SENDETERMIN Mo, 7.7.2008 | 21.45 Uhr

Ist Schächten Tierquälerei?

Neue Erkenntnisse der Bundestierärztekammer

Das ist unser Grundgesetz. Klein, aber das hat es in sich. Da gibt es zum Beispiel den Artikel über die ungestörte Religionsausübung. Aber auch der Tierschutz steht im Grundgesetz. 

Was das eine mit dem andern zu tun hat? Eine Menge. Denken Sie mal an das sogenannte „Schächten“, also das rituelle Schlachten, bei dem die Tiere möglichst komplett ausbluten sollen.

Höchste Gerichte haben sich in Deutschland schon mit dem Thema befasst. Das Ergebnis: Schächten ist in Deutschland zwar grundsätzlich verboten, aber es muss Ausnahmen geben. Begründung: Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Jetzt laufen die Tierärzte Sturm gegen die Ausnahmen und unsere Politiker tun sich schwer mit der Thematik. Ulrich Neumann berichtet.

Bericht:

Ein muslimischer Schlachthof in einer Stadt in Niedersachsen: Hier wird einem Schaf bei vollem Bewusstsein die Kehle durchgeschnitten. Das Schlachten ohne vorherige Betäubung nennt man auch Schächten. Ein religiöser Brauch im Islam und im Judentum. In Deutschland aber zur Zeit nur praktiziert von einem Teil der Muslime.

Die Folge des betäubungslosen Schlachtens: ein minutenlanger, qualvoller Todeskampf. Die Bundestierärztekammer schätzt, dass bis zu 500.000 Schafe auf diese Weise in Deutschland pro Jahr der Religion wegen geschlachtet werden.

Dabei ist das Schächten in der Bundesrepublik eigentlich ausdrücklich verboten. So will es das Tierschutzgesetz. Zitat:


Zitat:

»Ein warmblutiges Tier darf nur geschlachtet werden, wenn es vor Beginn des Blutentzugs betäubt worden ist.«

Doch es gibt Ausnahmen für Religionsgemeinschaften. Dafür hat er Jahre lang gekämpft, der muslimische Metzger Rüstem Altinküpe aus Hessen. Mehr als zehn Jahre hat der Prozessmarathon gedauert. Bundesverfassungsgericht 2002 und erneut das Bundesverwaltungsgericht 2006 haben entschieden: Wenn es Angehörigen bestimmter Religionsgemeinschaften zwingend vorgeschrieben wird, darf geschächtet, also ohne Betäubung geschlachtet werden.

Ein Interview will Rüstem Altinküpe heute nicht mehr geben, hält er für überflüssig.

O-Ton, Rüstem Altinküpe, muslimischer Metzger:

»Der Fall ist erledigt, die Richter haben es entschieden. Und normalerweise muss jetzt Ruhe sein. Ich will nicht, dass jedes Jahr das gleiche Thema auf einem neuen Topf gekocht wird.«





Außerdem habe er keine Zeit, ständig viel zu tun. Tatsächlich nimmt das betäubungslose Schächten ständig zu.

Reinhard Strack-Schmalor ist als Verwaltungsdirektor des hessischen Lahn-Dill-Kreises für den muslimischen Metzger Altinküpe zuständig. Er erteilt die Ausnahmegenehmigung für das Schächten. Und die Zahlen steigen.

O-Ton, Reinhard Strack-Schmalor, Verwaltungsdirektor Lahn-Dill-Kreis:

»Ja, wir haben die Situation, dass im Jahr 1997 von ihm beantragt wurde ca. 700 Tiere pro Jahr zu schlachten oder jetzt zu schächten. Inzwischen möchte er 3.540 Tiere pro Jahr schlachten oder, genau gesagt, schächten. Das ist ein Zuwachs von über 400 Prozent.«



Aufnahmen aus einer muslimischen Schlachterei vor den Toren Hamburgs. Hier wird ebenfalls geschächtet. Ohne Betäubung. Auch hier das gleiche Bild: ein minutenlanger, qualvoller Todeskampf.

Gegen solche Zustände laufen Tierschützer Sturm - seit Jahren. Jetzt erhalten sie prominente Unterstützung von Deutschlands wichtigster tiermedizinischer Organisation, der Bundestierärztekammer. Deren Präsident, Dr. Ernst Breitling, hat ein Gutachten zum betäubungslosen Schlachten in Auftrag gegeben. Dieses Gutachten hat weltweit über 70 Untersuchungen ausgewertet. Hauptergebnis: Wissenschaftlich erwiesen ist, dass es selbst unter optimalen Bedingungen bei dem überwiegenden Teil betäubungslos geschlachteter Tiere

Zitat:

»zu erheblichen Leiden und Schmerzen kommt.«

Schlussfolgerung:

O-Ton, Dr. Ernst Breitling, Präsident Bundestierärztekammer:

»Es liegt ein klarer Fall von Tierquälerei vor. Und es kann nur so sein, dass diese Ausnahmen nicht mehr zugelassen werden. Und damit muss das Gesetz geändert werden. Das ist unsere Position.«





Ernährungs- und Verbraucherschutzminister Horst Seehofer wäre zuständig, eine Gesetzesänderung auf den Weg zu bringen. Auch für ihn steht die Qual der Tiere beim betäubungslosen Schächten außer Frage. Doch ein Verbot dieser Methode hält er für nicht durchsetzbar.

O-Ton,  Horst Seehofer, CSU, Bundesminister für Ernährung:

»Es gibt, an dieser Tatsache kommt kein Politiker vorbei, eben noch diese Religionsfreiheit, die wir nicht völlig, wenn es Religionsgemeinschaften praktizieren wollen, nicht völlig ausblenden können. Das wäre eine unaufrichtige Politik, wenn man das, angesichts der Bilder läge es ja nahe, dies der Bevölkerung zu versprechen, aber man könnte es nicht einhalten nach der Verfassungslage.«

Eben wegen der Verfassungslage ist für ihn das neue Gutachten kein Grund, das Gesetz zu verändern, obwohl Tierschutz mittlerweile in genau derselben Verfassung verankert ist.

Tierschutz contra Religionsfreiheit, scheinbar ein Gordischer Knoten, ein unlösbarer Konflikt. Muss denn nach muslimischem Recht wirklich unbedingt betäubungslos geschlachtet werden oder gibt es Alternativen?

Wir sind in Istanbul, erfahren Erstaunliches. Und was wir hier erfahren, ist inzwischen eine weit verbreitete Meinung in der muslimischen Welt.

O-Ton, Prof. Tamer Dodurka, Fakultät Veterinärmedizin, Uni Istanbul:

»In unserem Land hat die Religionsbehörde, die zuständig für Religionsangelegenheiten ist, eine Fatwa, also eine religiöse Vorschrift, gegeben und erklärt, eine Schlachtung mit Betäubung verstoße nicht gegen den Islam. Für den Islam ist es wichtig, dass das Tier noch vor seinem Tod geschnitten wird und dass sein ganzes Blut abfließt. In dieser Hinsicht tötet die Betäubung das Tier nicht.«

Also: Tiere könnten mit Betäubung islamgemäß geschlachtet werden, aber eine erneute Auseinandersetzung über das Schächten ohne Betäubung scheuen bislang die Politiker hier in Deutschland.

O-Ton, Dr. Karl Fikuart, Bundestierärztekammer:

»Hier möchte man sich nicht positionieren. Man hat also einfach Angst, in irgendeine Debatte hineingezogen zu werden, die eine Minderheit hier dann der Politik aufzwingen würde. Und die Minderheit hat ihre Rechte, zweifelsfrei. Aber die öffentliche Meinung und die wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen eindeutig dafür, dass hier eine Änderung des Tierschutzgesetzes unbedingt, zwingend notwendig ist.«

Abmoderation Fritz Frey:

Manchmal hilft ja auch ein Blick über den deutschen Tellerrand. Und siehe da: In der Schweiz ist das Schächten von Säugetieren verboten. Für Geflügel jedoch erlaubt. In Schweden, Island und Liechtenstein ist Schächten verboten. Mit anderen Worten: Wenn man es verbieten will, geht es auch.

Stand: 13.06.2008, 23.58 Uhr