokumentiert: »Das geht anders«


Christian Klar, ehemaliger Angehöriger der Rote-Armee-Fraktion (RAF), seit 1982 inhaftiert und 1985 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, wandte sich am Samstag mit einer Erklärung an die Teilnehmer der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz:

Liebe Freunde, das Thema der diesjährigen Rosa-Luxemburg-Konferenz »Das geht anders« bedeutet – so verstehe ich es – vor allem die Würdigung der Inspiration, die seit einiger Zeit von verschiedenen Ländern Lateinamerikas ausgeht. Dort wird nach zwei Jahrzehnten sozial vernichtender Rezepte der internationalen Besitzerklasse endlich den Rechten der Massen wieder Geltung gegeben und darüber hinaus an einer Perspektive gearbeitet.

Aber wie sieht das in Europa aus? Von hier aus rollt weiter dieses imperiale Bündnis, das sich ermächtigt, jedes Land der Erde, das sich seiner Zurichtung für die aktuelle Neuverteilung der Profite widersetzt, aus dem Himmel herab zu züchtigen und seine ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Die propagandistische Vorarbeit leisten dabei Regierungen und große professionelle PR-Agenturen, die Ideologien verbreiten, mit denen alles verherrlicht wird, was den Menschen darauf reduziert, benutzt zu werden.

Trotzdem gilt hier ebenso: »Das geht anders«. Wo sollte sonst die Kraft zu kämpfen herkommen? Die spezielle Sache dürfte sein, daß die in Europa ökonomisch gerade abstürzenden großen Gesellschaftsbereiche den chauvinistischen »Rettern« entrissen werden. Sonst wird es nicht möglich sein, die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen.

Es muß immer wieder betont werden: Schließlich ist die Welt geschichtlich reif dafür, daß die zukünftigen Neugeborenen in ein Leben treten können, das die volle Förderung aller ihrer menschlichen Potentiale bereithalten kann und die Gespenster der Entfremdung von des Menschen gesellschaftlicher Bestimmung vertrieben sind.