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Text des Beitrags Die Allmacht der Jugendämter

Warum beim Umgangsrecht oft Willkür herrscht

Anderes Thema! Kinder groß zu ziehen – das ist für Eltern eine Herausforderung. Gut, wenn man diese gemeinsam meistern kann. Aber nicht immer klappt das mit dem gemeinsamen Meistern. Ehen, Lebensgemeinschaften können auseinanderbrechen, das gehört zur Lebenswirklichkeit dazu.

Doch was passiert dann mit den Kindern? Nicht allen, die sich trennen, gelingt ein kindgerechtes Modell. Manchmal ist das eine unlösbare Aufgabe. In solchen Fällen sollten Jugendämter helfen. Sollten.

Monika Anthes und Eric Beres sind unterschiedlichen Vätern und Müttern begegnet, die eines eint – ihre Kritik an Jugendämtern. Aber der Reihe nach.


Bericht:

Außer ein paar Fotos ist ihm nichts geblieben. Dieser Vater, nennen wir ihn Martin Müller, hat seine Tochter seit über zwei Jahren nicht mehr gesehen.


O-Ton, Martin Müller, Name geändert:

Martin Müller (Name geändert)

Martin Müller (Name geändert)

"Ich finde das sehr… innerlich schon zerstörend, schon allein aus diesem Grund, weil ich nicht weiß, wie es ihr geht."






Lange Zeit, erzählt er uns, habe er zu seiner Tochter ein sehr gutes Verhältnis gehabt. Sie hätten sich oft gesehen, obwohl er seit langem von der Mutter getrennt lebt.

Doch dann, berichtet er, sei es immer öfter zu Streitereien gekommen. Die Mutter habe versucht, den Kontakt zum Vater zu verhindern. Als die Mutter schwer erkrankte, sei es der Tochter schlecht gegangen.

Martin Müller wendet sich aus Sorge um das Kind an das Jugendamt der Stadt Bonn. Die Behörde ist gesetzlich dazu verpflichtet, Eltern in Konfliktsituationen zu beraten und zu unterstützen – und dafür zu sorgen, dass Kinder zu beiden Eltern einen guten Kontakt halten können.

Doch in seinem Fall hat Martin Müller einen ganz anderen Eindruck.


O-Ton, Martin Müller, Name geändert:

"Ich hatte bis heute noch kein Gespräch, wo ich sagen kann: Ich fühle mich in der Situation beraten. Es fand keine Mediation statt. Man hat meine Sorgen und meine Ängste nach meinem Empfinden nicht im Entferntesten für ernst genommen und stattdessen einseitig immer wieder offensichtlich mit der Mutter kooperiert."


Sein Vorwurf: Statt zu vermitteln, drängt ihn das Amt aus dem Leben der Tochter. Nicht nur der Vater sieht das so.

REPORT MAINZ liegt die Stellungnahme einer unabhängigen psychologischen Gutachterin vor. Sie hat den Fall eingehend analysiert und kritisiert:


Zitat:

"Leider ist die 'Aufteilung des Kindes' einseitig bearbeitet worden."


Ein Eindruck, den auch Sybille Clemens teilt. Die ehemalige Klassenlehrerin der Tochter hat sich intensiv mit den Problemen des Mädchens beschäftigt und damals versucht zu vermitteln:


O-Ton, Sybille Clemens, ehemalige Lehrerin:

Sybille Clemens

Sybille Clemens

"Ich kann nicht verstehen, dass man den Vater in diese Buhmann-Rolle schickt. Da gehört er absolut nicht hin. In keinster Weise. Ich finde es traurig für ihn und ich finde es eigentlich traurig für das Kind. Denn die Chance, einen Vater zu erleben, hat sie ja die letzten Jahre nicht gehabt."



Und das, obwohl Martin Müller in einer Verhandlung am Familiengericht zugesichert wurde, dass es weiterhin ein gemeinsames Sorgerecht geben soll und dass er seine Tochter auch regelmäßig sehen darf.


O-Ton, Martin Müller, Name geändert:

"Diese Vereinbarung ist nichts wert. Schlicht und ergreifend, weil keiner eingreift, insbesondere das Amt bemüht sich nicht im Entferntesten, dass diese Vereinbarung umgesetzt wird."


Wir konfrontieren das Jugendamt mit diesen Vorwürfen. Doch trotz mehrfacher Nachfrage bekommen wir kein Interview. Man beruft sich auf den Datenschutz.

Väter und Mütter ohne Kontakt zu den eigenen Kindern – trotz richterlicher Entscheidungen für einen gemeinsamen Umgang.

Mit solchen Fällen sind Anwälte und Experten tagtäglich konfrontiert:
Etwa die Buchautorin und Jugendamtsexpertin Karin Jäckel und der Anwalt und ehemalige Familienrichter Jürgen Rudolph.


O-Ton, Jürgen Rudolph, Anwalt und ehemaliger Familienrichter:

Jürgen Rudolf

Jürgen Rudolf

"Ich erlebe, dass in der Regel gerichtliche Umgangsregelungen von den Jugendämtern nicht unterstützt werden, nicht begleitet werden, und die Jugendämter sogar in dem Moment, wo die Gerichte nicht mehr da sind, ebenfalls vollständig abtauchen."




O-Ton, Karin Jäckel, Autorin:

Karin Jäckel

Karin Jäckel

"In den Ämtern wird oft gesehen, es muss die Mutter Ruhe haben, es muss das Kind Ruhe haben, und damit diese Ruhe einkehrt, muss der andere Elternteil, zumeist der Vater, aus dem Leben des Kindes verschwinden."




Frage: Zum Wohle der Kinder?


O-Ton, Karin Jäckel, Autorin:

"Nein. Nicht zum Wohle der Kinder, denn alle Kinder vermissen einen anderen, den zweiten Elternteil."


Jedes Jahr sind schätzungsweise 200.000 Kinder von der Trennung ihrer Eltern betroffen. Unzählige Kinder leiden also, wenn sich Jugendämter auf die Seite eines Elternteils schlagen.

Er spricht ganz offen über das Problem: Marc Serafin ist selbst Leiter eines Jugendamts in Nordrhein-Westfalen und sieht die Arbeit vieler seiner Kollegen sehr kritisch.


O-Ton, Marc Serafin, Jugendamtsleiter Niederkassel:

Marc Serafin

Marc Serafin

"Wir schicken heutzutage Kleinkinder in die KiTa, da verbringen die Kinder einen Acht-Stunden-Tag, aber es gibt manchmal Hemmungen, ein Kind von der Mutter für eine Übernachtung zum Vater zu schicken. Das sind veraltete Vorstellungen. Die Jugendämter müssen meines Erachtens mehr als bisher dafür sorgen, dass nicht ein Elternteil vom anderen Elternteil hier im Kontakt zum Kind ausgeschlossen wird."


Ausgeschlossen. So fühlt sich auch Maren Schneider. Nach der Trennung lebt der gemeinsame fünfjährige Sohn beim Vater. Der Vater versucht, den Kontakt zu ihrem Sohn zu unterbinden. Auch sie fühlt sich vom Jugendamt ungerecht behandelt.


O-Ton, Maren Schneider, Name geändert:

Maren Schneider (Name geändert)

Maren Schneider (Name geändert)

"Also meine Meinung ist ganz einfach die, dass dadurch, dass das Jugendamt von Anfang an nicht ordentlich arbeitet und auch kräftig mitwirkt, dass ich meinen Sohn nicht zu Gesicht bekomme. Die Zeit, die läuft davon, es ist einfach eine Entfremdung von meinem Sohn."



Dabei hatte auch ihr eine gerichtliche Vereinbarung zugesichert, dass sie ihren Sohn regelmäßig zu sich nach Hause holen darf.

Doch dann hält sich ihr Ex-Partner nicht mehr daran, bringt den Jungen nicht mehr zum Treffpunkt am Bahnhof.

Und das Jugendamt?

Es erklärt auf unsere Anfrage, die Mutter habe mehrere Hilfsangebote abgelehnt, Bedingungen gestellt, denen man nicht hätte nachkommen können.

Die Behörde teilt der Mutter mit, sie solle sich künftig eigenständig mit dem Vater absprechen. Sie soll das Problem also selbst regeln.


Fazit: Viele Mütter und Väter haben trotz richterlicher Beschlüsse keinen Kontakt zu ihren Kindern. Und allzu oft werden Jugendämter ihrem gesetzlichen Auftrag nicht gerecht.