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Text des Beitrags Gemobbte Polizisten

Der schändliche Umgang mit den Opfern

Unsere Erwartungen an Polizisten sind enorm. Tapfer sollen sie Hooligans in Schach halten, Ruhestörer zur Ordnung rufen oder Nachbarschaftsstreitereien schlichten – nicht selten gibt’s dafür Beleidigungen der übelsten Sorte.

Kein Zweifel: Polizisten müssen eine Menge einstecken. Aber wie gehen sie um mit diesem Stress? Wo ist das Ventil, um Dampf abzulassen?

Experten sagen, gerade spannungsgeladene Jobs, wie der eines Polizisten, können ein idealer Nährboden für Mobbing sein.

Claudia Butter und Gottlob Schober haben in den Reihen der Polizei recherchiert und sind dabei auf unglaubliche Fälle gestoßen.

Bericht:

Ein Polizeibeamter verteilt tote Fliegen. Reißt Vorhänge runter. Manipuliert den Bildschirm, zerknäult Papiere und Tücher seiner Kollegin. Monatelang.

Heimlich hat sie gefilmt was in ihrem Büro passiert, denn jeder Arbeitstag wurde für sie zur Qual:

O-Ton:

»Ich habe mich hilflos gefühlt, gedemütigt, erniedrigt, ja man fühlt sich nicht mehr vollwertig, nicht akzeptiert. Mit der Zeit hat es mich zermürbt.«

Ihren Namen will sie aus Scham nicht nennen. Tag für Tag hat sie der Kollege gemobbt. Sie systematisch schikaniert, lächerlich gemacht.

O-Ton:

»Wie dann darüber gelästert wurde und gelacht wurde, das war dann das Schlimmste daran. Es hat ja geheißen, ich mache mir das selbst oder ich bilde mir das ein. Bin als Spinnerin bezeichnet worden.« 

Auf Dauer hat sie das krank gemacht. Die Staatsanwaltschaft bestätigt ihr: Es war eindeutig Mobbing, Anklage erhebt sie aber nicht.

Die Polizei erklärt auf Nachfrage, sie habe ein Disziplinarverfahren gegen ihren Kollegen eingeleitet – fast zwei Jahre nach dem Mobbing und bislang ohne Ergebnis.

Als Mobbing-Opfer fühlt sie sich von ihrem Arbeitgeber allein gelassen.

O-Ton:

»Ja, ich habe als Lügnerin da gestanden, ich wollte einfach, dass das von kompetenter Seite aufgeklärt wird. Aber für mich persönlich ist überhaupt nichts unternommen worden.«

Mobbing bei der Polizei? Und die Betroffenen werden allein gelassen?

Wir wollen wissen, wie viele solcher Mobbing-Fälle in den vergangenen fünf Jahren gemeldet wurden. Fragen bei allen Innenministerien nach. 

Ergebnis: Mehrere erfassen Mobbing gar nicht. Die anderen sprechen von Einzelfällen, maximal drei bis gar keine. 

Wir treffen Rüdiger Seidenspinner von der Gewerkschaft der Polizei. Solche Aussagen ärgern ihn.

O-Ton, Rüdiger Seidenspinner, Gewerkschaft der Polizei Baden-Württemberg:

»Das ist schöngeredet, das ist schöngerechnet. Man versucht da über Probleme, die es innerhalb der Polizei gibt, hinwegzutäuschen. Wir haben sehr viele Kolleginnen und Kollegen, die Opfer von Mobbing sind. Da will man nach außen hin den Mantel drüber legen, nach dem Motto bei der Polizei ist alles Friede, Freude, Eierkuchen.«

Der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer forscht seit Jahren zur Polizei. Auch für ihn steht fest: Mobbing ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Bei der  Polizei sei das Risiko sogar größer als anderswo.

O-Ton, Prof. Christian Pfeiffer, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.:

»Polizeibeamte müssen enorm viel an Stress aushalten, an Aggressivität durch andere, wo sie nicht zurückschlagen dürfen, und dann sucht sich das ein Ventil. Und daraus erwächst Mobbing. Dass man aufgeladen in eine Situation kommt, und einen Schwächeren dann darunter leiden lässt, dass man gerade nicht weiß, wohin man mit seiner Aggression soll. Ich denke, hier wird unter den Teppich gekehrt, was sich wirklich abspielt.«

Leugnen, verschweigen, vertuschen – für die Betroffenen ist das fatal.

Seit Jahren wird auch dieser Polizist von Kollegen gemobbt. Aus Angst vor noch mehr Schikanen will er nicht erkannt werden. Einen Idioten nennen sie ihn, dumm, machen sich lustig über seine Arbeit, Tag für Tag.

O-Ton:

»Diese ständigen Demütigungen, diese Erniedrigungen, die führen dazu, dass man einfach nur noch aus der Situation raus will. Man fährt zum Dienst, muss dann unterwegs mehrfach mit dem Auto anhalten, weil sich einem der Magen umdreht, weil einem schlecht ist, man übergibt sich. Irgendwann hält man das einfach nicht mehr durch.«

Mehrfach musste er sich in einer psychiatrischen Klinik behandeln lassen. Aber seine Vorgesetzten, sagt er, kümmere das nicht.

O-Ton:

»Ich habe keinerlei Unterstützung bekommen. Meine Hilfegesuche sind ohne Ergebnis verpufft, und man hat von der Vorgesetztenstelle aus alles getan, um die Sache abzubügeln.«

So geht es vielen. Rechtsanwalt Michael Else. Er berät mehrere dutzend Polizei-Mitarbeiter, die gemobbt wurden. Seine Beobachtung:

O-Ton, Michael Else, Rechtsanwalt:

»In den allermeisten Fällen findet keine Aufarbeitung statt. Das kann ich aus meiner Erfahrung sagen. Also diese Vorgehensweise ist meiner Meinung nach skandalös. Es kann nicht sein, dass die Betroffenen allein gelassen werden, obwohl sie eigentlich in dieser Situation die meiste Hilfe benötigen würden.«

Lässt die Polizei gemobbte Mitarbeiter also im Stich?

Die Innenministerien erklären auf unsere Nachfrage, das Interesse an Aufarbeitung sei groß. Allerdings: Fast immer gibt es nur eine interne Aufklärung, also durch Mitarbeiter der Polizei. 

Für Professor Christian Pfeiffer ist genau das das Problem. Er fordert externe Vermittler, die neutral sind, weder Mobbing-Opfer noch Täter kennen. Denn der Zusammenhalt bei der Polizei sei enorm:

O-Ton, Prof. Christian Pfeiffer, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V.:

»Die ganze Geschichte ist ein Trauerspiel für die betroffenen Opfer. Sie müssen erleben dass die Bündnistreue, wir halten um jeden Preis zusammen, keiner verrät den anderen, wenn da mal Fehler passiert sind, dass das an Nummer eins steht und dass sie selber mit ihren berechtigten Interessen, die Sache aufzuklären, einfach nicht durchkommen. Das ist auf Dauer nicht akzeptabel.«

Neutrales Aufarbeiten sieht anders aus. Die Polizei schaut weg bei Mobbing. Opfer wie sie kommen so nicht zu ihrem Recht.