aus der Sendung vom Montag, 4.5.2009 | 21.45 Uhr | Das Erste
In der Sprache der Wissenschaft wenden wir uns nun „riskanten Alkohol-Konsummustern bei Jugendlichen“ zu. Auf Deutsch: Komasaufen. Gerade heute – Sie haben es vielleicht in der Tagesschau gesehen – hat die Bundesdrogenbeauftragte wieder beklagt, dass es immer schlimmer wird: Mehr als 23.000 junge Menschen wurden im vergangenen Jahr nach einem Alkoholexzess teils bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert.
Viel ist über das Komasaufen schon berichtet worden, wenig aber weiß man, warum Jugendliche sich dermaßen abfüllen. Im Internet ist jetzt ein Trend zu erkennen, den Experten als hochgefährlich ansehen. Schauen wir mal rein:
Angebote wie diese, tausendfach angeklickt, welche Rolle spielen sie im wirklichen Leben von jungen Leuten? Oliver Heinsch und Jan Teuwsen berichten.
Bericht:
Jungendliche auf Sauftour. Das Baumblütenfest in Werder nahe Potsdam. Obstwein in Literflaschen – süß wie Limonade. Für Jugendliche ideal, um sich zu betrinken.
Hier treffen wir eine Gruppe aus Berlin. Erfahrungen mit Alkohol haben sie alle – gute und weniger gute.
Frage: Wie alt wart ihr da, als ihr das erste mal richtig abgestürzt seid?
O-Ton:
»14.«
O-Ton:
»16.«
O-Ton:
»Ich war 14.«
O-Ton:
»Ich war 17.«
Frage: Und wie ist es gekommen damals, nicht aufgepasst? Oder mal so probiert?
O-Ton:
»Einfach mal so getrunken, Komasaufen gemacht, durcheinander trinken.«
O-Ton:
»Das war durch Unerfahrenheit, da wusste man nicht, was man verträgt.«
Und auch Videos rund ums Kampftrinken kennen sie hier alle. Als Handyvideos rumgereicht oder direkt im Internet angeklickt.
O-Ton:
»Da gibt es viele Videos, so wenn Jugendliche trinken, die sich filmen, wenn sie besoffen sind, kippen einfach um, und so.«
Frage: Hast du so was gesehen?
O-Ton:
»Ja, da ist einer in der Schule und trinkt eine Flasche Wodka leer.«
Eine Flasche Wodka auf ex in 20 Sekunden. Gefilmt in einer Schule. Dieses Video hat geradezu Kultstatus bei Jugendlichen.
Unter Titeln wie Kampftrinken oder Komasaufen findet man in Videoportalen wie YouTube oder MyVideo eine ganze Fülle von Alkoholexzessen. Ein regelrechter Kampf um Promille und Sekunden. Immer wieder sind es Jugendliche, die sich bei ihren Alkoholexzessen selbst filmen und die Bilder dann ins Internet stellen.
Der Kriminologe Prof. Pfeiffer hat die Wirkung von Medien auf Jugendliche untersucht. Er hält solche Videos für einen der entscheidenden Gründe, dass sich immer mehr Kinder ins Krankenhaus trinken.
O-Ton, Prof. Christian Pfeiffer, Kriminologe:
»Ich bewerte die Videos als hochjugendgefährdend, hier sieht man sofort die anderen, die begeistert mitmachen, man hört die positive Stimmung, man kann sie wahrnehmen, und ist dadurch schnell in Verführung, mitschwingen zu wollen, mit dem, was da andere erlebt haben, und alle Bedenken werden hinten angestellt.«
Wir treffen die Jugendlichen vom Baumblütenfest in Berlin wieder. In einem Internetcafé zeigen sie uns Videos, die sie kennen. Ganz offenbar kommen die Filme an. Wir wollen wissen, warum.
O-Ton:
»Man kennt die Situation, wenn es einem richtig schlecht geht vom Alkohol, und dann guckt man einfach nur zu, wie es denen richtig schlimm geht, oder die auch kotzen, und das findet man einfach lustig, weil einem selbst passiert ja nichts, man guckt ja nur zu.«
O-Ton:
»Und wenn man jünger ist, dann ist man noch vorsichtig beim Trinken, und wenn man dann sieht, was die Großen so können, dann macht man einfach mit.«
Doch der Kult ums Saufen geht im Internet noch weiter: Auf frei zugänglichen Seiten wie dieser tauschen sich Freunde des exzessiven Alkoholkonsums aus. Hier findet jeder Saufbilder und Anleitungen für harte Trinkspiele.
Und selbst in Jugendforen wie ‚Schueler CC’ haben sich Gruppen mit illustren Namen wie „Saufen bis ins Koma“ gebildet, in denen Schüler das Saufen feiern, vom Wodka schwärmen und sich zum Trinken verabreden.
Der Leiter der bayerischen Landeszentrale für Neue Medien, Professor Ring, hält frei zugängliche Saufseiten für hochbedenklich. Eine ist auf seine Veranlassung bereits gesperrt worden.
O-Ton, Prof. Dr. Wolf-Dieter Ring, Bayerische Landeszentrale für Neue Medien:
»Also überall da, wo exzessiver Alkoholkonsum positiv dargestellt wird, wo Jugendliche animiert werden, möglicherweise das nachzuahmen, und wenn es noch in einem jugendaffinen Umfeld geschieht, also Partys zum Beispiel und andere, wenn da Saufgelage so dargestellt werden, als ob es das Höchste ist, und Jugendliche, die betrunken sind, hier dargestellt werden, wie Helden dargestellt werden, dann ist der Jugendschutz gefordert.«
Und das gilt erst recht für die unzähligen Saufvideos, gegen die Jugendschützer nur schwer vorgehen können.
Wir hätten von den Betreibern der Videoportale gerne gewusst, warum sie solche Videos zulassen. MyVideo lehnt ein Interview ab, erklärt schriftlich, dass solche Videos, kaum angeschaut würden. Zitat:
Zitat:
»(...)was sollte daran auch sehenswert sein, Fremden beim Betrinken zuzuschauen?«
Das haben wir anders erlebt. Und auch bei YouTube gibt es kein Interview. Zu unserem Erstaunen erklärt man uns:
Zitat:
»Videos, die Minderjährige beim Konsum von Alkohol zeigen, (…) werden durch unsere geschulten Mitarbeiter von YouTube entfernt, sobald diese von solchen Videos Kenntnis erlangen.«
Mit anderen Worten: YouTube nimmt solche Videos heraus, wenn sie von den Nutzern selbst als anstößig gemeldet werden. Den Jugendschutz überlässt YouTube beim Thema Alkohol also denjenigen, die die Videos anschauen. Und so wird bei YouTube und MyVideo wohl weiter nach Herzenslust um die Wette gesoffen.
O-Ton, Prof. Christian Pfeiffer, Kriminologe:
»Wenn die auf Dauer sich so verhalten, wie das gegenwärtig zu beobachten ist, dann ist die Politik zum Handeln aufgefordert und muss Konsequenzen androhen, wenn Seitenanbieter sich so fahrlässig verhalten, wie das YouTube und die anderen tun.«
Abmoderation Fritz Frey:
Zum Thema Komasaufen auch ein Gespräch im Internet, exklusiv unter www.reportmainz.de.
Letzte Änderung am: 01.05.2009, 18.13 Uhr