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21.45 Uhr, Das Erste

REPORT MAINZ vom 14.02.2012

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Tierquälerei in Putenmastanlagen Profitierte der Familienbetrieb von Niedersachsens Landwirtschaftsministerin vom Elend der Tiere?

aus der Sendung vom Montag, 9.8.2010 | 21.45 Uhr | Das Erste

Treue REPORT-Zuschauer wissen, dass wir immer wieder über Probleme berichten, die von der Massentierhaltung verursacht werden. Nicht selten geht es um schlimmste Tierquälerei.

Doch Verstöße gegen das deutsche Tierschutzrecht zu dokumentieren, das ist das eine, die Verantwortlichen zu benennen, das ist das andere. Das gilt auch für unseren nächsten Film. Hier lautet die Kernfrage: Welche Verantwortung trägt sie, die niedersächsische Landwirtschaftsministerin Grotelüschen, für die skandallösen Zustände in zwei Putenmastbetrieben.

Oliver Heinsch und Edgar Verheyen berichten.

Profitierte der Familienbetrieb von Niedersachsens Landwirtschaftsministerin vom Elend der Tiere? REPORT MAINZ,  9.8.2010 | 7:03 min

Bericht:

Mitte Juli in Mecklenburg-Vorpommern: Tierschützer dringen nachts in einen Putenmastbetrieb ein. Drehen diese Bilder: Verendete Tiere. Puten, die sich gegenseitig Federn und Augen ausgepickt haben. Das Gleiche in einem zweiten Betrieb.

Er hat die Bilder gedreht – Stefan Bröckling von der Tierrechtsorganisation Peta.

O-Ton, Stefan Bröckling, Tierrechtsvereinigung Peta:

»Sie standen also so dicht gedrängt, dass es uns am Anfang schwer fiel, einzelne verletzte oder tote Tiere zwischen den Lebenden auszumachen. Tier an Tier. Man merkt das auch zum Beispiel daran, dass wir also unter anderem auch eine Pute gefunden haben, die schon komplett verwest war. Die war kaum noch als Pute zu erkennen.«

Wir zeigen diese Bilder Dr. Karl Fikuart, einem Tierarzt der Bundestierärztekammer. Er ist einer der profiliertesten Veterinäre Deutschlands.

O-Ton, Dr. Karl Fikuart, Bundestierärztekammer:

»So etwas dürfte nicht sein. In einer sorgfältigen Haltung, die also wirklich Wert legt auf das Wohlergehen der Tiere.Die Bundestierärztekamer lehnt diese Art der Putenhaltung eindeutig ab und hält sie für tierschutzwidrig.«

Frage: Tierschutzwidrig heißt, Tierquälerei?

O-Ton, Dr. Karl Fikuart, Bundestierärztekammer:

»Tierquälerei. Das muss man ganz klar so sagen. Die wirtschaftlichen Aspekte rechtfertigen nicht, die Tiere in dieser Form zu belasten und so zu halten.«

Beide Betriebe in denen die Bilder gedreht wurden, gehören zur Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern. 24 Betriebe insgesamt. Doch wer steckt dahinter? Wer zieht die Fäden?

Unsere Recherche führt uns nach Niedersachsen zur Mastputenbrüterei Ahlhorn. Von hier aus werden die Küken an die Putenerzeugergemeinschaft geliefert.

Die Brüterei ist der Betrieb ihres Mannes. Astrid Grotelüschen hat das Unternehmen mit aufgebaut und mit geleitet. Sie ist eine klare Verfechterin der Massentierhaltung.

Erst im April hat sie sich aus dem Unternehmen zurückgezogen, denn seit April ist sie Landwirtschaftsministerin in Niedersachsen. Und als solche auch höchste Verantwortliche für den Tierschutz. Stolz hat Wulff die Putenbaronin präsentiert, die sich selbst als Idealbesetzung anpreist.

O-Ton, Astrid Grotelüschen, CDU, Landwirtschaftsministerin Niedersachsen:

»Für mich jetzt eine hervorragende Ausgangsposition, um dieses Wissen, was ich in der Praxis auch erworben habe, auch hier noch mal einbringen zu können.«

Doch wie passen diese Bilder zum Tierschutz? Wir konfrontieren Niedersachsens oberste Tierschützerin mit den Aufnahmen

O-Ton, Astrid Grotelüschen, CDU, Landwirtschaftsministerin Niedersachsen:

»Wenn ich jetzt die Einzelaufnahmen betrachte, diese jetzt hier, dann würde ich natürlich sagen, ist das letztendlich nicht wünschenswert.«

Frage: Wie kann das denn sein, Sie haben gesagt, dass Sie dafür auch natürlich gerade stehen, dass dort auch alles in Ordnung ist?

O-Ton, Astrid Grotelüschen, CDU, Landwirtschaftsministerin Niedersachsen:

»Also, wir sind als Betrieb nicht an Mastbetrieben beteiligt, also, dem ist nicht so. Wir sind ein Brütereibetrieb. Das sind eigenständige Betriebe, das heißt, die Putenerzeugergemeinschaft ist keine Produktionsgemeinschaft, als dass ich eine Beteiligung an einem Stall hätte, sondern sie ist eine Vermarktungszusammenschluss. Ich habe also mit der Mecklenburger oder mit den Betrieben persönlich oder auch als Familie, als Betrieb, nichts zu tun.«

Stimmt das? Wir recherchieren im Amtsgericht Neubrandenburg. Hier finden wir einen Gesellschaftsvertrag. Abgeschlossen zwischen der Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern und der Mastputenbrüterei Ahlhorn, aus der Astrid Grotelüschen kommt.

Aus diesem Vertrag geht hervor: Die Landwirte der Putenerzeugergemeinschaft beziehen die Küken von Ahlhorn. Die gemästeten Puten müssen sie anschließend wieder an Schlachtbetriebe liefern, an denen ebenfalls Ahlhorn beteiligt ist.

Außerdem ist Ahlhorn sogar größter Gesellschafter der Putenerzeugergemeinschaft Mecklenburg-Vorpommern. Doch damit nicht genug.

Auf der Internetseite von Ahlhorn heißt es: „Während der ganzen Haltungsperiode erhalten die Landwirte Unterstützung durch die erfahrene Außendienst-Mannschaft der Mastputenbrüterei sowie firmeneigene Veterinäre“.

Das heißt, Ahlhorn kümmert sich um die Putenzüchter, müsste über Missstände eigentlich Bescheid wissen.

In Bremen treffen wir einen Insider aus der Putenbranche, der das Unternehmen gut kennt. Ein Interview will er uns nicht geben, doch er gibt uns eine schriftliche Stellungnahme. Darin heißt es:

Zitat:
»Die heutige Ministerin Astrid Grotelüschen weiß, wie und unter welchen Bedingungen dort produziert wird.«

Zitat:
»Der Familienbetrieb kontrolliert die Mastbetriebe von Anfang bis Ende. Die betroffenen Putenmäster sind infolgedessen nicht mehr als Marionetten des Systems Grotelüschen.«

Für Tierschützer Stefan Bröckling ist klar:

O-Ton, Stefan Bröckling, Tierrechtsvereinigung Peta:

»Frau Grotelüschen und ihr Mann Garlich Grotelüschen, die leben davon, die leben vom Elend der Tiere, die sind auf jeden Fall mitverantwortlich, sie haben ihr Geld auch in diese Erzeugergemeinschaften investiert und sie profitieren finanziell davon.«

Frage: Tierschützer, sagen, da profitieren Sie vom Leid dieser Tiere, was sagen Sie dazu?

O-Ton, Astrid Grotelüschen, CDU, Landwirtschaftsministerin Niedersachsen:

»Das ist nicht wahr.«

Frage: Können Sie denn glaubwürdig als Ministerin für Tierschutz eintreten, wenn Ihre Familienbetriebe mit Betrieben zusammenarbeiten, aus denen solche Bilder kommen?

O-Ton, Astrid Grotelüschen, CDU, Landwirtschaftsministerin Niedersachsen:

»Also nochmals, ich bin ja nicht mehr als Ministerin in diesem Unternehmen tätig, letztendlich, und ich kann, das wissen Sie auch, ich kann doch nicht, wenn ein Ei gelegt wird, auch nicht als Ministerin dafür verantwortlich sein, wenn es zum Beispiel einen Krankheitskeim enthält. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, die müssen eigehalten werden, dafür setze ich mich ein.«

Politische, unternehmerische, moralische Verantwortung – Grotelüschen weist alles von sich. Doch passen Massentierhaltung und oberste Verantwortung für den Tierschutz überhaupt zusammen?

O-Ton, Dr. Karl Fikuart, Bundestierärztekammer:

»Ich halte das für unerträglich, muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen, für unerträglich, dass jemand, der in dieser Art und Weise Tiere hält, dann für den Tierschutz in einem Bundesland zuständig ist, das schwerpunktmäßig ein Agrarland ist.«

Kommentare zu diesem Artikel:

SOFORTIGER RÜCKTRITT!

(Martin Weller) 31.08.2010 , 22:12

Solche Verhältnisse wie im Report Mainz geschildert sind nicht tragbar. Frau Grotelüschen muss sofort ihren Rücktritt einreichen, wenn Sie fair genug ist. Sonst sollte der Ministerpräsident des Landes Niedersachsens zur Tat schreiten und Frau G. ihrer Ämter entheben. Soll man als Bürger der Bundesrepublik solche Lobbyisten auch noch freie Hand geben. Noch dazu im Bereich Tierschutz, was sowieso ein äusserst sensibles Thema ist !

Warum nicht einfach Ehrlichkeit? (2)

(Nina) 23.08.2010 , 16:01

Warum fällt es der Ministerin so schwer, die nachweislich vorhandenen Missstände einzusehen und sich vehement für eine Verbesserung einzusetzen? Eine derartige Reaktion hätte ich mir sehr gewünscht. Stattdessen verheddert sie sich in einem Netz aus Leugnungen und Lügen und lässt sich sogar zu Äußerungen hinreißen wie: "Wir brauchen keinen Tierschutz (wie den von Peta)." Lobbyismus-Vorwürfe, die es bereits vor diesem Fall gegen die Ministerin gab, scheinen sich hier in aller Deutlichkeit zu bestätigen. Was Tierschutz "wie der von Peta" ist, müsste auch erst noch einmal präzisiert werden und hat in einer seriösen Debatte sicher nichts verloren. Dafür gibt es m.E. keinen anderen Grund, als sein Gegenüber absichtlich diffamieren zu wollen. Als Ministerin, die auch für den Tierschutz ihres Landes zuständig ist, muss man in der Lage sein, mit Tierschützern zusammenzuarbeiten. Sie von vornherein als Gegner anzusehen ist ganz sicher der falsche Weg.

Warum nicht einfach Ehrlichkeit?

(Nina) 23.08.2010 , 15:57

Ich kann nur den Kopf darüber schütteln, wie Frau Grotelüschen konsequent die Echtheit der Filmaufnahmen bezweifelt, sind sie doch eindeutig. Da nutzen auch hilflose Betonungen der Betriebe nicht, ihre Futtertröge seien (jetzt) aus Plastik, und nicht (mehr) blechern. "Lustig" auch, darauf zu bestehen, die Aufnahmen stammten nicht aus dem eigenen Betrieb - und gleichzeitig auf die "radikalen" Tierschützer (Hausfriedensbruch!) zu schimpfen die leichtes Spiel gehabt hätten, stünden die eigenen Türen doch immer offen... Dass die Ministerin Kenntnisse entgegen ihrer Amtspflicht an ihren Mann weitergegeben habe, leugnet sie. Und nicht sie selbst hat Eidesstattliche Versicherungen an die Betriebe gefaxt, sondern ihr Mann. Na dann! – Gut gefiel mir in dem Zusammenhang die Frage von Christian Grascha (FDP): „Soll sie sich von ihrem Mann scheiden lassen, oder was?“ Danke für diesen hochqualifizierten Kommentar, der alles, worum es Tierschützern + Opposition wirklich geht, kompakt bündelt. :)

Antwort

(ein bürger) 16.08.2010 , 11:46

Ich habe kein Problem damit, eine Diskussion über die landwirtschaftliche Nutztierhaltung im Jahr 2010 zu führen, und sehe in bestimmten Bereichen auch ungute Tendenzen und verbesserungswürdige Zustände. Aber den nutztierhaltenden Landwirten Profitgier zu unterstellen, finde ich unseriös, sie verdienen mit der Tierhaltung ihr Einkommen, so wie sie mit ihrem Beruf. Außerdem ging es in dem Filmbeitrag nicht um die Nutztierhaltung / Geflügelhaltung im Allgemeinen, sondern darum, die Landwirtschaftsministerin in einem schlechten Licht darstehen zu lassen. Und dies nicht mit einem „Blick hinter die Kulissen“, sondern mit Hilfe eines Filmes der Peta, in dem ganz bewusst nicht der ganze Stall und die gesamte Haltung gezeigt wurde, sondern nur einzelne Tiere und von dem immer noch nicht klar ist, ob er wirklich aus den besagten Farmen stammt. Ich erneuere hiermit meine Kritik an der Zusammenarbeit der ARD mit der Peta.

Das enorme Tierleid der heutigen Zeit darf nicht verschwiegen werden

(Lillebö) 13.08.2010 , 12:00

Das enorme Tierleid der heutigen Zeit entsteht nicht nur durch die Profitgier einiger Betreiber, sondern durch Unwissenheit von sehr vielen. Diese Bilder sind notwendig um den Konsumenten zu zeigen wer den Preis für sein Billigfleisch zu zahlen hat. Wer dieses Fleisch kauft unterstützt diese Tierquälerei, und sollte den Blick hinter die Kulissen aushalten können. Gerne werden dann die Hartz IV-Empfänger, von denen die es sich finanziell durchaus leisten könnten, als Rechtfertigung für diese skrupellose Tierausbeutung vorgeschoben . Wer die Hintergründe kennt, kann entscheiden ob er das mit seinem Gewissen vereinbaren kann, aber er sollte nicht Hartz- IV -Empfänger für die Tierquälerei in diesem Land verantwortlich machen. Von einer Landwirtschaftsministerin, die für den Tierschutz in Niedersachsen verantwortlich ist, erwarte ich eine andere Reaktion als die lapidare Feststellung, dass solche Zustände "nicht wünschenswert" sind.

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Letzte Änderung am: 03.08.2010, 18.11 Uhr

Bericht

Autoren:
Oliver Heinsch
Edgar Verheyen
Kamera:
Dennis Heinemann
Sarah Krah
Jörg Rohne
Christian Saal
Schnitt:
Melanie Fliessbach
Sprecher:
Oliver Heinsch

Themen der Sendung

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