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29.05.2012
21.45 Uhr, DasErste

REPORT MAINZ vom 17.04.2012

REPORT MAINZ,  17.4.2012 | 27:17 min

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Boehringers umstrittene Patentpolitik Werden lebenswichtige Aids-Medikamente für Afrika unbezahlbar?

aus der Sendung vom Montag, 27.11.2006 | 21.45 Uhr | Das Erste

Moderation Fritz Frey:

Das kleine Mädchen hinter mir werden Sie gleich kennen lernen. Es gehört zu den 2,3 Millionen Kindern, die mit dem AIDS-Virus infiziert sind. Miriam, so heißt die Kleine, lebt in Afrika. Dort tobt die AIDS-Epidemie am schlimmsten.

Glücklicherweise gibt es mittlerweile Medikamente, die wirklich helfen können. Vorausgesetzt die Betroffenen können es sich leisten. Aber genau an diesem Punkt läuten bei vielen Hilfsorganisationen die Alarmglocken. Daniel Hechler erklärt, warum.


Bericht:

Miriam bleiben wohl nur noch wenige Monate. Die Sechsjährige hat AIDS im letzten Stadium. Ihre Eltern sind vor vier Jahren an der Seuche gestorben. Seither kümmert sich die Großmutter. Im Dorf gibt es zu wenig Essen und Trinken. Das nächste Krankenhaus ist über 40 Kilometer weit weg. Dort könnten Ärzte Miriams Leben retten. Aber die Großmutter hat kein Geld für die lange Fahrt.


O-Ton:

»Ich weiß, was das für sie bedeutet. Auch wenn ich das innerlich noch nicht akzeptiert habe. Ich bin sehr verzweifelt.«

Alltag in Malawi, einem der ärmsten Länder der Welt im südlichen Afrika. Etwa jeder fünfte hier ist HIV-infiziert. Davon 26.000 Kinder. Für die meisten noch immer ein Todesurteil. Vor allem in abgelegenen Dörfern sterben jährlich rund 80.000 Menschen an AIDS, weil nicht genug Geld da ist.

In diesem Krankenhaus in Thyolo gibt es die lebensrettenden Medikamente, auch für Kinder. Oft bringen sie ihre Mütter völlig unterernährt, von AIDS gezeichnet, in die Klinik. Viele haben einen beschwerlichen Weg hinter sich. Sie wurden alle selbst von ihren Männern mit HIV infiziert. Sie wissen, dass ihre Kinder ohne die Medikamente sterben müssten.


O-Ton:

»Ich bin sehr dankbar für die Medikamente und die Hilfe hier. Ich weiß, dass mein Kind jetzt überleben wird.«

Kinder bekommen hier Nachahmermedikamente, so genannte Generika, wie diesen Sirup. Das lebensrettende AIDS-Medikament wird von einem indischen Pharmakonzern speziell für Kinder in Entwicklungsländern hergestellt.

Erfunden hat den Wirkstoff Boehringer Ingelheim. Doch das Nachahmerpräparat kostet nur ein Viertel des Originals. Ein Segen für die ärmsten Patienten in Afrika. Ohne Generika hätten sie wohl keine Chance, meint die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, die sich seit Jahren in Malawi engagiert.


O-Ton, Ulrike von Pilar, Ärzte ohne Grenzen, Malawi:

»Das wäre eine Katastrophe. Das würde den Tod sicher sehr vieler Menschen bedeuten, weil die Programme in dieser Form einfach nicht weiter geführt werden könnten. Und es würde noch schlimmer in ein paar Jahren, wenn wir eben die nächste Generation von Medikamenten brauchen, die ja heute schon viel zu teuer sind.«

Warum kosten die Generika nur einen Bruchteil der Originalpräparate? Indische Pharmafirmen müssen an die Originalhersteller bislang keine Lizenzgebühr für Patente zahlen. So können sie die AIDS-Medikamente in Entwicklungsländern, wie Malawi, viel billiger anbieten.

Pharmamultis wie Boehringer Ingelheim haben das bislang hingenommen. Gerade Boehringer beteuert immer, sich für niedrige Medikamentenpreise in Entwicklungsländern einzusetzen. Schließlich macht der Konzern auch gute Gewinne in westlichen Ländern.

Doch nach Recherchen von REPORT MAINZ hat Boehringer in Indien nun ein Patent auf seinen Sirup für AIDS-kranke Kinder beantragt. In diesen Tagen könnten die indischen Behörden darüber entscheiden. Die Motive:


O-Ton, Andreas Barner, Vorstand Boehringer Ingelheim:

»Der Patentantrag ist dazu da, um sicher zu stellen, dass das Medikament nicht aus Indien nach Europa oder USA, Kanada exportiert wird. Wir haben damit auch die Möglichkeit sicher zu stellen, dass die Qualität des Herstellers stimmt.«


Geht es wirklich nur darum? Nachfrage bei der Patentexpertin Christiane Fischer von der BUKO Pharma-Kampagne. Sie hat selbst lange in Indien gearbeitet. Ihre Organisation kämpft im Bündnis mit „Ärzte ohne Grenzen“ und UNICEF seit Jahren für günstige AIDS-Medikamente für Entwicklungsländer. Ihre Einschätzung:


O-Ton, Christiane Fischer, Buko Pharma-Kampagne:

»Das ist schlicht und ergreifend Unsinn. Exporte nach Europa und nach Kanada kamen noch nie vor. Das ist illegal, genau wie es in anderen Ländern illegal ist, und, egal ob mit oder ohne Patenten, es bleibt illegal. Zum zweiten Punkt, zur Qualitätssicherung, die indischen Produkte sind qualitativ so gut wie die deutschen, das bestätigt die indische Arzneimittelbehörde, das bestätigt die Weltgesundheitsorganisation und das bestätigen Hilfsorganisationen, die diese Medikamente untersucht haben.«

Hilfsorganisationen fürchten: Kommt Boehringers Patentantrag durch, könnte der Konzern Exporte von Indien nach Afrika beschränken, Weiterentwicklungen blockieren. In jedem Fall sieht das indische Patentrecht eine automatische Lizenzgebühr vor. Der Konzern hält sie für vernachlässigbar.


O-Ton, Andreas Barner, Vorstand Boehringer Ingelheim:

»Ich glaube nicht, dass eine Gebühr von drei Prozent oder von vier Prozent oder von fünf Prozent, die dann aber gleichzeitig sicherstellt, dass die Qualität stimmt, die gleichzeitig sicherstellt, dass sie sich um die Arzneimittelsicherheit kümmert, dass die problematisch ist«


Kein Grund zur Besorgnis also? Die Fakten in Südafrika sprechen eine andere Sprache. Dort lässt Boehringer den Kindersirup in Lizenz herstellen. Die Folge: das Medikament kostet 214 $. Das Nachahmersirup aus Indien ohne Lizenz 99 $. Preisunterschied 116 Prozent.


Hilfsorganisationen schlagen Alarm.


O-Ton, Ulrike von Pilar, Ärzte ohne Grenzen, Malawi:

»Wir fürchten das diese Patentierung erstens die existierenden Medikamente noch teurer machen könnte und behindern könnte, dass bessere Medikamente weiter entwickelt werden. Und das würde ganz sicher noch mehr Leiden und noch mehr Tod von Kindern bedeuten.«



O-Ton, Christiane Fischer, Buko Pharma-Kampagne:

»Das heißt, wenn es ein Projekt gibt, wenn es ein Krankenhaus gibt, was vorher 500 Kinder behandeln konnte, kann es vielleicht nur noch 400 behandeln. Das heißt, 100 sterben.«

Trotz aller Kritik hält Boehringer am Patentantrag fest. Schließlich unterstütze der Konzern auch aus Lizenzgebühren Schulungen im Gesundheitswesen. Und er spende großzügig Medikamente um HIV-Übertragungen von Müttern auf Kinder zu verhindern. Kinder, die schon an AIDS erkrankt sind, haben davon leider nichts. Ebenso wenig ihre AIDS-kranken Mütter. Das Spendenprogramm gilt zudem als bürokratisch.


O-Ton, Ulrike von Pilar, Ärzte ohne Grenzen, Malawi:

»Das klingt erst mal gut. Und das ist ja auch vielleicht lobenswert, aber es funktioniert eben einfach nicht richtig. Also wir können hier in Malawi mit diesen gespendeten Medikamenten nicht arbeiten. Die kommen einfach bei uns nicht an. Aus welchem Grund auch immer, das ist wohl in andern Ländern ähnlich. Also wir arbeiten hier hauptsächlich mit Generika.«

Geht es Boehringer am Ende also um die Kontrolle über den afrikanischen Markt? Das wäre Marktbereinigung auf Kosten der Ärmsten der Armen. Denn jeder Cent mehr für Medikamente kostet in Ländern wie Malawi Menschenleben.


Abmoderation Fritz Frey:

Übrigens unser Team hat gemeinsam mit Ärzte ohne Grenzen der kleinen Miriam geholfen doch noch ins Krankenhaus zu kommen. Sicher, auch das nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Aber manchmal geht es eben nicht, sich nur auf das Berichten zu beschränken.

Letzte Änderung am: 23.11.2006, 18.29 Uhr

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