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14.02.2012
21.45 Uhr, DasErste

REPORT MAINZ vom 24.01.2012

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Daten in falscher Hand Wie dubiose Callcenter und Drückerfirmen an die Telekom-Kundendaten kamen

aus der Sendung vom Montag, 1.3.2010 | 21.45 Uhr | Das Erste

Telekom und Daten

Unser nächster Beitrag handelt von einem der größten Datenskandale, die wir bislang erlebt haben. Und er handelt von der Frage, welche Rolle die Deutsche Telekom dabei wirklich spielt. Wir erinnern uns, mit dem Diebstahl und möglichem Missbrauch von zig Millionen Telekom-Kundendaten befasst sich bereits die Staatsanwaltschaft Bonn. Und das ist gut so.

Unsere Bankdaten beispielsweise sollten nicht in falsche Hände geraten. Doch beim Versuch den immensen Kundenschwund zu stoppen soll die Deutsche Telekom, so der Vorwurf, leichtfertig ihre Kundendaten an dubiose Subunternehmer weitergereicht haben. Ulrich Neumann, Fritz Schmaldienst und Gottlob Schober mit den Details.

Bericht:

Das Restaurant Maybach in Köln. Hier treffen sich am 28. April 2009 drei Männer. Dieser Datenhändler bietet illegal 100.000 Telekom-Kundendatensätze an. Was er nicht weiß, der Aufkäufer „Jan“ ist ein verdeckter Ermittler des Landeskriminalamtes Düsseldorf. Mit dabei ein Privatdetektiv!

O-Ton, Privatdetektiv:
»Dann ging es darum, dass der Datenstick mal kurz getestet wird. Jan hatte also einen Laptop dabei. Die Daten waren okay, also so wie Jan sich das vorgestellt hat. Daraufhin wurde verabredet, dass man sich zehn Minuten später, eine Viertelstunde später, wieder trifft und Jan dann das Geld mitbringt.«

Der Privatdetektiv hat Kontakte in die kriminelle Datenhändlerszene, aber auch zu Polizei und Staatsanwaltschaft. Deshalb war er bei dem Treffen dabei. Solche Daten können teuer sein.

O-Ton, Privatdetektiv:
»Bei den Daten ist es so: Sind sie älter, je älter die Daten sind, je weniger gibt es dafür. Und das fängt an bei 15 Cent pro Datensatz und geht bei hochwertigen Daten auf zwei Euro rauf.«

Inzwischen ist er selbst Beschuldigter in einem großen Strafverfahren der Staatsanwaltschaft Bonn. Sie ermittelt unter anderem wegen Verstößen gegen das Bundesdatenschutzgesetz.

O-Ton, Friedrich Apostel, Staatsanwaltschaft Bonn:

»Das Verfahren umfasst den Vorwurf, dass hier mit Daten gehandelt worden sein soll. Das heißt, Daten, die ursprünglich im Bereich der Telekom waren, sind dort, auf welche Weise auch immer, abgezogen worden, und dann auf dem Markt angeboten worden.«



Frage: Was heißt das?

O-Ton, Friedrich Apostel, Staatsanwaltschaft Bonn:
»Das heißt, dass sensible Daten, nämlich persönliche Daten von Kunden hier frei verkäuflich waren.«

In den vergangenen Jahren gerät die Telekom immer wieder mit Datenskandalen in die Schlagzeilen. Fast immer beteuerte der einstige Staatskonzern Opfer krimineller Machenschaften geworden zu sein. Doch ist das die ganze Wahrheit?

Rückblick November 2006: René Obermann wird Vorstandsvorsitzender der Telekom. Der einstige Staatskonzern ist in sehr schwierigem Fahrwasser. Millionen Festnetzkunden wechseln zur Konkurrenz. Reaktion des Konzerns:

Die Telekom versucht mit allen Mitteln die Kunden zu binden. Ein ganzes Heer externer Firmen, vor allem Call-Center, soll das leisten. Die sollen die Kunden zu neuen Telekom-Verträgen überreden. Eine gigantische Vertriebsoffensive mit 1.000 Haupt- und 12.000 Subvertriebspartnern. Sie alle arbeiten nun mit den Kundendaten der Telekom, erzählt der Privatdetektiv. Und wir erfahren noch mehr:

O-Ton, Privatdetektiv:
»Dann wurden im Endeffekt Datenzugänge freigegeben, die auch dann im großen Stil genutzt wurden von allen. Die haben sich auch alle bedient, weil die Passwörter sind also, na sagen wir mal, verteilt worden wie warme Semmeln. Also Datenschutz in dem Sinne, den gab es nicht mehr, der wurde aufgehoben.«

Unsere Recherchen präsentieren wir dem Finanzmarktexperten, Professor Wolfgang Gerke. Seine Bewertung:

O-Ton, Prof. Wolfgang Gerke, Finanzmarktexperte:

»Die Telekom hat den Datenskandal selbst verursacht. Sie hat ihn sicherlich sich so nicht gewünscht. Aber sie hat ihn riskiert. Sie hat ihn billigend in Kauf genommen und dass sie dabei auch selber Opfer des Datenmissbrauchs geworden ist, ist eine Randerscheinung, die die Telekom nicht entlastet.«


Dennoch: Mit gewaltigem PR-Aufwand ist es der Telekom in den vergangenen Jahren immer wieder gelungen, sich als Opfer solcher krimineller Machenschaften darzustellen. Heute habe man umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Datendiebstähle seien deutlich erschwert worden, sagt die Telekom. Das aber hat René Obermann schon im Jahr 2008 behauptet.

O-Ton, René Obermann, Vorstandsvorsitzender Telekom Tagesthemen 26.05.08:

»Die Kundendaten von Millionen Kunden im Festnetz- und Mobilfunk bei der Deutschen Telekom sind sicher, sie waren sicher und sie werden auch in der Zukunft sicher sein.«





Wirklich sicher? Aus den Akten der Staatsanwaltschaft Bonn, die REPORT MAINZ vorliegen, geht hervor, dass es auch nach Obermanns Versprechen, schwerwiegende Sicherheitsprobleme gab.

Im zweiten Halbjahr 2008 wird allein von einer einzigen Vertriebsfirma vier Millionen Mal auf das Kundendaten-Portal der Telekom zugegriffen. Und das vor allem nachts und an Wochenenden. Der Verdacht: Wieder werden Daten gestohlen. Und gestohlene Telekomdaten werden noch 2009 von Kriminellen gehandelt.

Ein Interview mit René Obermann wurde REPORT MAINZ verweigert. Deshalb konfrontieren wir den Telekom-Chef auf der Bilanzpressekonferenz vergangenen Donnerstag.

Frage: Noch 2009 wurden T-Home-Kundendaten illegal von Datenhändlern gehandelt. Hat die Telekom unter Ihrer Verantwortung ihre Kundendatenbanken leichtfertig geöffnet?

O-Ton, René Obermann, Vorstandsvorsitzender Deutsche Telekom AG:
»Das weise ich zurück. Wir tun alles, was wir können zum Thema Datenschutz und Datensicherheit. Ein hundertprozentigen Schutz kann Ihnen kein Unternehmen gewährleisten.«

Zu ganz anderen Einschätzungen allerdings kommen die von REPORT MAINZ befragten Experten:

O-Ton, Peter Schaar, Bundesbeauftragter für Datenschutz:

»Eine Leichtfertigkeit ist hier absolut erkennbar. Man hat notwendige Sicherheitsmaßnahmen unterlassen und damit es den Datendieben leicht gemacht, an diese personenbezogenen Informationen zu gelangen.«




O-Ton, Prof. Wolfgang Gerke, Finanzmarktexperte:
»Die Telekom ist Opfer krimineller Machenschaften. Das ist aber nicht das große Problem. Sie selber hat sich zum Opfer gemacht, indem sie leichtfertig, ja fahrlässig, mit ihren eigenen Daten umgegangen ist und fahrlässig sich Tausende von Subunternehmern zugelegt hat, die sie gar nicht unter Kontrolle halten konnte.«

Die Akten belegen auch, welch perfide Pläne die Datenhändler mit den Kundendaten hatten. Bankkonten sollten mit 69 Cent belastet werden. Der Hintergedanke: Abbuchungen in dieser geringen Höhe fallen vielen Kunden nicht auf. Ein raffinierter Millionenbetrug, der durch eine bundesweite Razzia 2009 verhindert werden konnte. Doch die Daten sind und bleiben weiter auf dem kriminellen Markt.

O-Ton, Privatdetektiv:
»Die Polizei stellt hundert Datenträger sicher und die Jungs haben die Kopien vierfach, fünffach gesichert bei Freunden, Verwandten oder sonst irgendwo liegen.«

Letzte Änderung am: 02.03.2010, 11.02 Uhr

Bericht

Autoren:
Ulrich Neumann
Gottlob Schober
Kamera:
Thomas Schäfer
Schnitt:
Zsuzsa Döme
Sprecher:
Ulrich Neumann

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