Navigation

Volltextsuche

Nächste Sendung

29.04.2014
21.45 Uhr, Das Erste

Fritz Frey

REPORT MAINZ vom 25.03.2014

Report Mainz,  25.3.2014 | 29:18 min

Newsletter Service Der Report Newsletter

Lassen Sie sich über die Themen der Sendung informieren. [mehr zu: Der Report Newsletter]

Zwei Hände schreiben auf einer PC-Tastatur Über uns Kontakt

Schreiben Sie uns! Wir sind offen für Anregungen und Kritik. Und freuen uns auf Ihre Themenvorschläge. [mehr zu: Kontakt]

Unterschätzte Risiken Wie gefährlich sind Medikamente gegen Osteoporose?

aus der Sendung vom Montag, 16.11.2009 | 21.45 Uhr | Das Erste

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Sie ist der Alptraum vieler Frauen, vor allem vieler älterer Frauen, die Osteoporose. Eine Krankheit, bei der sich, weil die Knochendichte abnimmt, das Risiko von Knochenbrüchen dramatisch erhöht. Da wird es niemand wundern, dass die Pharma-Industrie mit Medikamenten gegen die Osteoporose jedes Jahr Milliarden verdient.

Das wäre für sich genommen noch nicht berichtenswert. Aber: Werden die Medikamente auch wirklich sinnvoll eingesetzt? Und wissen die Patienten von den zum Teil schlimmen Nebenwirkungen? Genau daran gibt es Zweifel, wie Monika Anthes und Gottlob Schober jetzt herausgefunden haben.

Bericht:

Monika Ortiga-Mur ist gesundheitsbewusst, fühlt sich fit. Dennoch hat die 50-Jährige, wie viele Frauen in den Wechseljahren, Angst vor der Volkskrankheit Osteoporose, dem Knochenschwund. Deshalb geht sie auch regelmäßig zur Vorsorge, lässt ihre Knochendichte bestimmen.

O-Ton, Monika Ortiga-Mur:

»Der Arzt hat dann diese Knochendichte gemessen und dabei festgestellt, dass ich eine sehr niedrige Knochendichte habe, und mir dann dieses Medikament verschrieben.«





Mehr als 1,5 Jahre nimmt sie regelmäßig sogenannte Bisphosphonate. Das sind hoch wirksame Medikamente, die das Risiko eines Knochenbruchs reduzieren sollen. Doch diese starken Medikamente haben auch Nebenwirkungen. Von einer erfährt sie allerdings erst bei einem Zahnarztbesuch.

O-Ton, Monika Ortiga-Mur:

»Als ich meiner Zahnärztin damals erzählt habe, dass ich Bisphosphonate genommen habe, und sie mir einen Zahn entfernen wollten, hat sie gesagt, sie kann mir diesen Zahn nicht entfernen, und ich war damals wie vor den Kopf geschlagen.«

Der Grund: Bei Patienten, die diese Medikament einnehmen, kann es vor allem nach Zahnbehandlungen zu schweren Komplikationen kommen. Davor haben viele Zahnärzte Angst.

Hilfe bekommt Monika Ortiga-Mur erst in der Spezialsprechstunde der Zahnklinik an der Universität Mainz. Prof. Bilal Al-Nawas hat sich auf Patienten, die Bisphosphonate einnehmen müssen, spezialisiert. Seit Jahren erforscht er die Nebenwirkungen dieser Medikamente.

O-Ton, Prof. Bilal Al-Nawas, Universitätsklinik Mainz:

»Es können Teile des Kiefers absterben, also üblicherweise sieht man eine Wundheilungsstörung, zum Beispiel nach einer Zahnextraktion, die Wunde heilt nicht mehr, untendrunter kommt es zu Durchblutungsstörungen. Es können Teile des Kiefers absterben, und der Patient dann tatsächlich, wenn wir es therapieren, auch Teile des Kiefers verlieren.«


Auf der Station der Zahnklinik liegen regelmäßig Patienten, die darunter leiden. So wie diese Frau. Zwölf Jahre lang bekam sie im Rahmen einer Krebstherapie Bisphosphonate hochdosiert gespritzt. Jetzt ist ein Teil ihres Kiefers abgestorben und musste entfernt werden.

Bisher gingen viele Wissenschaftler davon aus, dass es fast ausschließlich bei Krebspatienten zu dieser Nebenwirkung kommt. Wer wie Monika Ortiga-Mur Osteoporosetabletten einnehme, habe nur ein sehr geringes Risiko daran zu erkranken. Experten sprachen bislang vielfach von 1 zu 100.000. Doch REPORT MAINZ liegt jetzt eine aktuelle Studie aus den USA vor. Ergebnis: Das Risiko einer Kiefernekrose liegt demnach bei 1 zu 952. Wie seriös ist diese Studie? Nachfrage beim Pharmaexperten Prof. Peter Schönhöfer:

O-Ton, Prof. Peter Schönhöfer, Pharmakologe:

»Ich halte die kalifornische Studie für zuverlässig. In Ihrer Aussagefähigkeit ist sie klar und eindeutig. Und sie ist deshalb für die Beurteilung der Bisphosphonate geeignet.«





O-Ton, Prof. Bilal Al-Nawas, Universitätsklinik Mainz:

»Diese Studie deckt sich mit unseren klinischen Erfahrungen. Es sind die ersten harten Daten, die zeigen, dass tatsächlich auch ein Risiko für Patienten mit Osteoporose besteht. Die Konsequenz sollte sein, dass die Patienten doch frühzeitig eine Risikoaufklärung bekommen.«

Monika Ortiga-Mur hat diese Medikamente zur Vorsorge eingenommen. Auf Risiken und Nebenwirkungen habe sie ihr Arzt nicht hingewiesen.


O-Ton, Prof. Peter Schönhöfer, Pharmakologe:

»Bisphosphonate werden sowohl zu häufig wie auch zu leichtfertig eingesetzt. Denn sie sind eine Therapie mit limitiertem, also beschränktem Nutzen. Die Bisphosphonate sind nicht zur Prävention geeignet, weil sie dort nicht viel an Wirkung entfalten.«

Fakt ist: Immer mehr Patienten nehmen diese Medikamente. Das belegen aktuelle Zahlen aus dem Arzneiverordnungsreport. 1999 wurden in Deutschland noch 55 Millionen Tagesdosen dieser Bisphosphonate verschrieben. 2008 sind es bereits rund 205 Millionen. Für die Pharmaindustrie ein riesiger Markt. Nicht nur in Deutschland auch in den USA.

Die in Florida lebende Shirly Boles hat viele Jahre das Bisphosphonat Fosamax der Firma Merck & Co eingenommen. Nach sechs Jahren bekam sie Probleme mit dem Kiefer. Heute sind Teile ihre Unterkiefers abgestorben. Sie hat immer Schmerzen, das Essen fällt ihr schwer.

O-Ton, Shirly Boles:

»Ich muss alles auf der rechten Seite kauen. Links geht’s nicht mehr.«









Hier eine Aufnahme ihres Kinns. Der abgestorbene Kiefer führt immer wieder zu schweren Entzündungen. Dadurch habe sie ihren Job verloren. Jetzt will sie Schadenersatz. Gemeinsam mit ihrem Anwalt klagt sie gegen die Pharmafirma Merck & Co. Und damit ist sie nicht allein. Ihr Anwalt Tim O`Brien vertritt weitere 400 Bisphosphonat-Patienten.

Sein Vorwurf:

O-Ton, Tim O`Brien, Anwalt, Pensacola / Florida:

»Dass diese ungewöhnlichen Kieferprobleme bei ihren Fosamax-Patienten vorkamen, wusste Merk bereits Mitte der 90er Jahre, also zum Zeitpunkt der Markteinführung. Ob Absicht oder absichtliche Ignoranz – Merck & Co hat die Augen vor den Problemen, die das Medikament verursacht, verschlossen. Pharmafirmen müssen nach amerikanischem Recht den Problemen nachgehen und dann Therapeuten und Patienten informieren. Merck & Co hat das nicht getan.«

Wir haben Merck & Co mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Der Pharmakonzern schickt uns mehrere Presseerklärungen.

Darin heißt es: Die Kiefernekrosen würden bisher nur unvollständig verstanden und könnten mehrere Ursachen haben. Außerdem verweist Merck & Co auf den Beipackzettel, darin ist von einigen Kiefernekrosefällen die Rede. Zu Shirly Boles erklärt Merck & Co:

Zitat:

»Die Klägerin hätte ihre Probleme mit den Zähnen und dem Kiefer ohnehin bekommen, ob sie nun FOSAMAX genommen hätte oder nicht.«

O-Ton, Tim O`Brien, Anwalt, Pensacola / Florida:

»Das Problem für Pharmafirmen ist, dass die Verkaufszahlen nach unten gehen, wenn sie warnen. Deshalb warten sie damit so lange wie möglich.«

Fazit: Osteoporose ist für die Pharmaindustrie ein großes Geschäft. Für Patienten wie Monika Ortiga-Mur ist es aber wichtig, dass vor der Einnahme von Bisphosphonaten eine vernünftige Risiko-Nutzen-Abwägung stattfindet. Zur Prävention würde sie die Medikamente heute nicht mehr einnehmen

Abmoderation Fritz Frey:

Zu diesem Thema im Internet unter www.reportmainz.de ein Gespräch mit unseren Autoren. Auch zur Frage, was man tun kann, um Nebenwirkungen, wie wir sie im Film gesehen haben, zu vermeiden.

Letzte Änderung am: 16.11.2009, 19.12 Uhr

Grafik Themenwelt Report
Pause
1/4
Vorheriges Bild Nächstes Bild
Videoarchiv Die REPORT MAINZ Themenwelt

Stöbern Sie in unserem Videoarchiv und finden Sie die Beiträge von REPORT MAINZ auf einer intuitiven, multimedialen Oberfläche. Egal ob am PC oder per Tablet, unsere Themenwelt bietet Ihnen zu jeder Zeit einen Zugriff auf aktuelle und ältere Beiträge der Sendung. [mehr zu: Die REPORT MAINZ Themenwelt]