SWR Logo
Druckversion

Zum Ausdrucken des Textes benutzen Sie bitte die Druckfunktion Ihres Browsers.


Raubbau im Naturschutzgebiet Im Nationalpark Wattenmeer soll nach neuem Öl gebohrt werden

aus der Sendung vom Montag, 21.1.2008 | 21.45 Uhr | Das Erste

Wenn es um die Energieversorgung geht, ist Deutschland abhängig – von Russland, Norwegen, Großbritannien oder den Niederlanden. Abhängigkeiten aber bergen Gefahren. Was liegt da näher, als jede sich bietende Möglichkeit zu nutzen, Energiequellen zu erschließen, die im Inland liegen? Klingt doch vernünftig, aber ist es das auch in jedem Fall?

Thomas Reutter mit der Geschichte eines Konflikts. Auf der einen Seite ein mächtiges Energieunternehmen, auf der anderen Seite Naturschützer, die verhindern wollen, dass in einem Nationalpark nach Öl gebohrt wird. Keine leichte Güterabwägung.

Bericht:

Das Wattenmeer. Eine weltweit einzigartige Naturlandschaft. Heimat seltener und bedrohter Tierarten. Millionen Zugvögel machen hier Rast. International unterliegt das Wattenmeer den strengsten Naturschutzbestimmungen, trägt das Prädikat Nationalpark. Den niedersächsischen und schleswig-holsteinischen Teil wird die Bundesregierung in ein paar Tagen bei der UNESCO sogar als Weltnaturerbe anmelden.

Der Antrag sieht es als:

Zitat:
»...eines der außergewöhnlichsten, schönsten und ehrfurchtgebietendsten Landschaften und Meerespanoramen weltweit.«

Doch ausgerechnet hier, wo man aus Naturschutzgründen nicht einmal baden darf, will der Konzern RWE Dea nach Erdöl suchen. Das Konzept der geplanten Bohranlage, erstmals veröffentlicht in REPORT MAINZ: Von einer solchen Plattform aus soll eineinhalb Jahre lang nach Öl gebohrt werden. An sechs Stellen im Nationalpark.

Dagegen wollen Naturschützer vorgehen, allen voran der WWF.

O-Ton, Hans-Ulrich Rösner, WWF:

»Über Monate hinweg stehen da künstliche Inseln im Wattenmeer, wird eine Menge Lärm sein, wird Schiffsverkehr sein. Da gibt es Störungen von außen. Die Vögel werden gestört, die Seehunde werden gestört. So was gehört einfach nicht in den Nationalpark. Das ist ein erheblicher Schaden, der dort entsteht. Das ist wie die Faust aufs Auge, das ist wie eine Pommesbude im Kölner Dom. So was gehört nicht zusammen.«

Holger Wesemüller hat den Nationalpark Wattenmeer mit ins Leben gerufen. Heute ist er Vorstand des Dachverbands der Nationalparks in Deutschland.

O-Ton, Holger Wesemüller, Vorstand Europarc Deutschland e.V.:

»Wenn es denn mal einen negativen Fall gibt, dass eine Leitung bricht, dann haben wir das Desaster. Und Öl gehört nicht in einen Nationalpark hinein.«




Den Naturschützern geht es um solche Risiken: Immer wieder lief Öl aus Bohrinseln ins Meer, zuletzt im Dezember in die Nordsee.

O-Ton:
»Vor der Küste Norwegens ist Öl in die Nordsee gelaufen, und zwar etwa 4.000 Kubikmeter. Die zweitgrößte Menge in der Geschichte Norwegens.«

Eine moderne Bohrinsel mit hohen Sicherheitsstandards. Trotzdem riss eine Pipeline.

Das ist auf der Bohrinsel Mittelplate noch nie passiert. Unfallfrei betreibt RWE Dea die einzige deutsche Bohrinsel in der Nordsee seit 20 Jahren. Die Anlage wurde gegen den erbitterten Widerstand der Naturschützer gebaut. Bürger boykottierten Jahre lang Texaco-Tankstellen, denn Texaco gehörte damals die Bohrinsel. Der Boykott bescherte Texaco Millionenverluste.

Die Bohrinsel nahm trotzdem den Betrieb auf. Später erst wurde der Nationalpark geschaffen. Schleswig-Holstein, Hamburg und Niedersachsen richteten entlang der Nordseeküste eine Schutzzone ein. Von da an stand das Watt unter strengster Kontrolle. Doch RWE Dea hatte bereits Konzessionen, die trotz Nationalparkschutzes immer wieder verlängert wurden. Und der Konzern ist fest entschlossen im Nationalpark nach Erdöl zu bohren.

Frage: Muss denn RWE Dea unbedingt ausgerechnet hier, im Nationalpark, was womöglich Weltnaturerbe wird, muss es unbedingt hier sein?

O-Ton, Uwe-Stephan Lagies, RWE Dea AG:

»Ja, natürlich muss es hier sein, weil die Natur hat sich die Geologie so ausgesucht, wo mögliche Lagerstätten sind. Und in dem Auftrag, tatsächlich für die Versorgung unseres Landes beizutragen mit Rohöl und auch Erdgas in einer Förderregion gibt es diese Lokation, wo die vielversprechendsten Möglichkeiten für die Versorgung sind.«

Die Konzessionen im Wattenmeer, die sogenannten Aufsuchungserlaubnisse, erstrecken sich auf mehr als 1.600 Quadratkilometer. Eine Fläche größer als Hamburg und Berlin zusammen. Das meiste davon im Nationalpark. Erst kürzlich wurden die Erlaubnisse verlängert. Von dieser Behörde, dem Bergbauamt im niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld. Und das obwohl das Nationalparkgesetz in seinen Schutzbestimmungen eindeutig festlegt:
Zitat:
»Insbesondere ist es nicht zulässig, Sprengungen oder Bohrungen vorzunehmen.«

Wie also können dann überhaupt Ölkonzessionen in einem Nationalpark verlängert werden?

O-Ton, Frauke Schäfer, Landesbergbauamt Niedersachsen:

»Wenn die beantragte Fläche nur einen Teil hat außerhalb des Nationalparks, dann müssen sie die Aufsuchungserlaubnis erteilen, weil es könnte ja sein, dass die Firma gerade in diesem Fitzelchen, was jetzt außerhalb des Nationalparks liegt, aktiv werden möchte. Und dann können sie diese gesamte Konzession nicht versagen.«

Frage: Aber ist das nicht verrückt?

O-Ton, Frauke Schäfer, Landesbergbauamt Niedersachsen:

»Was ist verrückt? Das Bergrecht ist so.«

Und deshalb zieht das Nationalparkgesetz den Kürzeren. Das müsste eigentlich auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel auf den Plan rufen. Doch der gibt dazu kein Interview und schreibt uns:

Zitat:
»Rechtlich sind die von RWE/DEA geplanten Explorationen (also Bohrungen) nicht zu verhindern.«

Allerdings dürfe das Ölfeld später nur von außerhalb erschlossen werden. Aber ob das technisch möglich sein wird, kann noch nicht einmal RWE Dea vorhersagen. Und trotzdem hat der Konzern vergangene Woche fünf Probebohrungen im Nationalpark Wattenmeer beantragt.

Naturschützer wollen RWE Dea jetzt auf dem Rechtsweg stoppen.

O-Ton, Hans-Ulrich Rösner, WWF:

»Das Nationalparkgesetz in Schleswig-Holstein verbietet ganz klar nicht nur die Ölförderung sondern auch die Bohrung nach Öl außerhalb der einen, vom Nationalparkgesetz ausgenommenen Ölplattform auf der Mittelplate.
Von daher ist das nicht legal und - das ist unsere Auffassung, auch nicht nach den europäischen Naturschutzrichtlinien legal.«

Deshalb wird der WWF gegen die Erkundungsbohrungen vor Gericht Klage erheben, damit der Nationalpark nicht zum Industriestandort verkommt.

Abmoderation Fritz Frey:

Ja, der Rechtsweg ist das eine, aber da ist doch wohl auch die Bundesregierung gefragt. Was will sie denn nun, das Wattenmeer als Weltnaturerbe oder als Ölförderfeld? Beides zusammen wird wohl nicht gehen.

Letzte Änderung am: 21.12.2007, 23.45 Uhr



Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW