aus der Sendung vom Montag, 1.2.2010 | 22.00 Uhr | Das Erste

Bilder, wie diese, schockieren. Zwei junge Männer treten in einer Münchner U-Bahnstation einen Rentner fast tot. Und vor einer Woche diese Meldung: Vier Jugendliche verprügeln Mann in der S-Bahn mit einem Knüppel.
Er hat Glück und überlebt. Woher kommt diese hemmungslose Gewalt? Welche Rolle spielt Alkohol bei solchen Gewaltverbrechen? Sebastian Bösel und Achim Reinhardt beginnen ihre Recherchen an einem Ort, wo traditionell viel Alkohol fließt.
Bericht:
Fastnacht im Schwarzwald. Die Narren wollen die bösen Geister vertreiben. Am Rande viele Jugendliche. Böse Geister vertreiben, Bier Sekt und Mixgetränke helfen dabei.
Frage: Mit was wärmt ihr euch auf?
O-Ton:
»Alkohol!«
Der Narrenumzug ist für Polizist Jürgen Harder heute nur Nebensache. Er schaut nach Jugendlichen, die zuviel getrunken haben. Denn schon 16-Jährige lassen sich bei solchen Festen regelmäßig volllaufen. So wie diese Jugendlichen. Plötzlich Aggressionen.
O-Ton:
»Geh weg, Mann!«
Frage: Was macht Bier oder Alkohol mit den Jugendlichen?
O-Ton, Jürgen Harder, Polizist:
»Also es führt insbesondere zu einer Enthemmung in der Gruppe. Und die tun sich dann wesentlich leichter Gewalt anzuwenden oder aggressiv zu werden, wie wenn sie das alleine täten oder ohne Alkohol. Die Gleichung ist einfach: Jugendliche plus Gruppe plus Alkohol ist gleich Gewalt.«
Jugendvollzugsanstalt Bremen. Hier landen Jugendliche, die ihre Aggressionen nicht mehr unter Kontrolle haben, in vielen Fällen wegen zuviel Alkohol. Diese drei Jungs waren noch nicht mal 18, als sie zu Tätern wurden. Sie haben zugeschlagen, alkoholisiert, so heftig, dass Ihre Opfer es fast nicht überlebt hätten.
O-Ton, jugendlicher Gewalttäter:
»Wenn man unter Alkohol ist, dann kann man nicht so klar denken. Dann ist man automatisch gewalttätig.«
O-Ton, jugendlicher Gewalttäter:
»Also keine Hemmungen vor irgendwas. Irgendwie pöbelhaft und so. Da hat man einen falsch angeguckt und dann.«
O-Ton, jugendlicher Gewalttäter:
»Ist irgendwann ne Schlägerei gekommen.«
Frage: Und da spielte Alkohol ne Rolle?
O-Ton, jugendlicher Gewalttäter:
»Ja, auf jeden Fall.«
Fragt: Schlägt man auch härter zu?
O-Ton, jugendlicher Gewalttäter:
»Man schlägt einfach zu. Man beleidigt Leute, auch wenn sie nichts machen. Wenn sie dich vielleicht nur kurz angucken und so. Gehst du da hin, was guckst du und so?«
O-Ton, jugendlicher Gewalttäter:
»Deswegen bin ich hier reingekommen, weil ich betrunken war, und einen Mann geschlagen habe. Ja, ich habe ihn getreten. Der lag auf dem Boden, da habe ich ihn getreten.«
Ist Alkohol also mitverantwortlich für brutale, enthemmte Gewalttaten von Jugendlichen? Der Kriminologe Professor Christian Pfeiffer hat genau diese Frage in einer aktuellen Studie untersucht.
O-Ton, Prof. Christian Pfeiffer, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen:
»Das ist ein Zusammenhang, den wir klar belegen können. Die Kombination von Gruppengewalt, aus einer Gruppe heraus werden einzelne angegriffen, und Alkohol und am liebsten dann natürlich dort, wo die Bürger in Panik geraten, wo sie nicht flüchten können, in der U-Bahn, in der S-Bahn, im Bus. Da richtig zeigen, was man drauf hat. Diese Kombination lässt sich gut belegen.«
Genauso ist es passiert: U-Bahn München, Arabella-Park. Zwei junge Männer, 17 und 19, treten einen Rentner fast tot. Sie sind polizeibekannt, schon mehrfach aufgefallen durch Alkoholkonsum und Gewalttaten. Sie hatten sich vorher mit Bier betrunken.
S-Bahn München-Solln. Dominik Brunner wollte Kinder beschützen und wurde totgeschlagen. Auch diese jugendlichen Täter waren alkoholisiert.
Keine Einzelfälle, sondern ein gefährlicher Trend. REPORT MAINZ hat bei den Landeskriminalämtern Daten erfragt, die bisher kaum Beachtung fanden. Repräsentativ: die Entwicklungen in fünf Bundesländern.
Sie belegen: immer mehr Jugendliche unter 18 begehen Gewalttaten unter Alkoholeinfluss. In den vergangenen acht Jahren hat sich der Anteil von alkoholisierten Jugendlichen an den jugendlichen Gewalttätern in etwa verdoppelt.
O-Ton, Prof. Christian Pfeiffer, Kriminologe:
»Aus den polizeilichen Statistiken, aber auch aus unseren Dunkelfelduntersuchungen und aus internationalen Vergleichen, können wir ablesen: Wir haben in Deutschland ein massives Alkoholproblem bei jungen Menschen, das tendenziell größer geworden ist.«
Dennoch dürfen schon 16-Jährige in Deutschland Alkohol, also Bier und Wein, kaufen. Europaweit ist Deutschland mit dieser Regelung mittlerweile in der Minderheit. Zuletzt hat Frankreich das Alterslimit hochgesetzt und macht damit gute Erfahrungen.
Die Gesundheitsbehörde der Europäischen Union weist darauf hin: Immer mehr EU-Staaten verbieten Alkohol unter 18, um Jugendliche zu schützen.
O-Ton, Michael Hübel, Europäische Gesundheitsbehörde:
»Die Alterslimits sind ein sinnvolles und sehr einfaches Mittel, um als Teil eines Maßnahmenpaketes natürlich, den Alkoholkonsum von jungen Menschen anzugehen. Es ist Sache der Mitgliedsstaaten, das zu entscheiden, aber wir stellen doch fest, dass mehr und mehr Mitgliedsstaaten diesen Weg gehen, und ich denke, das würde auch zu mehr Klarheit beitragen.«
Es wäre ein klares Signal an Händler, die Öffentlichkeit und an die Eltern, besser hinzuschauen. Auch die deutsche Fachbehörde hält ein Alkoholverbot für Jugendliche sinnvoll.
O-Ton, Prof. Elisabeth Pott, Direktorin Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung:
»Eine einheitliche Grenze, die auch ein höheres Alter jetzt vorschreibt, und die auch wirklich kontrolliert wird, könnte natürlich schon einen zusätzlichen Nutzen bringen. Eine einheitliche Altersgrenze würde das Problem der Kommunikation, was ist eigentlich schädlich oder nicht, erleichtern.«
Also: Jugendgewalt unter Alkohol nimmt zu, Experten fordern ein Alkoholverbot für Jugendliche. Die Politik aber setzt auf Aufklärungskampagnen wie diese.
Doch mit Appellen an die Vernunft alleine sind jugendliche Gewalttäter nicht zu stoppen.
O-Ton, Prof. Christian Pfeiffer, Kriminologe:
»Wenn wir die Altersgrenze nach dem Vorbild anderer europäischer Länder auf 18 heraufsetzen würden, generell auch für Bier, und wir würden dies Verbot auch durchsetzen, und dafür Sorge tragen, dass die Kinder und Jugendlichen nicht drankommen an Alkohol, dann hätte das gewaltreduzierende Wirkung. Von daher ist es bedauerlich, wie schwach die Politik hier ist, trotz klarer Einsichten, die Konsequenzen zu ziehen.«
Abmoderation Fritz Frey:
Ja, wie sagt der Experte am Ende unseres Filmes: Die Politik ist zu schwach, um Konsequenzen zu ziehen. Gerne hätten wir zum Beispiel von der Drogenbeauftragten der Bunderegierung eine Stellungnahme eingeholt. Nein, lässt uns Frau Dyckmans wissen, das ist die Drogenbeauftragte, keine Stellungnahme. Dafür bitte man um Verständnis.
Da sagen wir: Nein, dafür haben wir kein Verständnis. Im Internet vertiefen wir das Thema mit einem längeren Film und einem Interview mit den Autoren, unter www.reportmainz.de.
Letzte Änderung am: 26.12.2009, 00.00 Uhr