aus der Sendung vom Montag, 1.12.2008 | 21.45 Uhr | Das Erste
Unsere Politiker haben eine neue Währungseinheit entdeckt: die Milliarde. Darunter geht es heutzutage nicht mehr, wenn es gilt Banken und Automobilkonzerne zu retten. Steuer-Milliarden – wahrscheinlich muss das so sein, um halbwegs heil durch diese Krise zu kommen.
Aber: Auch diese Krise wurde von Menschen verursacht. Und deshalb haben wir uns gefragt: Wie groß ist die Bereitschaft von Bankmanagern und Konzernlenkern ganz persönlich auf etwas zu verzichten, um ein Zeichen zu setzen. Gottlob Schober hat nachgefragt, nach amerikanischem Vorbild.
Bericht:
Es war eine echte TV-Sensation in Amerika vor wenigen Tagen. Die drei mächtigen Bosse von Ford, General Motors und Chrysler müssen sich unangenehmen Fragen im US-Senat stellen. Wegen Löchern in den Firmenkassen fordern sie schlappe 25 Milliarden Dollar Hilfe vom Staat. Thema auch: die Privatjets der Firmenbosse. Nachfragen.
O-Ton:
»Ich möchte gerne wissen, wer von den drei Vorständen mit einem Linienflugzeug gekommen ist, der hebe bitte die Hand. Für das Protokoll: Keine Hand oben.
Wenn sie als persönliche Geste jetzt ihre Jets verkaufen und Linie zurück fliegen wollen, heben sie die Hand. Für das Protokoll: Keine Hand oben.«
Solche Fragen – in Deutschland bislang undenkbar. Michael Kemmer, Chef der Bayern LB, hat gerade ein 30 Milliarden Euro Paket für die Landesbank rausgeschlagen – bezahlen muss der Steuerzahler. Eine öffentliche Anhörung gab es nicht. Deshalb stellt REPORT MAINZ die unbequemen Fragen.
Frage: Wären Sie denn als Manager bereit zu verzichten, wenn der Staat jetzt Ihre Bank mit Milliarden unterstützen muss?
O-Ton, Michael Kemmer, Bayern LB:
»Ich bitte sie um Verständnis, wir gehen jetzt in diese Kommission, da wollen wir berichten über die Situation der Bank und über weitere Fragen will ich mich im Moment nicht äußern.«
Frage: Würden sie in Zukunft auch 2. Klasse Bahn fahren oder Holzklasse, economy, fliegen?
O-Ton, Michael Kemmer, Bayern LB:
»Darf ich noch einmal sagen, wir haben heute ganz andere Themen, wir haben auch andere Sorgen. Das sind Dinge, über die ich nicht nachdenke.«
Frage: Also kein Verzicht momentan?
O-Ton, Michael Kemmer, Bayern LB:
»Ich darf es noch einmal wiederholen, das sind Themen, mit denen ich mich im Moment nicht auseinandersetze. Ich habe im Moment andere Sorgen. Es geht um die Bank, es geht nicht um persönliche Dinge.«
Frage: Aber Steuergelder, Milliarden sind im Gespräch. Das ist eine Menge für eine Bank?
O-Ton, Michael Kemmer, Bayern LB:
»Darf ich in die Kommission reingehen, die warten auf mich.«
Hierzulande stellen Politiker, wie Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer die Fragen. Hinter verschlossenen Türen. Wir wollen es genau wissen.
Frage: Waren die Fragen hier drin genau so hart wie im US-Senat vorige Woche?
O-Ton, Horst Seehofer, CSU, Ministerpräsident Bayern:
»Ach ich finde, es war sehr konstruktiv und offen. Ich meine, es ist eine hohe Verantwortung der Abgeordneten, wenn es um die Verwendung der Steuergelder unserer Bürger geht.«
Frage: Müssen auch die Manager Verzicht üben in der Zukunft?
O-Ton, Horst Seehofer, CSU, Ministerpräsident Bayern:
»Es finden gute Restrukturierungsmaßnahmen bei der Bank statt und die werden morgen darüber reden.«
Frage: Aber warum diskutiert man nicht öffentlich dann?
O-Ton, Horst Seehofer, CSU, Ministerpräsident Bayern:
»Weil das der Respekt vor Gremien gebietet, erst die Entscheidungsträger zu informieren und dann die Öffentlichkeit. Ich glaube, das ist die richtige Abfolge.«
Auf dem Flur treffen wir Bayern- LB-Chef Michael Kemmer erneut. Künftig, sollen, so die Landesbank, auch seine Bonuszahlungen erst einmal ausgesetzt werden. Ist das alles?
Frage: Herr Kemmer, auf was wären Sie denn zu verzichten bereit als Manager? Herr Kemmer, würden Sie auch einen kleineren Dienstwagen in Kauf nehmen?
Bei einer Anhörung in den USA hätte er darauf wohl antworten müssen, genauso wie auf folgende Frage:
O-Ton:
»Wären sie bereit für einen Dollar zu arbeiten?«
O-Ton:
»Ich glaube, was wir haben ist o.k.«
O-Ton:
»Also nein?«
O-Ton:
»Was ich habe, ist o.k.«
Frage: Ihre Kollegen im US-Senat wurden gefragt, ob sie für einen Dollar arbeiten würden. Wie sehen sie das?
O-Ton, Michael Kemmer, Bayern LB:
»Mich hat noch keiner gefragt, ob ich für einen Dollar arbeiten würde.«
Frage: Würden Sie es denn tun?
O-Ton, Michael Kemmer, Bayern LB:
»Das sind Themen, mit denen ich mich im Moment nicht auseinandersetze.«
Fragen, die wir auch anderen Banken gestellt haben: Verzicht auf Business Class? Kleinere Dienstwagen? In der Bahn zweite Klasse fahren? Interviews bekamen wir keine. Und in den schriftlichen Statements bleiben genau diese Fragen unbeantwortet.
Und dann finden wir doch noch ein positives Beispiel: General- Motors-Europa-Chef Carl-Peter Forster. Zugegebenermaßen hat er, wie alle anderen auch, zunächst ein Interview vor der Kamera abgelehnt. Dennoch stellen wir unsere Fragen überraschend auf einer Autopräsentation in Berlin. Forster zeigt sich erstaunlich einsichtig. Vielleicht auch, weil Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee aufmerksam zuhört.
Frage: Welche persönlichen Zugeständnisse würden Sie als Manager für eine mögliche Bundesbürgschaft machen. Würden sie zum Beispiel economy class fliegen oder zweite Klasse Bahn fahren?
O-Ton:
»Also wenn daran eine Bundesbürgschaft hängt, mache ich das natürlich sehr gerne.«
Frage: Ihre US-Kollegen wurden im Senat gefragt, ob sie symbolisch für einen Dollar arbeiten würden. Wie stehen sie dazu?
O-Ton, Carl-Peter Forster, Präsident GM Europe:
»Das fällt mir sehr schwer, weil ich muss ja von dem, was ich mir erarbeite, meine Familie ernähren. Und da ist ein Euro wahrscheinlich doch sehr wenig.«
Applaus für Carl-Peter Forster. Offensichtlich hat er aus den negativen Erfahrungen seiner US-Kollegen gelernt.
Zurück in Washington: Noch eine wichtige Frage treibt die US-Politiker um:
O-Ton:
»Wer garantiert, dass Sie nicht nächsten Monat wieder 25 Milliarden Dollar brauchen und den Monat danach auch wieder?«
O-Ton:
»Ich würde Ihnen gerne garantieren, dass das in jedem Fall reicht, ich kann das nicht, weil ich das nicht weiß.«
Zumindest diese Frage wird auch in München auf einer Pressekonferenz thematisiert. Endlich ein Statement von Michael Kemmer. Reichen der Bayern LB 30 Milliarden Euro aus?
O-Ton:
»Das kann heute natürlich niemand sagen.«
O-Ton:
»Eine letzte Sicherheit, dass das ein für alle Male, für alle Jahre, abschließend ist, kann niemand geben.«
Heißt: Möglicherweise braucht die Bayern LB noch mehr Geld vom Steuerzahler. Tritt dieser Fall ein, müssen Michael Kemmer und andere Bosse vielleicht doch irgendwann einmal unsere Fragen beantworten.
Abmoderation Fritz Frey:
Eines soll nicht verschwiegen werden. Die Bayerische Landesbank teilt ganz vornehm mit, dass mit dem Vorstand Gespräche über die Bezüge aufgenommen werden sollen, unter Berücksichtigung des Finanzmarktstabilisierungsgesetzes. Und solange das läuft, gäbe es auch keine Bonifikationen für die Vorstandsmitglieder. Zugleich wird die Bank, wie wir heute in den Nachrichten erfahren haben, mehr als 5.000 Stellen abbauen.
Letzte Änderung am: 25.10.2008, 00.06 Uhr