SENDETERMIN Mo, 9.8.2010 | 21.45 Uhr

Warum ältere Patienten oft Medikamente mit schweren Nebenwirkungen verabreicht bekommen

Gefährliche Pillencocktails

Medikamente

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Es ist ein Albtraum, vor allem für ältere Menschen: Erst ein Schwindelgefühl, dann ein Sturz und die Hüfte oder der Oberschenkelhalsknochen ist gebrochen. Wie das passieren konnte? Schulterzucken.

Für Experten ist ein solcher Verlauf nicht überraschend – nicht selten ist er zurückzuführen auf Nebenwirkungen von ärztlich verschriebenen Medikamenten. Das Problem ist nicht neu, in Amerika beispielsweise gibt es seit Jahren eine Liste der Arzneimittel die gerade für Ältere riskant sind.

Die gute Nachricht: Ab heute gibt es eine solche Liste auch für Deutschland. Eberhard Rühle und Gottlob Schober mit den Einzelheiten.

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06:48 min | Mo, 9.8.2010 | 21.45 Uhr | Das Erste

Bericht:

Irma Hahn hat Probleme mit ihren Medikamenten. Die 88-Jährige erlaubt uns, dass wir sie bei einem Hausarztbesuch begleiten. Die alte Dame muss gegen ihre Beschwerden viele Tabletten täglich einnehmen.

I. Hahn

Irma Hahn, Patientin

O-Ton, Irma Hahn, Patientin:

»Morgens sind es so drei, vier. Über den Mittag nehme ich noch einmal zwei, sind’s fünf und abends sind’s noch einmal drei. Jetzt nehme ich halt zusätzlich auch noch eine Schmerztablette.«

Heute erzählt sie ihrem Hausarzt, dass sie unter Nebenwirkungen leidet. Klaus Pfitzner hat den Verdacht, dass vor allem ein Blasenmedikament dafür verantwortlich sein könnte.

O-Ton:

»Welche hatten Sie denn gespürt, Frau Hahn?«

O-Ton, Irma Hahn, Patientin:

»Erstens hab ich öfters so eine Mundtrockenheit. Und jetzt in letzter Zeit bin ich halt oft schwindlig.«

O-Ton:

»Sind Sie auch mal gefallen?«

O-Ton, Irma Hahn, Patientin:

»Ja, ich muss sehr vorsichtig sein.«

O-Ton:

»Ja, ich denke es ist dann auch ein bisschen gefährlich, wenn Sie dann zu Hause hinfallen. Sie wissen ja, Schenkelhalsfrakturen sind schnell passiert, und das ist dann doch die schlechtere Alternative. Ich würde Ihnen dann ein Medikament verschreiben, das heißt Trospium.«

Bei so gravierenden Nebenwirkungen müssen Alternativen gefunden werden. Doch häufig haben Hausärzte zu wenig Zeit und manchmal fehlt es auch am nötigen Fachwissen.

O-Ton:

»Haben Sie Schmerzen?«

Visite in einem Berliner Krankenhaus. Diese alte Frau ist wohl ein Medikamentenopfer. Die 87-Jährige stürzte, kurz nachdem sie ein Mittel gegen ihren zu hohen Blutdruck einnahm. Die Folge: Blutergüsse am ganzen Körper und eine Hüftfraktur. Sie musste operiert werden.

Brisant an diesem Fall: Der Wirkstoff Clonidin, der der alten Dame von ihrem Hausarzt verordnet wurde, sollte nur in Ausnahmefällen verschrieben werden.

H. Berthold

Prof. Heiner Berthold, Leitender Oberarzt Ev. Geriatriezentrum Berlin

O-Ton, Prof. Heiner Berthold, Leitender Oberarzt Ev. Geriatriezentrum Berlin:

»Das sehen wir wirklich ganz häufig. Also Übermedikamentierung mit Blutdrucksenkern, aber auch mit anderen Arzneimitteln, die aufs Gehirn in irgendeiner Art und Weise wirken, Schlafmittel zum Beispiel oder Neuroleptika oder Antidepressiva führen häufig in der Kombination bei alten Menschen zu Stürzen, und dann sehen wir eben solche Komplikationen wie eine Hüftfraktur.«

Dennoch werden Mittel wie Clonidin im medizinischen Alltag zu häufig eingesetzt. Auf diesen Missstand macht jetzt eine Studie aufmerksam, die heute veröffentlicht wurde.

Autorin – die Pharmakologin Petra Thürmann. Ihr Auftraggeber – das Bundesforschungsministerium. Konkret wird in der so genannten Priscus-Liste vor 83 Wirkstoffen gewarnt. Neben dem Blutdrucksenker Clonidin stehen unter anderem auch Schmerzmittel und Psychopharmaka auf dem Index.

P. Thürmann

Prof. Petra Thürmann, Philipp Klee-Institut für klinische Pharmakologie

O-Ton, Prof. Petra Thürmann, Philipp Klee-Institut für klinische Pharmakologie:

»Wir sehen auch, dass zum Beispiel ältere Menschen, die zu Hause leben, 15 bis 20 Prozent erhalten ein solches Medikament und in Altenheimen sind es fast 40 Prozent. Und bisher war natürlich, weil es diese Liste nicht gab, auch kein Bewusstsein bei den Ärzten vorhanden, dass man genau diese Medikamente gezielt vermeiden sollte und genau dieses Bewusstsein wollen wir jetzt erst erwecken.«

Wir halten fest: Fast 40 Prozent der Altenheimbewohner erhalten potentiell gefährliche Medikamente. Und: Besondere Gefahren drohen, wenn sie mit anderen Mitteln kombiniert werden. Die Folge – häufig schwere Nebenwirkungen.

Auch eine aktuelle Fallstudie mit rund 800 Heimbewohnern, gefördert vom Bundesgesundheitsministerium, unterstreicht die Brisanz. Demnach hatte jeder dritte Bewohner arzneimittelbezogene Probleme, jeder siebte wurde durch Medikamente und ihre Nebenwirkungen krank. Einige alte Menschen mussten sogar stationär im Krankenhaus behandelt werden.

O-Ton, Prof. Heiner Berthold, Leitender Oberarzt Ev. Geriatriezentrum Berlin:

»Wir haben einfach ein Wissensdefizit, uns fehlt die Wissensbasis der Arzneimitteltherapie beim alten Menschen. Wenn ein Arzneimittel durch die pharmazeutische Industrie entwickelt wird, dann wird es meistens bei gesunden Erwachsenen getestet und selten in der Zielgruppe der alten Menschen, die viele Erkrankungen, auch viele Arzneimittel haben. Und man muss ganz klar sagen, dass uns gute Studien in dieser Gruppe von Patienten fehlen.«

Mit diesem Vorwurf konfrontieren wir den Verband der forschenden Pharmaunternehmen, der die Hersteller vertritt. Ein Interview wurde verweigert. Schriftlich teilt man uns mit:

Zitat:

»Prinzipiell kommen je nach der untersuchten Krankheit auch 75- oder 90-jährige Teilnehmer in Betracht, und dementsprechend laufen jährlich mehrere Tausend Studien.«

Doch Experten sagen, das reiche bei der Vielzahl von Medikamenten, die alte Menschen einnehmen, bei weitem noch nicht aus.

O-Ton, Prof. Heiner Berthold, Leitender Oberarzt Ev. Geriatriezentrum Berlin:

»Die Arzneimittel-Hersteller werden selten etwas freiwillig tun. Aber es gibt ja Zulassungsbehörden, die bestimmte Voraussetzungen knüpfen können an die Zulassung eines Arzneimittels, und man kann bestimmt bei Arzneimitteln, die in den großen häufigen Krankheiten gegeben werden, bei den Herz-Kreislauf Erkrankungen, bei Stoffwechselerkrankungen, wie zum Beispiel Diabetes oder Festtstoffwechselstörungen, da kann man sicherlich größere Arzneimittelsicherheitsstudien verlangen.«

Fazit: Die Priscus Liste zeigt einen gravierenden Missstand auf. Die Zulassungsbedingungen für Medikamente müssen strenger werden. Die Pharma-Industrie muss mehr forschen und die Ärzte müssen Nebenwirkungen besser überwachen.

Frau H. nahm bis vor kurzem 16 verschiedene Wirkstoffe täglich. Professor Berthold reduzierte die Dosis auf sechs. Seither geht es ihr deutlich besser.

Abmoderation Fritz Frey:

Die komplette Priscus-Liste gibt es auch unter www.reportmainz.de im Internet, ebenso wie ein Gespräch mit unserem Reporter, u.a. zur Frage, was man tun kann, wenn man viele, vielleicht zu viele Pillen schluckt.

Stand: 03.08.2010, 18.11 Uhr