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SENDETERMIN Mo, 9.2.2009 | 22:00 Uhr | Das Erste

Behandlung gegen Vorkasse Der Kampf der Fachärzte auf dem Rücken der Patienten

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Guten Abend zu REPORT aus Mainz. Es wird ihnen jetzt vielleicht so gehen wie mir. Als unser Reporterteam mir zum ersten Mal von der nun folgenden Geschichte erzählte, habe ich gesagt: Das gibt es nicht, nicht bei uns.

Worum geht es? Ärzte sollen von ihren Kassenpatienten Vorkasse verlangen, also, zum Beispiel, ein Orthopäde erwartet 120 Euro pro Quartal im Voraus und nur wer zahlt wird eine angepasste gute Behandlung erhalten, wie es hier in dieser Vereinbarung zwischen Arzt und Patient wörtlich heißt.

Wer nicht zahlt, darf sich als quasi unerwünschter Patient fühlen.
Monika Anthes und Eric Beres sind dieser unglaublichen Geschichte nachgegangen.

Bericht:

Es ist ein schweres Hüftleiden, das Martin Bukowski schon seit Jahren plagt. Immer wieder hat der Rentner aus Waldkirch bei Freiburg Schmerzen in den Beinen. Deshalb ist er auf dem Weg zum Orthopäden.

O-Ton:
»Ja, Herr Bukowski, Sie haben jetzt zwei Wochen...«

Doch statt Behandlung erst mal Diskussionen. Dr. Mikael Präg klagt darüber, dass er für Kassenpatienten wie Martin Bukowski zu wenig Honorar bekomme. Deshalb gebe es bei ihm jetzt eben weniger medizinische Leistung.

Es sei denn Martin Bukowski unterschreibt vorher diese Vereinbarung. Dem Orthopäden soll er „im Voraus 120 Euro“ pro Quartal bezahlen. Dann bekäme er eine „im Krankheitsfall nach bestem Wissen und Gewissen angepasste gute Behandlung“. Wer sich darauf nicht einlässt gilt als „quasi unerwünschter“ Patient.

Wer nicht zahlt, ist also unerwünscht? Der Rentner ist entsetzt.

O-Ton:

»Ich lehne das mit allem Nachdruck ab. Das sind Finanzprobleme zwischen Arzt und Kasse, die gehen mich als Patienten nichts an.«







Was hat es mit den Vereinbarungen auf sich? Wir haken nach.

Frage: Kassenpatienten sind bei Ihnen als Kassenarzt quasi unerwünschte Patienten, wie erklären Sie das?

O-Ton, Dr. Mikael Präg, Orthopäde:

» Sie sind nicht kostendeckend, manche.«










Frage: Also unerwünscht?

O-Ton, Dr. Mikael Präg, Orthopäde:
»Wissen Sie ich gebe da weiter, was die Kassen uns auftragen.«

Wer nicht kostendeckend ist, muss also selbst zahlen. Ist das so gewollt? Nachfrage beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen, GKV.

O-Ton, Ann Marini, Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen:

»Das Prinzip Vorkasse, das verträgt sich definitiv nicht mit der Verpflichtung der Kassenärzte, alle gesetzlich Versicherten zu behandeln. Um es ganz deutlich zu sagen, das ist gesetzeswidrig.«






Die Forderungen von Dr. Präg also illegal? In seiner Praxis jedenfalls unterschreiben reihenweise Patienten diese Vereinbarung. Inzwischen sind es schon 30. Auch Andreas Bohnert will zahlen. Aus Angst, schlechter behandelt zu werden.

O-Ton, Andreas Bohnert, Kassenpatient:

»Als Kassenpatient bin ich ein Patient zweiter Klasse und das kann’s nicht sein und das möchte ich einfach nicht.«







Frage: Und deshalb haben Sie unterschrieben“

O-Ton, Andreas Bohnert, Kassenpatient:
»Ja.«

Patienten werden zur Kasse gebeten, Ärzte klagen über zu niedrige Honorare. Wie kann das sein?

Rückblick: August 2008. Ärzte und Krankenkassen beschließen: 2,7 Milliarden Euro mehr für die niedergelassenen Ärzte. Ein Plus von 10 Prozent.

Doch jetzt sieht die Realität anders aus: Eine Hochrechnung zeigt: Von 2008 auf 2009 gibt es nur gut 1,2 Milliarden Euro mehr. Und die Gewinner sind vor allem die Ärzte in Ostdeutschland. Beispiel Thüringen: plus 17,4 Prozent. Die Verlierer der Reform sind Ärzte in Westdeutschland. Baden-Württemberg: minus 3,4 Prozent.

Die Reform hat regionale Unterschiede in Deutschlands Praxen viel zu wenig berücksichtigt. Das spürt der Baden-Württemberger Martin Bukowski jetzt auch bei seinem HNO-Arzt. Dr. Thomas Rahner erwartet ein dickes Minus. Deshalb droht er mit einer schlechteren Basisversorgung.

O-Ton:
»Ich habe mit Erschrecken gesehen zum Beispiel, dass manche Beratungselemente nicht mehr honoriert sind, zum Beispiel Tinnitus-Diagnostik oder auch Tinnitustherapie. Da muss ich sagen: Ich habe Tinnitus!«

O-Ton:
»Ich kann eine Beratung so oder so machen, und die Kurzberatung, wie sie die Krankenkasse mir noch bezahlt, bestünde beim Tinnitus da drin, dass ich sagen kann, tut mir leid, man kann nicht viel machen.«

Und wenn er mehr möchte, muss Martin Bukowski auch in dieser Praxis künftig dazu zahlen.

Dr. Rahner rechtfertigt das ebenfalls mit der Honorarreform für die niedergelassenen Ärzte. Er zeigt uns seine aktuelle Kalkulation. Seit Januar bekommt er pro Patient nur noch 27 Euro im Quartal. Eine qualitativ hochwertige Medizin sei damit nicht mehr möglich.

Frage: Das heißt Kassenpatienten sind Patienten zweiter Klasse?

O-Ton, Dr. Thomas Rahner, HNO-Arzt:

»Das heißt Kassenpatienten können bei dieser Bezahlung nicht mehr leitliniengerecht versorgt werden.«








Für Kassenpatienten nur noch Schmalspurmedizin, und das obwohl die Honorare für die Ärzte erhöht wurden.

Viele Kritiker sind sich mittlerweile einig: Die Honorarreform ist gescheitert. Ungerecht und nicht zu verstehen. Mit dramatischen Folgen für die Patienten. Doch dafür will keiner die Verantwortung übernehmen. Weder die Krankenkassen noch die Ärzteschaft. An deren Spitze: Andreas Köhler.

O-Ton, Andreas Köhler, Kassenärztliche Bundesvereinigung:

»Wir haben zu jedem Zeitpunkt dokumentiert, dass wir mit diesem Beschluss Versorgungsprobleme auftreten sehen. Und haben das auch gegenüber den Krankenkassen und gegenüber dem Schlichter erwähnt, aber im Gesamtpaket wurde eher die Vorstellung der Krakenkassen realisiert.«



O-Ton, Ann Marini, Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen:
»Wir haben nicht mit uns allein verhandelt, sondern mit den Vertretern der Ärzte, sprich mit der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sie saßen mit am Verhandlungstisch, und es gab einen Beschluss, der mehrheitlich getroffen ist. Da kann sich jetzt keiner aus der Verantwortung stehlen.«

Schuld will also keiner sein. Leidtragende sind Patienten wie Martin Bukowski. Er hat das Vertrauen in das Gesundheitswesen verloren.

O-Ton:
»Ich fühle mich verraten und verkauft. Das sind Zustände, die nicht in unser Land passen.«

Abmoderation Fritz Frey:

Zu der Frage, wie man sich als Patient verhält, wenn der Arzt Vorkasse will, habe ich ein Kollegengespräch geführt. Im Internet unter www.reportmainz.de können Sie es sich ansehen.

aus der Sendung vom

Mo, 9.2.2009 | 22:00 Uhr

Das Erste

Bericht

AutorInnen:
Monika Anthes
Eric Beres
Kamera:
Thomas Schäfer
Jasper Marquardt
Schnitt:
Frank Schumacher
Sprecher:
Monika Anthes