aus der Sendung vom Montag, 20.10.2008 | 21.45 Uhr | Das Erste
Vielleicht hat das ja auch mit unserer nächsten Geschichte zu tun. Einer Geschichte, die mit einer scheinbar guten Nachricht beginnt. Trotz der Turbulenzen an den Finanzmärkten, die Arbeitslosigkeit gehe zurück. Bislang zumindest. Die Nachfrage nach Arbeitskräften sei groß und davon, so heißt es aus der Bundesanstalt für Arbeit, profitierten auch die Älteren. Schön wäre das, wenn es wahr wäre. Ist es aber nicht, hat Oliver Heinsch herausgefunden.
Bericht:
Günter Flick ist einer von denen, die angeblich dringend gesucht werden. Eine Fachkraft mit besten Zeugnissen. Flick ist Handwerksmeister, Ingenieur, war äußerst erfolgreicher Vertriebsleiter und Verkäufer. Doch vor einem Jahr ging sein Arbeitgeber pleite. Seither sucht der 58-Jährige einen Job. Ohne Erfolg.
O-Ton, Günter Flick:
»Kein Mensch, sagen wir es mal ganz krass, hat Verwendung mehr für Dich, kein Mensch möchte Dich mehr, kein Mensch will mehr deine Erfahrungen wissen, was du gesammelt hast, kein Mensch braucht dich mehr, und das ist ganz, ganz bitterlich.«
Keine Chance für Ältere? Offiziell hört sich das anders an. Die Älteren seien wieder gefragt, dank Fachkräftemangel und Arbeitsmarktreformen, so die frohe Botschaft der Politik.
O-Ton, Franz Müntefering, SPD, 11.10.2007:
»Über zwei Drittel der 55 bis 59-Jährigen sind wieder in Beschäftigung, mit Verlaub, darauf dürfen wir alle miteinander Stolz sein.«
Und auch die Bundesagentur für Arbeit ist offenbar stolz. In bunten Broschüren werden die besseren Beschäftigungschancen Älterer geradezu euphorisch gefeiert.
O-Ton, Heinrich Alt, Bundesagentur für Arbeit, 30.10.2007:
»Auch die Älteren haben von der guten Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt profitiert.«
Günter Flick hat davon noch nichts gemerkt. 144 Bewerbungen hat er geschrieben, hat schließlich sogar angeboten, zwei Monate kostenlos zu arbeiten. Nicht ein einziges Mal ist er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden.
O-Ton, Günter Flick:
»Für mich ist es eine Katastrophe, ich möchte arbeiten, ich möchte wirklich arbeiten, ich möchte gerne mein Wissen, meine Möglichkeiten zur Verfügung stellen, meinem Arbeitgeber, aber ich habe nicht mal die Chance, ihm das zu sagen.«
An der Uni Duisburg-Essen treffen wir Professor Bosch. Sein Ergebnis bislang unveröffentlichter Untersuchungen: Die besseren Beschäftigungs-Chancen Älterer sind statistische Scheineffekte. So ist die Bevölkerung insgesamt älter geworden. Deshalb gibt es mehr ältere Arbeitnehmer. Für ältere Arbeitslose sieht die Sache anders aus.
O-Ton, Prof. Gerhard Bosch, Institut für Arbeit und Qualifikation, Universität Duisburg-Essen:
»Die Situation der älteren Arbeitslosen, also derjenigen, die ihren Job verloren haben, die jetzt auf dem Arbeitsmarkt sind und nach einem neuen Job suchen, die hat sich eigentlich nicht wirklich verbessert, die Unternehmen stellen prozentual genauso viel Ältere ein, wie vor zehn Jahren, also relativ wenig.«
Die Personalberaterin Astrid Levevere. Eine Insiderin. Sie sucht im Auftrag großer Firmen Personal. Sie packt vor der Kamera aus. In vielen Unternehmen gäbe es strikte schriftliche Anweisungen, keine Älteren einzustellen.
O-Ton, Astrid Levevre, Personalberaterin:
»Das kritische Alter beginnt bei 45, bei Frauen sogar manchmal schon bei 43. Manchmal sogar wird das ganze runtergebrochen bis auf ein Alter von 35, für gewisse Bereiche will man Mitarbeiter haben, die jung sind.«
Die Stellenanzeige einer süddeutschen Baustofffirma. Hier hatte sich Günter Flick beworben. Die Firma suchte einen Handwerker, Ingenieur und erfahrenen Verkäufer für Baustoffe. All das, was Flick jahrelang gemacht hat. Ergebnis:
O-Ton, Günter Flick:
»Ich habe eine Absage bekommen, eine Absage mit der Begründung, dass sich sehr viele qualifizierte Bewerber gemeldet haben.«
Wir erkundigen uns telefonisch bei der Firma und erfahren Erstaunliches: Die Stelle sei immer noch frei, es gebe kaum geeignete Bewerber. Gegen Ältere habe man nichts.
Doch warum wurde Günter Flick dann nicht einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen? Das will auch er jetzt wissen und versucht bei der Firma nachzufragen. Aufnahmen mit versteckter Kamera.
O-Ton, Quelle: Gedächtnisprotokoll:
»Ich habe mich vor ungefähr sechs Wochen beworben und habe eine Absage bekommen, und hätte jetzt gerne die zuständige Mitarbeiterin gesprochen.«
O-Ton, Quelle: Gedächtnisprotokoll:
»Die hat jetzt leider keine Zeit, ein dringender Termin. Sie können aber gerne noch mal anrufen.«
Dann versuchen wir es. Für uns hat man Zeit. Ein Interview gibt es nicht. Man bietet uns eine sonderbare Erklärung an. Die Firma habe erst während der Ausschreibung gemerkt, dass man doch eine etwas andere Qualifikation brauche. Deswegen passe Herr Flick nicht. Für Insider ein typischer Fall.
O-Ton, Astrid Levevre, Personalberaterin:
»Das liegt auf der einen Seite daran, dass man älteren Mitarbeitern unterstellt, nicht mehr so flexibel zu sein, krankheitsanfälliger zu sein, dass sie auch teurer sind, und es gibt genug junge Leute auch noch in der Warteschleife, die dann eben auch den gleichen Job preisgünstiger machen.«
Doch die Politik beschwört weiter die schöne neue Arbeitswelt für Ältere. Der Grund: Die Arbeitsmarktreformen treffen die Älteren hart. Schon nach anderthalb Jahren droht ihnen Hartz IV, in Rente können sie aber erst später.
Der erfahrene Arbeitsmarktexperte Stefan Sell sagt, die Politik suggeriere Reformerfolge, um von Härten wie der Rente mit 67 abzulenken.
O-Ton, Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte:
»Die Leute wissen doch, sie müssen länger arbeiten, sie müssen hier länger im Boot bleiben, und die Politik versucht jetzt den Leuten den Eindruck zu erwecken, das ist alles gar kein Problem, dass werdet ihr alle locker schaffen, weil wir brauchen euch so händeringend, wir suchen euch so händeringend, dass ist ein stückweit psychologische Kriegsführung, die wir da erleben.«
Ältere sind wieder gefragt! Eine schöne Botschaft, aber leider nicht wahr. Günter Flick wird sich weiter bewerben, wohl nur um zu erfahren, was er ohnehin schon weiß, dass er den meisten Arbeitgebern offenbar schlicht zu alt ist.
O-Ton, Günter Flick:
»Wenn ich dann diese Absagen bekomme, dann bricht in mir wieder ein kleines Stückchen meiner Selbstachtung, vielleicht auch meiner Würde, ab. Weil einfach kein Mensch interessiert daran ist, was hat der eigentlich schon in seinem Leben geschaffen.«
Letzte Änderung am: 12.09.2008, 23.58 Uhr
Kommentare zu diesem Artikel:
Ab 50 auf dem Abstellgleis- nach wie vor aktuell
Ab 50 auf dem Abstellgleis- nach wie vor aktuell
(Beate Kretschmer) 19.04.2012 , 13:17
Der oben aufgeführte Auszug Interview Sendung vom 20.10.2008 ist auch heute noch , 4 Jahre später, genauso aktuell. Ältere Arbeitslose haben so gut wie keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Man kann sich bewerben, selbst wenn das Profil passt, es kommt eine Absage, keine Chance auf einen Vorstellungstermin. Text der Absage fast immer gleich,... einen Bewerber gefunden, der besser vom Profil her passt..., Wir wünschen alles Gute und viel Erfolg bei Ihrer Arbeitssuche. Diesen Satz empfinde ich übrigens wie einen Schlag ins Gesicht. Die Agentur für Arbeit schreibt vor, bewerben Sie sich bitte und zwar z.b. 10 Bewerbungen bis zum nächsten Termin mit Nachweis. Stellenangebote können sie nicht mitgeben, sie finden keine im Netz. Also muss man selber aktiv werden, aber irgendwann hat man alle Dienstleister durch. Wie fühlt man sich, wenn man arbeiten will, möchte und auch muß? Es aber nicht darf, bzw. kann, weil man ja nicht einmal die Chance bekommt, zu beweisen, dass man als älterer Mensch doch auch noch brauchbar ist und Leistung bringen kann. Der letzte Abschnitt O- Ton Günter Flick beschreibt mit den zwei Sätzen, wie sich ein älterer Arbeitslosen nach einer Absage fühlt. Aber Frau von der Leyen hat ja ihre Statistik, die zeigt,dass die älteren Arbeitslosen inzwischen vom Fachkräftemangel profitieren, also die Gewinner sind. Und so kann sie sich lächelnd vor die Kamera stellen, denn sie und ihre Mitarbeiter haben doch einen tollen Job gemacht. Ich würde mich freuen, einen Arbeitgeber zu finden, der mich als ältere Arbeitslose einstellt, weil er mir zutraut, einen guten Job zu machen. Aber die Realität sieht anders aus. Mit freundlichen Grüßen B. K.