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SENDETERMIN Mo, 11.1.2010 | 21:45 Uhr | Das Erste

Der Spitzel und die Nobelpreisträgerin Wie ein befreundeter Schriftsteller Herta Müller an die Securitate auslieferte

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Der Literaturnobelpreis für Herta Müller hat einiges bewirkt. Ihre sprachmächtigen Bücher schossen auf den Bestsellerlisten nach oben, der eine oder andere hat über die Feiertage eines davon gelesen und ist dabei der Unmenschlichkeit der einstigen rumänischen Diktatur begegnet.

Schild und Schwert auch dieser Diktatur der Geheimdienst, in diesem Fall die Securitate. Bitter hatte Herta Müller im letzten Jahr formuliert, dass Deutschland ein gemütliches Reservat für Securitate-Spitzel sei. Achim Reinhardt ist diese bittere Zeile nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Er wollte wissen, ob es wirklich so ist.

Bericht:

Schriftstellerin Herta Müller wieder zurück in Berlin. Vor drei Wochen hat sie in Stockholm die höchste literarische Auszeichnung erhalten – den Literaturnobelpreis. Weltweite Aufmerksamkeit für die rumäniendeutsche Autorin. In ihren Büchern setzt sie sich mit dem Leben in der sozialistischen Diktatur auseinander.

O-Ton, Anders Olsson, Nobelpreisjury:
»Liebe Herta Müller, Sie haben den großen Mut gehabt, der provinziellen Unterdrückung und dem politischen Terror kompromisslos Widerstand geleistet.«

Herta Müller hat selbst erlebt, wovon sie schreibt. Die Erfahrungen mit der Schreckensherrschaft in Rumänien lassen sie nicht mehr los.

O-Ton, Herta Müller, Literatur-Nobelpreisträgerin:

»Also, ich war gewöhnt in Angst zu leben. Es gab das ständige Eindringen in die Wohnung, wenn man nicht zu Hause war, es gab Hausdurchsuchungen, Beschattung auf der Straße, ständig, dann, wir hatten ja die ganze Wohnung verwanzt, in jedem Raum waren ja Abhörwanzen, also, wir waren ja gar nicht privat. Das haben wir damals nicht gewusst.«

Akribisch hat die Securitate, der Geheimdienst in Rumänien, belastendes Material über Gegner der Diktatur gesammelt. Erst vor wenigen Monaten hat Herta Müller ihre geheime Akte bekommen, 914 Seiten mit Verleumdungen. Am Anfang steht der Bericht eines Spitzels. Sein Deckname: Voicu. Er denunziert Herta Müllers ersten Roman.

Zitat:

»Kritik und immer wieder Kritik. Eine so destruktive Kritik, dass man sich fragen muss, welchen Zweck solche Texte wohl verfolgen?!«

Massive Vorwürfe gegen Herta Müller. Welche Rolle spielte der Spitzelbericht für den Geheimdienst? Wir fragen Georg Herbstritt, Historiker und Rumänien-Experte.

O-Ton, Georg Herbstritt, Birthler-Behörde:

»Das ist für den Geheimdienst, für die Führungsoffiziere, der Anlass gewesen, eine Akte über Herta Müller zu eröffnen und die Verfolgung einzuleiten. Selbst wenn er vielleicht sogar Recht hatte damit, dass Herta Müller die Zustände im Land kritisiert, dann muss man das dem Geheimdienst nicht noch mal auftischen. Denn dort wird es eben wirklich gefährlich für die Betreffenden.«

Mit dem Spitzelbericht gerät Herta Müller ins Fadenkreuz des Geheimdienstes. Es folgen Schikanen, Verhöre, Todesdrohungen. Doch wer verbirgt sich hinter dem Decknamen Voicu? Wer hat sie als Staatsfeindin denunziert?

Wir gehen auf Spurensuche und treffen den Schriftsteller Horst Samson. Auch über ihn hat Voicu an den Geheimdienst berichtet. Seit Wochen beschäftigt er sich intensiv mit den Akten. Jetzt glaubt er, den Spitzel erkannt zu haben.

O-Ton, Horst Samson, Schriftsteller:
»Es ist Franz Thomas Schleich.«

Wer ist Franz Thomas Schleich? Alte Aufnahmen von ihm aus Rumänien. Schleich zählt damals zum Bekanntenkreis von Herta Müller. Er arbeitet als Journalist für eine Zeitung, schreibt Gedichtbände.

Anfang der 80er Jahre macht er mit Artikeln im „Stern“ auf sich aufmerksam. Darin stellt er sich als Opfer des Regimes dar. Außenminister Genscher nimmt sich des Falls an, und Schleich darf ausreisen. Er zieht in die Nähe von Ludwigshafen, macht Karriere bei einem großen Konzern. Hat Schleich wirklich für die Staatspolizei gearbeitet?

Sein einstiger Freund Horst Samson hat keinen Zweifel daran. Er hat Schleich an Berichten über gemeinsame Erlebnisse und an der Handschrift erkannt.

O-Ton, Horst Samson, Schriftsteller:

»Ich habe keine Idee, wie so etwas zustande kommen kann, so ein Lebenslauf, dass jemand dermaßen gehässig, ausufernd und eigeninitiativ, fleißig berichtet. Und weiß, er ist ja ein kluger Kopf gewesen, und wusste, dass er mit dem uns alle zerstören kann.«



Voicu hat viele Spitzelberichte mit der Hand geschrieben. Stimmt die Schrift tatsächlich mit der von Schleich überein? Wir geben ein Gutachten in Auftrag. Es bestätigt, dass „die in Frage stehenden Schriften mit mindestens hoher Wahrscheinlichkeit vom Vergleichsschreiber stammen“.

Ein eindeutiges Gutachten, klare Aussagen von Zeitzeugen. Auch andere Schriftsteller, die in ihren Akten Berichte von Voicu gefunden haben, bestätigen uns: Hinter dem Spitzel kann nur Schleich stecken. Wie schätzt der Wissenschaftler unsere Recherchen ein?

O-Ton, Georg Herbstritt, Birthler-Behörde:
»Wenn man die Akten der Betroffenen zusammenlegt, wenn man die Erinnerungen der Betroffenen mit heranzieht, dann gibt es eigentlich keinen Zweifel, auf wen es hinausläuft.«

Wir sprechen mit Herta Müller über unsere Recherchen. Gegenüber REPORT MAINZ bestätigt sie nun erstmals, wer sie unter dem Decknamen Voicu bespitzelte.

O-Ton, Herta Müller, Literatur-Nobelpreisträgerin:
»Ja, Franz Schleich steckt dahinter. Ich hoffe ja, dass es jetzt mindestens, nachdem diese Dinge durch die Akten belegt sind, dass es jetzt eine Diskussion darüber gibt. Und dass dieser Voicu auch sich erklären muss.«

Schleich will am Telefon nicht mit uns über die damalige Zeit reden. Wir versuchen, ihn persönlich mit den Vorwürfen zu konfrontieren.

Reporter: Herr Schleich, REPORT MAINZ, haben Sie für die Securitate gespitzelt?

In einer E-Mail lehnt er jede Stellungnahme zu unseren Fragen ab. Nur eines: Er habe in seinem Fall den „Verdacht einer üblen, mehrfachen Manipulation“ der Akten durch die Securitate.

O-Ton, Horst Samson, Schriftsteller:
»Das ist ausgeschlossen. Warum sollte die Securitate ihre eigenen Akten manipulieren? Nur damit sie sich selber nicht mehr auskennt, in ihrem eigenen Laden? Das ist undenkbar!«

Herta Müller will nicht mehr auf Entschuldigungen warten. Sie fordert jetzt, dass die Justiz bei den in Deutschland lebenden Spitzeln aktiv werden soll.

O-Ton, Herta Müller, Literatur-Nobelpreisträgerin:
»Ich habe immer viele Jahre gedacht, im Freundeskreis hätte es bei uns keine Spitzel gegeben. Ich habe jetzt gemerkt, dass das nicht so ist. Und das sind Sachen, ja, wenn man Dinge entdeckt, die man nicht für möglich gehalten hat, sind das auch immer noch einmal Verletzungen.«

Täter ohne Reue. Herta Müller sucht weiter nach Worten für den Verrat ihrer Freunde.

aus der Sendung vom

Mo, 11.1.2010 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Achim Reinhardt
Kamera:
Ingo Manzke, Thomas Schäfer
Schnitt:
Jonathan Schaider
Sprecher:
Achim Reinhardt