Die Koalition und das VolkWie kommt Schwarz-Gelb bei den Menschen an

124 Seiten ist er stark. Sein Motto: Wachstum, Bildung, Zusammenhalt. Der Koalitionsvertrag. Unterschrieben vor gut zwei Stunden, von diesen drei Herrschaften hier. Ein Katalog voll politischer Absichtserklärungen, von A wie Arbeitsmarkt bis Z wie Zuwanderung.

Aber was halten die Bürger davon? Beispielsweise davon, dass Steuersenkungen durch neue Schulden finanziert werden sollen. Oliver Heinsch und Gottlob Schober haben nachgefragt, bei ganz unterschiedlichen Menschen an ganz unterschiedlichen Orten.

Bericht:

Mallorca: Hier treffen wir Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Vor allem Unternehmer, Kaufleute und Rechtsanwälte. Ein sehr beliebter Treffpunkt: Der Golfclub in Andratx.

O-Ton:
»Die, die hier auf der Insel Golf spielen, sind sowieso schon mal gesegnet, die das können, die sich das leisten können.«

Essen-Bergeborbeck: Viel Armut, wenig Arbeit und ein Fußballclub. Zu Rot-Weiss Essen gehen vor allem Arbeiter, kleine Angestellte und Arbeitslose.

O-Ton:
»Ich mache einen 1Euro 25 Job. Bin im Altenheim am Arbeiten. Gut, ist aber besser als gar nix, aber leben kann ich davon auch nicht.«

Die größte Spiel-Messe Deutschlands: Hier treffen wir Familien, denen es noch ganz gut geht – aber die Angst vorm Abstieg ist bei ihnen allgegenwärtig.

O-Ton:
»Wir sind halt Mittelstand, und der wird immer mehr belastet. Also ich sage mal, irgendwann lohnt es sich richtig in Hartz IV zu gehen, und dann wirst du mehr bezahlt, als wenn du dir was aufbaust.«

Drei unterschiedliche soziale Schichten und völlig andere Ansprüche an die Politik. Wir wollen wissen, wie der Koalitionsvertrag ankommt und stellen überall dieselben Fragen.

Wofür steht schwarz-gelb?

O-Ton, Golfclub Mallorca:
»Dass es in der Wirtschaft wieder aufwärts geht.«

O-Ton, Golfclub Mallorca:
»Für einen Umbruch in Deutschland, wieder mehr Risikobereitschaft.«

O-Ton, Golfclub Mallorca:
»Ich hoffe auch für deutliche Entlastung im Mittelstand.«

O-Ton, Rot-Weiss Essen:
»Für neue Schulden, noch mehr Schulden.«

O-Ton, Rot-Weiss Essen:
»Größere Unternehmensgewinne.«

O-Ton, Rot-Weiss Essen:
»Also meiner Meinung nach stehen die im Moment für eine soziale Ungerechtigkeit.«

O-Ton, Spiel-Messe:
»Für irgendwie weiter durchwursteln.«

O-Ton, Spiel-Messe:
»Unternehmen werden entlastet auf Kosten der breiten Masse der Beitragszahler.«

Bei den Golfspielern in Mallorca hat fast jeder, den wir fragen, Schwarz oder Gelb gewählt. Auch bei Familien haben Westerwelle und Merkel zugelegt. Am schlechtesten schneidet die Koalition bei den klassischen Fußball-Fans ab.

Denen verspricht die neue Koalition Arbeitsplätze durch Steuersenkungen. Aber: Steuersenkungen durch neue Schulden finanzieren?

O-Ton, Golfclub Mallorca:
»Wenn man die Wirtschaft ankurbeln will, dann geht das nur über Schulden.«

O-Ton, Golfclub Mallorca:
»Die Wirtschaftskraft in Deutschland ist so stark, dass wir das verkraften können, dass wir es auch wieder reinholen.«

O-Ton, Spiel-Messe:
»Die Schulden machen mir natürlich Sorgen, weil die müssen ja irgendwann...«

O-Ton, Spiel-Messe:
»Das sind unsere Kinder, die bezahlen.«

O-Ton, Spiel-Messe:
»Es sind ja Gelder, die wir unseren Kindern wegnehmen.«

O-Ton, Rot-Weiss Essen:
»Die machen Schulden, um wieder was anderes zu decken, machen wieder neue Schulden, stopfen immer nur Löcher, die wieder gerissen sind.«

O-Ton, Rot-Weiss Essen:
»Die Schulden müssen immer mal bezahlt werden, die nächsten zwei drei Generationen, die nach uns kommen, die werden das bezahlen müssen.«

Die Haushaltslöcher bedrohen die Zukunft der Golfspieler in Mallorca wohl kaum. Auch Familien und Angestellten hat die große Koalition viel versprochen: mehr Kindergeld und höhere Freibeträge. Gleichzeitig aber werden die Arbeitnehmer noch stärker zur Kasse gebeten – unter anderem bei den Sozialabgaben.

Höhere Beiträge für Kranken- und Pflegeversicherung ausschließlich für Arbeitnehmer?

O-Ton, Golfclub Mallorca:
»Ich finde das gerecht.«

Frage: Warum?

O-Ton Golfclub Mallorca:
»Ich finde es gerecht, wenn du Leistung in Anspruch nimmst im Leben, musst du dafür bezahlen.«

O-Ton, Spiel-Messe:
»Wenn dadurch tatsächlich Arbeitsplätze gesichert werden sollten, es ist immer eine Frage, wie sich das entwickelt. Wahrscheinlich werden sich die Arbeitgeber wieder die Taschen voll machen und der Arbeitnehmer wird trotzdem auf der Straße stehen im Endeffekt.«

O-Ton, Rot-Weiss Essen:
»Wir sind immer die Dummen. Wir werden immer zur Kasse gebeten. Sollen sie an die rangehen, die richtig Kohle haben und nicht an die armen Leute, so wie wir.«

Fazit: Schwarz-Gelb hat Politik fürs ganze Volk versprochen. Doch daran muss die Koalition offenbar noch hart arbeiten.

Alle Sendetermine:
26.10.2009, 21.45 Uhr, REPORT MAINZ, Das Erste

Letzte Änderung am: 18.09.2009, 23.31 Uhr

Beitrag zum SehenFritz Frey im Studio vor Monitor mit Bild von Seehofer, Westerwelle und Merkel

Bericht

Autor:
Oliver Heinsch
Gottlob Schober
Kamera:
Frank Mählen
Janucz Reichenbach
Schnitt:
Zsuzsa Döme
Sprecher:
Oliver Heinsch

SendezeitLaufender FuchsNächste Sendung

22. März 2010
21:45 Uhr, Das Erste

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