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SENDETERMIN Mo, 1.12.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Kampf um Gerechtigkeit Wieso ein linker Pädagoge in Hessen niemals Lehrer werden durfte

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Dass staatliche Willkür Lebensentwürfe zerstören kann, das weiß man. Doch was man wohl eher einer Diktatur zutraut, passiert auch bei uns, mitten in Deutschland.

Die Rede ist von Hans Roth, einem hessischen Lehrer, der vor mehr als 30 Jahren zu Unrecht verdächtigt wurde, ein politischer Extremist zu sein. Prominente Fürsprecher hat Hans Roth. Zum Beispiel den früheren Bundespräsidenten Johannes Rau oder den ehemaligen Bundesinnenminister Gerhart Baum.

Doch hat ihm diese Fürsprache geholfen? Ulrich Neumann berichtet.

Bericht:

Er lebt seit fast 30 Jahren im selbstgewählten Exil in Frankreich. Eigentlich eine Idylle, aber nicht für ihn, denn: Hans Roth ist Opfer stattlicher Willkür und Repression. Trotz bester Ausbildung und Zeugnisse wurde ihm eine bürgerliche Existenz in Deutschland stets verweigert.

Wir treffen Hans Roth in der Nähe von Nantes. Er lebt in einem winzigen, stark sanierungsbedürftigen Häuschen. Seit 30 Jahren hält sich der 65-Jährige mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser.

O-Ton, Hans Roth:

»Ich habe angefangen damit, dass ich die Arbeiten angenommen habe, die man leicht bekommen konnte, zum Beispiel Weinernte, Rebschnitt im Winter, Olivenernte.«






Also ein Leben als Hilfsarbeiter! Dabei ist er doch ausgebildeter Pädagoge mit zwei exzellenten Staatsexamen. Seit Jahrzehnten kämpft er von hier gegen sein Berufsverbot durch das Land Hessen. Es ist ein zermürbender, zäher und bis heute erfolgloser Kampf. Der beginnt 1968.

Hans Roth, Oberleutnant der Reserve, erhält bei einer Übung den Befehl eine Demonstration von Studenten gewaltsam aufzulösen. Das ist – ganz klar – grundgesetzwidrig:

O-Ton, Hans Roth:

»Für mich ist eine Armee niemals im Inneren einzusetzen. Sie dient dazu, einen äußeren Feind abzuwehren.«

Seine Konsequenz: Er gibt seinen Wehrpass zurück, wird als Wehrdienstverweigerer anerkannt und ist dann, ohne dass er es weiß, im Visier des hessischen Verfassungsschutzes. Akten über ihn werden angelegt.

Anfang der Siebziger: Roth, politisch ein liberaler Linker, studiert Pädagogik an der Uni Gießen, absolviert sein Referendariat. Er ist beliebt bei Schülern, Eltern und Lehrern. Außerdem schreibt er ein in der Fachwelt viel beachtetes Buch. Der Lehrer Hans Roth also scheinbar am Beginn einer beruflichen Bilderbuchkarriere. Doch dann kommt alles ganz anders:


Roths Übernahme als beamteter Lehrer verweigert das Land Hessen seit Mitte der siebziger Jahre insgesamt fünf Mal – mit wechselnden falschen und fadenscheinigen Begründungen. Darüber hat REPORT bereits 1978 berichtet:

O-Ton, REPORT 1978:

»Er fiel zunächst unter den Extremistenbeschluss. Doch Gerichte und Regierungspräsidium mussten ihm Verfassungstreue bescheinigen. Roth wurde aber wieder abgelehnt. Jetzt hieß es: Er sei ein schlechter Pädagoge. Doch in Roths Zeugnis steht unter Pädagogik, wie unter allen anderen Fächern, die Note sehr gut. Die Akten des Verfassungsschutzes, obwohl falsch oder gefälscht, wiegen schwerer als Verfassungstreue und pädagogische Qualitäten.«

O-Ton, Hans Roth:

»Ich möchte mich bezeichnen als einen ausgesprochenen Verfassungsbürger, der dafür streitet, dass Demokratie in Deutschland erhalten bleibt und mit Leben gefüllt wird.«

Wir sind in Paris, treffen Prof. Alfred Grosser, einen der herausragenden Politologen Europas. Er befasst sich seit Jahrzehnten mit dem bislang aussichtslosen Kampf von Hans Roth.

O-Ton, Prof. Alfred Grosser, Politologe:

»Ich hätte nie gedacht, dass ein Berufsverbot ein Leben lang dauern kann, dass man nicht seinen Beruf ausüben darf, dass man seine beruflichen Einnahmen überhaupt nicht mehr bekommt.«





Auch der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum ist entsetzt über den jahrzehntelangen Umgang mehrerer hessischer Landesregierungen mit Hans Roth.

O-Ton, Gerhart Baum, ehem. Bundesinnenminister:

»Herr Roth ist ein Opfer des damaligen Radikalenerlasses. Aber er ist es, so sehr ich den Radikalenerlass auch bekämpft habe, er ist es auch noch zu Unrecht. Er war gar keiner, der unter den Radikalenerlass gefallen wäre.«




Genau das wird Hans Roth schon 1986 von der hessischen Landesregierung schriftlich bestätigt. Er sei „kein Extremist“. Doch sein Berufsverbot dauert weiter an. Er nimmt das nicht hin, kämpft und kämpft...

2002: Auch der damalige Bundespräsident Johannes Rau solidarisiert sich mit Hans Roth, lädt ihn zum Sommerfest nach Berlin. Raus Mitarbeiter setzen sich sogar für Roths Rehabilitierung bei der hessischen Landesregierung ein. Ergebnislos.

Auch sein Bruder, ein CDU-Mitglied, schreibt wiederholt an den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Hans Roth selbst tut es seit 2003 – jährlich.

O-Ton, Hans Roth:

»Er hat nicht geantwortet. Ich weiß nicht, ob ich da jetzt sagen soll: Das ist eine Arroganz der Unansprechbarkeit, aber das ist wahrscheinlich zu polemisch.«

Wir wissen: Hessens Ministerpräsident Roland Koch war persönlich mehrfach mit den Vorgängen um Hans Roth befasst. Ein Interview dazu wird abgelehnt. Deshalb fragen wir auf einer Pressekonferenz nach Hans Roth.

O-Ton, Roland Koch, Ministerpräsident Hessen:

»Ich glaube nicht, dass es ein ganz so spannender Fall ist. Ich jedenfalls kenne den Vorgang im Augenblick nicht. Punkt.«







O-Ton, Gerhart R. Baum, ehem. Bundesinnenminister:

»Die wichtigste Pflicht des Landes Hessen wäre ihn moralisch zu rehabilitieren. Ihm zu sagen, dass er keinen Grund gegeben hat, ihn als Lehrer abzuweisen.«

O-Ton, Prof. Alfred Grosser, Politologe:

»Er hat keinen Pfennig bekommen von der deutschen, von der hessischen Regierung. An sich stünde ihm enorme Entschädigung zu!«

Das Land Hessen muss sich beeilen, wenn es seine Fehler noch zu Lebzeiten von Hans Roth wiedergutmachen will. Er ist krank, sehr krank...

Abmoderation Fritz Frey:

Den Beitrag, den REPORT vor 30 Jahren über Hans Roth gesendet hat, können Sie sich in ganzer Länge unter www.reportmainz.de noch mal ansehen. Und den Rest der Sendung natürlich auch.

aus der Sendung vom

Mo, 1.12.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Ulrich Neumann,
Oliver Heinsch,
Fritz Schmaldienst
Kamera:
Thomas Schäfer
Schnitt:
Marcus Kau
Sprecher:
Ulrich Neumann