aus der Sendung vom Montag, 28.6.2010 | 21.45 Uhr | Das Erste

Wir kehren noch einmal zurück zu den Besserverdienden, also zu denen, die nach Meinung vieler stärker zur Kasse gebeten werden sollten. Je mehr das diskutiert wird, umso größer die Bereitschaft dort, für sich und das liebe Geld, sagen wir, unorthodoxe Steuersparmodelle zu entwickeln. Ein solches haben wir in der Schweiz entdeckt.
Schweiz – gab es da nicht mal einen deutschen Finanzminister, der unseren Nachbarn mit der Kavallerie gedroht hat? Richtig, doch seitdem hat die Schweiz Besserung gelobt. Die Wahrheit dahinter aber sieht anders aus, wie Dagmar Grimminger, Oliver Heinsch und Gottlob Schober herausgefunden haben.
Bericht:
Die Schweiz. Saftige Wiesen, idyllische Seen und hohe Berge. Neuerdings aber auch ein Musterbeispiel für Steuerehrlichkeit. Denn der Schweizer Finanzminister sagt, dass:
O-Ton, Hans-Rudolf Merz, Finanzminister Schweiz, 26.03.2010:
»… wir nicht interessiert sind an unversteuerten Geldern in unserem Finanzplatz.«
Dabei war die Schweiz doch einst der sichere Hafen für all diejenigen, die ihr hart verdientes Geld vor dem böswilligen Zugriff deutscher Finanzbeamter schützen wollten. Doch offenbar haben sich mittlerweile selbst Schweizer Banker mit dem deutschen Fiskus verbündet.
O-Ton, Thomas Sutter, Schweizerische Bankiervereinigung, 03.02.2010:
»Die Zukunft für den Finanzplatz Schweiz sieht ganz eindeutig so aus, dass wir steuerehrliche Gelder akquirieren möchten.«
Also kein Platz mehr für Schwarzgeld in der Schweiz? Fast hätten wir das geglaubt.
Doch dann das. Ein Brief – REPORT MAINZ zugespielt von einem Informanten. Eine kleine Schweizer Firma bietet ihre Dienste an. Unser Verdacht: Hier werden Lösungen angeboten, wie schwarzes Geld in der Schweiz weiß gewaschen werden kann, und zwar am deutschen Fiskus vorbei.
Wir fahren nach Zürich, wollen den Anbieter treffen, der uns am Telefon ein „Rund um Sorglos-Paket“ versprochen hat, ohne die, wie er sagt, „schmerzhaften Folgen“ einer Selbstanzeige. Wir haben uns ausgegeben als vermögende Erben, die unversteuertes Geld in der Schweiz haben. Also als Steuerhinterzieher. Wir drehen mit versteckter Kamera und lernen zunächst, dass eine Selbstanzeige brandgefährlich für uns sein könnte.
O-Ton, Quelle: Gedächtnisprotokoll:
»Bei einer Selbstanzeige sind jede Menge Risiken drin, Stolpersteine. Wenn Sie Pech haben, löst sich der Vorteil Selbstanzeige in Schall und Rauch auf, dann sind Sie vorbestraft.«
Stattdessen sollten wir unser Schwarzgeld lieber vor dem deutschen Fiskus verstecken bis alle Steuervergehen verjährt seien. Und zwar in einer Schweizer Aktiengesellschaft, die er für uns gründet.
O-Ton, Quelle: Gedächtnisprotokoll:
»Da hat niemand in Deutschland einen Einblick. Kein Mensch, nicht einmal wir wissen, wer sie sind. Müssen wir auch gar nicht.«
Frage: Und dann kommt das Finanzamt in Deutschland nicht mehr ran?
O-Ton, Quelle: Gedächtnisprotokoll:
»Ganz genau. Das kommt definitiv nicht mehr ran.«
In München treffen wir Steueranwalt Johannes Fiala, der zahlreiche vermögende Steuersünder vertritt. Er rät von solchen Angeboten ab. Doch in der Millionärsszene sind solche Super-Schnäppchen aus der Schweiz offenbar der Renner. Das haben uns auch andere Anwälte bestätigt.
O-Ton, Johannes Fiala, Steueranwalt München:
»Solche Angebote gibt es vermehrt, gerne auch auf dem Golfplatz angeboten, für ein interessiertes Publikum, also wir bekommen zunehmend Angebote von Mandanten vorgelegt, gerade von kleinen Firmen beziehungsweise Treuhandbüros, deren Modelle zu überprüfen.«
Tatsächlich: Im Internet wimmelt es von Angeboten kleiner Schweizer Finanzdienstleister. Mal wird ganz direkt gesagt, worum es geht, manchmal wird eher philosophisch um den heißen Brei geredet. „Um Vermögen zu erhalten, braucht man Weisheit“, heißt es hier.
Wie fahren erneut in die Schweiz, erfahren bei einer weiteren Firma, dass Weisheit offenbar manchmal Steuerhinterziehung heißen kann. Hier rät uns der Firmenchef: Wir sollen das Geld unter dem Mantel einer Lebensversicherung verstecken. Nach außen sei es dann nicht mehr unser Geld, sondern das der Lebensversicherung.
O-Ton, Quelle: Gedächtnisprotokoll:
»Sie zahlen das Geld auf einen Schlag ein. Durch den Versicherungsmantel haben sie höchste Diskretion – mehr als bei Banknummernkonten.«
Nach zwölf Jahren könnten wir uns das Geld dann legal aus der Lebensversicherung auszahlen lassen – blütenweiß gewaschen.
O-Ton, Quelle: Gedächtnisprotokoll:
»Sie müssen das zwölf Jahre liegen lassen, dann können Sie auf die Selbstanzeige verzichten. Wenn Sie sagen, ich brauche das Geld definitiv solange nicht, dann ist es eine gute Lösung. Der Staat muss nicht alles wissen.«
Aber selbst wenn es der Staat nicht erfährt, legal ist es offenbar nicht.
O-Ton, Johannes Fiala, Steueranwalt München:
»Die Straffreiheit, die hier oft als Perspektive mit verkauft wird, erweist sich bei genauer Prüfung als Marketing-Lüge.«
Dennoch boomt das Geschäft der kleinen Firmen mit dem Schwarzgeld. Doch wo bringen sie es eigentlich hin? Im Beratungsgespräch erhalten wir erste Hinweise.
O-Ton, Quelle: Gedächtnisprotokoll:
»Es gibt ja immer weniger Banken, die das Geld annehmen, aber wir haben sehr gute Bankkontakte.«
In Zürich besuchen wir René Zeyer. Er hat Banken beraten, ist heute ein bekannter Bankenkritiker. Zeyer beobachtet, dass immer mehr Schweizer Firmen sich auf das Geschäft mit dem Schwarzgeld stürzen, was früher die Banken selbst besorgt haben. Doch die profitierten noch immer, denn egal welches Mäntelchen über das Geld gestülpt wird, am Ende liegt es wieder bei einer Schweizer Bank.
O-Ton, René Zeyer, Bankinsider und Buchautor:
»Die Banken haben einfach einen weiteren Puffer davor geschaltet, um selber sich nicht ins Feuer zu begeben, der Vermögensverwalter dient eigentlich sozusagen als Mittelsmann zwischen dem Steuerhinterzieher und der Bank, und notfalls der Bank dient er dazu, dass sie ein weiteres Alibi hat, um ihre Hände in Unschuld waschen zu können.«
O-Ton, Johannes Fiala, Steueranwalt München:
»Unsere Mandanten sagen uns oft, dass die Hinweise auf kleine Treuhandbüros, die bei Steuerhinterziehung helfen, von der eigenen Hausbank in der Schweiz kommen.«
O-Ton, René Zeyer, Bankinsider und Buchautor:
»In Wirklichkeit ist das Prinzip der Schweizer Banken das gleiche wie vorher. Man versucht einfach mit juristischen Kniffen und neuen Möglichkeiten das gleiche Problem wie früher, wie verstaue ich in der Schweiz deutsches Schwarzgeld, neu zu lösen.«
Eigentlich sind sich die Eidgenossen also doch treu geblieben. Es hat sich viel geändert in der Schweiz. Soviel, dass am Ende doch fast alles wieder beim Alten bleibt.
Abmoderation Fritz Frey:
Wenn auch Sie mitreden wollen über die Frage, ob es gerecht zugeht im Land, dann können Sie das unter www.reportmainz.de.
Letzte Änderung am: 22.05.2010, 00.29 Uhr