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Ökostrom in der Sackgasse Wie die Bundesregierung sauberen Strom aus Norwegen blockiert

Norwegen Stausee

Stausee in Norwegen

Das ist ja wie früher, der Streit um die Atomkraft treibt die Menschen auf die Straße. Zehntausende waren es am Wochenende allein in Berlin. Dieser wiederaufbereitete Konflikt entwickelt sich zu einem der Polarisierungsthemen unserer Tage: Hier schwarz-gelb, dort rot-grün. Ob sich da etwas in altbekannter Weise neu sortiert?

Auf jeden Fall lenkt die Debatte den Blick auch auf die erneuerbaren Energien und die Frage, ob diese die Atomkraft irgendwann ersetzen könnten. Genau diesem Aspekt ist Thomas Reutter nachgegangen. Sein Weg führt ihn bis nach Norwegen, mit einem Zwischenstopp in Niedersachsen.

Bericht:

Das Kernkraftwerk Unterweser in Niedersachsen. Demnächst sollte es eigentlich abgeschaltet werden. Doch durch die Laufzeitverlängerung bleibt es noch 10 Jahre am Netz. Das muss so sein, meint die Bundesregierung, denn andernfalls gehe Deutschland der Strom aus.

In Norwegen dagegen gibt es gar keine Atomkraft und die Leute haben trotzdem Strom. Helge Kristensen aus Oslo zum Beispiel heizt sein Haus ausgerechnet mit Strom.

Frage: Ist das eine besondere Heizung in Norwegen?

O-Ton:

»Nein gar nicht. Das ist die am häufigsten gebrauchte Heizung in Norwegen.«

Die Autobahnen sind beleuchtet, die Oper in Oslo – einfach so. Und sogar die Baustellen, auch wenn da gar niemand arbeitet. Wie machen die Norweger das?

Mit Wasserkraft! Endlos saubere, billige Energie. Norwegen ist reich an Flüssen, Stauseen und Pumpspeichern. Es gibt hunderte Wasserkraftwerke. Das Land produziert seinen Strom zu 98 Prozent aus Wasserkraft und kann auch noch Energie exportieren, zum Beispiel per Kabel.

Die Idee, ein Kabel von Norwegen nach Deutschland zu legen ist alt. Sauberen, norwegischen Billigstrom per Seeleitung zu importieren, das sei der Einstieg in den Atomausstieg, schrieb der SPIEGEL schon 1992.

Was ist eigentlich daraus geworden? Heute, 18 Jahre später, haben sich mehrere Unternehmen zusammengeschlossen, wollen gemeinsam ein Kabel nach Deutschland verlegen. 600 Kilometer durch die Nordsee. Die Leistung: 1.400 Megawatt. Genau soviel, wie das Kernkraftwerk Unterweser. Hier in seiner Nachbarschaft soll das Kabel ans deutsche Netz gehen. Der Name des Projekts: NorGer.

Und so sieht es aus, wenn ein Spezialschiff ein Seekabel verlegt. Und aus Sicht der EU-Kommission könnte NorGer sogar ein "Schlüsselprojekt von vorrangigem Gemeinschaftsinteresse" werden. Peter Ahmels von der Deutschen Umwelthilfe prüft – gefördert von der Bundesregierung – die Chancen erneuerbarer Energien.

Peter Ahmels

Peter Ahmels, Deutsche Umwelthilfe

O-Ton, Peter Ahmels, Deutsche Umwelthilfe:

»Das Potenzial, was dort ist würde allemal reichen, um den Strom in Deutschland, den erneuerbaren, komplett zu ergänzen zu einer 100prozentigen Versorgung aus erneuerbaren Energien.«

Theoretisch könnte norwegische Wasserkraft den Strom von 60 europäischen Atomkraftwerken ersetzen. Doch dazu braucht man Leitungen durch die Nordsee. Aber schon beim ersten Kabel gibt es da ein Problem.

NorGer fällt nicht unter die deutsche Kraft NAV, die Kraftwerksnetzanschlussverordnung. Darin ist geregelt, dass Kraftwerke ständig Strom ins Netz einspeisen dürfen. Aber eben nur Kraftwerke, nicht Seekabel. Und deshalb kann sich NorGer nicht darauf verlassen, immer Zugang zum Netz zu bekommen.

Ohne Regelung könnte der Strom aus Norwegen einfach abgeklemmt werden, so wie schon heute Windkraftanlagen abgehängt werden, wenn zu viel Atomstrom das Netz blockiert. Zuständig ist Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle. Er müsste der Kraft NAV nur das Wort "Seekabel" hinzufügen. Doch das Ministerium schreibt an NorGer, man sehe derzeit "kein Änderungsbedarf".

Billige norwegische Wasserkraft im Überfluss. Nur nicht für Deutschland. Weil der Zugang zum Netz nicht geregelt ist.

Matthias Hochstätter

Matthias Hochstätter, NorGer

O-Ton, Matthias Hochstätter, NorGer:

»NorGer will 1,4 Milliarden Euro investieren in dieses Kabel und dafür muss natürlich gewährleistet sein, dass das auch sicher in Betrieb ist und nicht einfach willkürlich abgeschaltet wird, wann immer der Netzbetreiber gerade Lust hat. Das geht nicht. Sonst kann man so ein Kabel nicht ordentlich betreiben.«

O-Ton, Peter Ahmels, Deutsche Umwelthilfe:

»Und insofern ist es schon ein Versäumnis, dass die Bundesregierung da bisher noch keine konkreten Maßnahmen erlassen hat. Das muss dringend nachgeholt werden.«

In Niedersachsen, wo das Kabel ankommen würde, sieht man das genauso. Das FDP-geführte Umweltministerium in Hannover hat deshalb Brüderles Ministerium aufgefordert, die Voraussetzungen für NorGer zu schaffen und schreibt an REPORT MAINZ:

"Um den Wettbewerb auf dem deutschen Energiemarkt deutlich zu verbessern, müssen die rechtlichen Rahmenbedingungen für neue Marktteilnehmer so gestaltet sein, dass der wirtschaftliche Betrieb derartiger Projekte möglich ist."

Denn norwegischer Strom ist um ein Drittel billiger als deutscher. Und noch ein Plus: Mithilfe von NorGer könnte man sogar überschüssige deutsche Windenergie nach Norwegen leiten, dort in Wasserkraft umwandeln und den Strom daraus jederzeit nach Deutschland zurückholen. Norwegen könnte eine Art Batterie für ganz Europa werden.

Rainer Brüderle

Rainer Brüderle, FDP, Bundeswirtschaftsminister

Doch Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle sorgt nicht für die nötige Anschlussverordnung. Warum eigentlich nicht? Dazu baten wir das Ministerium um ein Interview. Doch unsere Anfrage bleibt unbeantwortet. Keine Stellungnahme. Hermann Albers, der Präsident vom Bundesverband Windenergie hat da einen Verdacht:

O-Ton, Hermann Albers, Präsident, Bundesverband Windenergie:

»Mir drängt sich der Eindruck auf, dass es hier um eine Blockadehaltung geht. Denn natürlich würde die Lieferung von norwegischem Wasserstrom dafür sorgen, dass Kraftwerke in Deutschland im Zweifelsfall abgeschaltet werden müssten, insbesondere dann, wenn erneuerbare Energien wirklich einen Vorrang hätten.«

Die Bundesregierung besteht auf Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke, weil sonst angeblich der Strom knapp würde, doch gleichzeitig vergibt sie die Chance auf billigen, sauberen Strom aus Norwegen.