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Endstation Hartz IV Der hilflose Kampf in Deutschlands Berufsschulen um eine verlorene Generation

aus der Sendung vom Montag, 19.4.2010 | 21.45 Uhr | Das Erste

Schulunterricht

Was Sie hier sehen, das ist Schulunterricht. Zugegebenermaßen kein normaler Schulunterricht. Hier sitzen Jugendliche, die keinen Schulabschluss haben, das sind immerhin Zehntausende pro Jahr. Ihre letzte Chance: das Berufsvorbereitungsjahr. So können sie den Hauptschulabschluss nachholen und vielleicht eine Lehrstelle bekommen.

Theoretisch zumindest. Und praktisch? Meine Kollegen Achim Reinhardt und Elisabeth Schneider waren mit ihren Kameras an der Berufsschule Untertaunus. Was sie sahen, war der hilflose Kampf um eine verlorene Generation.

Bericht:

Berufsschule Untertaunus, dritte Stunde. Politik bei Herrn Lotz.

O-Ton Schülerin:
»Oh nein, Leoni! «

O-Ton Gerhard Lotz, Lehrer:
»Setz Dich! «

O-Ton Leoni:
»Ich habe verschlafen.«

O-Ton Gerhard Lotz, Lehrer:
»Verschlafen? «

O-Ton Leoni:
»Ich bin mit dem Bus hierher gefahren.«

O-Ton Gerhard Lotz, Lehrer:
»Kriege ich da noch eine Entschuldigung?«

O-Ton Leoni:
»Na klar!«

Verschlafen – weil sie eine Tablette nicht vertragen hat. Letzte Woche hatte Leoni eine andere Entschuldigung – Gerichtstermin wegen Körperverletzung. In letzter Zeit war sie selten im Unterricht.

O-Ton Leoni:
»Ich versuch jetzt den Hauptschulabschluss zu kriegen, und dann eventuell halt Realabschluss oder Abendschule. Verpiss dich!«

Aggressiver Umgangston – hier normal. Keine Lehrstelle, kein Schulabschluss, keine Lust. Sie haben nicht gelernt durchzuhalten. Jede Ablenkung ist willkommen.

O-Ton Gerhard Lotz, Lehrer:

»Moise, mir ist es jetzt ganz, ganz, ganz wichtig, dass ihr die Prüfung besteht, das ist der Hauptschulabschluss. Und den könnt ihr erwerben innerhalb eines Jahres. Was bisher in acht Jahren nicht geklappt hat, das könnt ihr jetzt in dem einen Jahr nachmachen.«



Mit Schule kamen sie bisher nicht klar. Das Berufsvorbereitende Jahr soll ihre Chancen auf eine Lehrstelle verbessern. Dass sie überhaupt da sind – für viele schon ein Fortschritt. Im Metallkurs sind von 16 Leuten nur drei geblieben. Medina war in den letzten zwei Jahren gar nicht in der Schule.

O-Ton Medina:
»Also, ich war stark auffällig durch Schlägereien und Streitanzettelungen und so was. Bin öfters frech geworden gegenüber Lehrern und allem.«

O-Ton Ibrahim:
»Ich bin auch sehr oft rausgeflogen vom Unterricht. Und dann wurde ich hier auf die Schule geschickt. Und das ist meine letzte Chance jetzt hier.«

Bei Moise und Victor haben die guten Vorsätze nicht lange gehalten. Gerade eben hat ihr Mathelehrer sie rausgeworfen, weil sie den Unterricht massiv gestört haben.

O-Ton Moise:
»Ich hab den provoziert. Der hat darauf jetzt so reagiert. Nur weil ich ein paar Tasten gedrückt habe, muss der doch nicht gleich so abkacken, muss der doch nicht gleich so ausrasten, ey!«

Fünfte Stunde – Hauswirtschaftsunterricht. Heute sollen sie eine Tischdecke nähen. Dabei ist Konzentration gefragt – und viel Ausdauer.

O-Ton Moise:
»Frau Schroth, ich kann das einfach nicht. Frau Schroth? Mrs. Schroth!«

An Lernen ist nicht zu denken. Erst mal müssten sie sich benehmen. Von zu Hause kennen sie das nicht. Jeder kommt und geht, wann er will.

Frage: Was hat man denn hier für Druckmittel überhaupt?

O-Ton, Birgit Schroth, Lehrerin:

»Im Prinzip? Effektiv? Gar keine!«










O-Ton, Gerhard Lotz, Lehrer:
»Wie verhält man sich in der Gesellschaft, wie verhält man sich gegenüber Autoritäten, wie verhält man sich, wenn man in eine Firma geht und sich vorstellt. Also, da ist so gut wie gar nichts da.«

Schule haben die meisten längst satt. Aber jeden Tag zur Arbeit gehen, das können sie sich auch nicht richtig vorstellen.

O-Ton Moise:
»Koch hab ich ausprobiert. Das geht mal gar nicht.«

Frage: Warum?

O-Ton Moise:
»Arbeitszeiten sind wirklich extrem.«

O-Ton Medina:
» Vorher wollte ich Friseurin werden. Aber da hat man ja viel zu wenig verdient. Und das ist auch immer so eine Sache, mit so viel da rumstehen und... «

O-Ton Moise:
»2008 bezogen 6,6 Millionen Menschen Hartz-IV-Leistungen, drei Viertel von ihnen waren erwerbstätig – was ist das?«

O-Ton Gerhard Lotz, Lehrer:
»Wunderbar. «

Sechste Stunde: Hartz IV-Unterricht. Was das mit ihnen zu tun hat, ist noch nicht allen klar.

Frage: Warum nehmt ihr hier das Thema Hartz IV durch?

O-Ton Ibrahim:
»Weißt du’s? Ich weiß es auch nicht. Warte. He, Profi. Warum nehmen wir hier das Thema Hartz IV durch?«

O-Ton Max:
»Na ja, weil es für die meisten in der Klasse ein großes Thema sein wird.«

O-Ton, Gerhard Lotz, Lehrer:
»Weil einfach die Chancen für die Schüler relativ schlecht sind. Auch mit dem Bildungsabschluss, die erwerben einen Hauptschulschulabschluss. Und dieser Hauptschulabschlussabschluss ist aber hauptsächlich hier, bei uns in der Schule, etwas wert. Draußen, in der Industrie, Wirtschaft und so weiter ist er relativ wenig wert.«

Mike muss mit seiner Mutter zum Schulleiter. Er ist vom Unterricht suspendiert, weil er Mitschüler verprügelt und seine Lehrerin beleidigt hat. Für Mike steht jetzt der Hauptschulabschluss auf der Kippe.

O-Ton, Hans-Jürgen Sommer, Schulleiter:

»Da müssen wir auch wissen, was kannst du dazu beitragen, damit du dem Ziel näher kommst, ohne dass du dir das jetzt wieder verbaust durch irgendwelche verbalen Attacken oder irgendwelche Handgreiflichkeiten? Das ist der Punkt.«



O-Ton Mike:
» Ich hab mich ja entschuldigt und hab auch ihr gesagt, dass es überreagiert war und falsch war von mir, und dass es halt mir leid tut, dass es nicht mehr vorkommt«

O-Ton, Hans-Jürgen Sommer, Schulleiter:
» Das ist gut, so soll es sein.«

Mike muss jetzt ein Anti-Aggressionstraining besuchen. Schulleiter Sommer lässt es dabei bewenden. Er macht sich keine Illusionen, was seine Schule diesen Jugendlichen noch mitgeben kann.

Frage: Da muss ja in einem Jahr das nachgeholt werden, was in den letzten 8, 9 Jahren Schule versäumt wurde?

O-Ton, Hans-Jürgen Sommer, Schulleiter:
»Das ist unrealistisch. Das ist völlig unrealistisch, das reicht nicht aus, in dem einen Jahr im Grunde genommen, ja, man kann nicht sagen, versäumt wurde, sondern was geprägt wurde in diesen 9 oder 10 Jahren Und wir haben natürlich in diesem einen oder maximal zwei Jahren kaum die Chance, da das Ruder ganz rumzureißen.«

Nur ein einziger aus dieser Klasse wird eine Lehrstelle finden, schätzen die Lehrer. Wenn alles gut läuft. Auf den Rest wartet die Arbeitslosigkeit.


Abmoderation Birgitta Weber:

Nein, Diese Klasse ist kein Einzelfall. Rund eine halbe Million Jugendliche sind derzeit in ähnlichen Maßnahmen geparkt. Selbst die Bundesregierung räumt jetzt ein, das ganze System gehöre auf den Prüfstand. Für viele kommt diese Erkenntnis allerdings zu spät.

Letzte Änderung am: 15.04.2010, 18.24 Uhr



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