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29.04.2014
21.45 Uhr, Das Erste

Fritz Frey

REPORT MAINZ vom 25.03.2014

Report Mainz,  25.3.2014 | 29:18 min

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Fluchtburg Singapur Wie Liechtensteiner und Schweizer Banken deutschen Steuersündern zur Seite stehen

aus der Sendung vom Montag, 28.7.2008 | 21.45 Uhr | Das Erste

.Die Zeitrechnung für Steuersünder kennt die Vor- und die Nach-Zumwinkel-Ära. Seit Februar dieses Jahres, da gab es bei Zumwinkels Besuch vom Staatsanwalt. Sind wir also in der Nach-Zumwinkel-Ära. Und wer früher gerne mit seinem Geld gerne in die Schweiz oder nach Liechtenstein gefahren ist, der denkt heute vielleicht über eine Selbstanzeige nach. So haben wir uns das vorgestellt. Doch Daniel Hechler hat herausgefunden, es gibt da eine neue Möglichkeit. Und die heißt Singapur

Die asiatische Steueroase profitiert in ganz besonderer Weise von der Nach-Zumwinkel-Ära. Aber der Reihe nach.


Bericht:

Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe – Razzia bei Postchef Zumwinkel. Der Vorwurf gegen ihn und 700 weitere Kunden der Liechtensteiner LGT-Bank: Steuerhinterziehung. Fahnder entdeckten ihre Daten auf einer CD-Rom, zugespielt von einem Insider. Ein Dammbruch, der die Schwarzgeldsünder in Panik versetzt, wie Steuerstrafanwalt Klaus Höchstetter bei vielen Mandanten erlebt hat.

O-Ton, Klaus Höchstetter, Rechtsanwalt:

»Bei einigen geht tatsächlich die Panik um, schlicht und ergreifend dahingehend, dass sie Verlust an Lebensqualität haben, beunruhigt sind, nervös sind, schlechten Schlaf haben und einige tatsächlich auch Kreislaufstörungen haben und sich deswegen in Behandlung begeben haben. Das ist kein Scherz.«



Ihre Sorge: Das Bankgeheimnis in der Schweiz und Liechtenstein ist nicht mehr sicher. Viele wollen sich selbst anzeigen, bevor es zu spät ist. Nur den Banken scheint das irgendwie nicht zu passen, wie Höchstetter in mehreren Fällen erlebt haben will.

O-Ton, Klaus Höchstetter, Rechtsanwalt:

»Wenn ein Kunde heute zu seiner Bank kommt und sagt am Tisch: Ich möchte tabula rasa machen, Selbstanzeige, mein Geld abziehen, dann wird er davon mit allen Kräften abgehalten. Das heißt, der Banker wird ihm erst nochmals darlegen, weshalb die Sicht des Kunden falsch ist, warum das schweizerische Bankgeheimnis gut ist und auf Dauer tragen wird, und im Übrigen wird er ihm alternative Strukturen anbieten.«

Ein schwerer Vorwurf. Hintertreiben Banker systematisch den Wusch von Schwarzgeldsündern nach Steuerehrlichkeit? Fest steht, Fahnder sind bei den Razzien auf eine neuen Spur gestoßen, wie der Chef der Steuergewerkschaft erstmals öffentlich macht.

O-Ton, Dieter Ondracek, Vorsitzender Deutsche Steuergewerkschaft

»In Hinblick auf die aktuellen Ermittlungen ist mir bekannt, dass Zufallsfunde, wenn man es so bezeichnen will, gemacht worden sind, Notizen, Hinweise, Telefonnotizen, auch Schriftstücke, die zwar verschlüsselt sind, aber die darauf hindeuten lassen, dass jemand hier Geld verlagern wird oder geplant war, Geld zu verlagern nach Singapur.«

Singapur also, eine boomende Finanzmetropole mit weit über 100 Banken. Darunter auch fast alle Schweizer und Liechtensteiner Institute. Offiziell natürlich nur, um ganz legale Geschäfte in der Region zu machen. Nur: Warum umwerben UBS, Credit Suisse und LGT dann so offen auch vermögende Kunden aus Europa?

Banker aus aller Welt treffen sich abends hier, in Harrys Bar. Wenn es um die Vorzüge der Finanzmetropole geht, geraten sie schon einmal ins Schwärmen.

O-Ton:

»Im internationalen Vergleich spielt Singapur eine massiv wichtige Rolle.«

O-Ton:

»Ich denke, es ist ein ausgezeichneter Standort für Banker.«

O-Ton:

»Sie können es mit der Schweiz vergleichen. Als neue Plattform für Privatkunden.«

O-Ton:

»Im Prinzip ist es die neue Schweiz in Asien. Ja, definitiv.«

Worauf gründet sich dieses Image? Ein Vermögensberater einer Großbank, der anonym bleiben möchte, spricht Klartext. Von Singapur aus betreut er gut-betuchte deutschsprachige Kunden.

O-Ton:

»Singapur ist steuerlich sehr attraktiv und auf der anderen Seite gibt es auch ein Bankgeheimnis, stärker als das, was wir von der Schweiz her kennen, welches auch die Diskretion und Vertrauenswürdigkeit garantiert.«

Frage: Ist das auch für Menschen mit nichtversteuertem Geld interessant?

O-Ton:

»Das ist natürlich ein Umfeld, welches für solche Gelder sehr attraktiv ist. Das ist ganz, ganz klar.«

Na also. Singapur als neue Fluchtburg für Schwarzgeld aus Europa. Die Vorteile: Hohe Gefängnisstrafen bei Verstößen gegen das Bankgeheimnis. Keine Kooperation mit ausländischen Steuerbehörden. Null Zinssteuern.

Kein Wunder, dass nach der Razzia bei Postchef Zumwinkel im Februar laut offizieller Quellen das hier angelegte Vermögen aus Europa um mehr als 20 Prozent anstieg. Haben Banker dabei auch ein wenig nachgeholfen?

O-Ton:

»Wenn die Leute verunsichert sind, dann würde ich empfehlen auf der einen Seite das Geld auf andere Finanzplätze zu verschieben, wenn ihnen das die nötige Sicherheit gibt, wobei ich den Schweizer Finanzplatz immer noch als sehr, sehr vertrauenswürdig und stabil einschätze.«

Frage: „Wenn jetzt einer kommt und sagt: Nach all dem, was geschehen ist, ich habe Angst, was soll ich machen?“

O-Ton:

»Ist sicherlich eine Lösung, das Geld nach Singapur oder andere Finanzplätze zu verschieben.«

Empfehlungen, die öffentlich so noch nie zu hören waren. Rechtsanwalt Höchstetter kennt die Argumentation. Banker hätten Dutzenden seiner Mandanten zu Singapur statt Selbstanzeige geraten. Wer sich davon nicht überzeugen lasse, werde nach seiner Darstellung einfach ausgebremst.


O-Ton, Klaus Höchstetter, Rechtsanwalt:

»Wenn der Kunde überhaupt nicht ansprechbar ist und bei seinem Willen bleibt, wird er blockiert werden. Er wird Unterlagen nicht bekommen und er wird Geld nicht in der Form ausgezahlt bekommen, wie er es möchte.«

Laut Höchstetter scheint sich die Beratungsstrategie auszuzahlen. Fast jeder zweite vermögende Mandant sei so von der Selbstanzeige abgebracht worden. Andere Anwälte bestätigen die Erfahrung. Westliche Geheimdienste sprechen gegenüber REPORT MAINZ gar von systematischer Beratung nach dem Muster. Immer wieder werden die LGT, die Credit Suisse und die UBS genannt. Uns gegenüber bestreiten die Banken bei Steuerhinterziehung zu helfen. Die Schweizerische Bankiervereinigung erklärt dagegen:

Zitat:

»Im Beratungsgespräch langjährigen Kunden, die Angst vor der deutschen Steuerfahndung haben, Alternativen aufzuzeigen, ist durchaus legitim.«

Der Münchener Oberstaatsanwalt Anton Winkler sieht das ein wenig anders. Wir legen ihm die Aussagen unserer Gesprächspartner vor.

O-Ton, Anton Winkler, Staatsanwaltschaft München I:

»Wenn man diese Interviews so sieht, dann erkennt man schon, dass es hier Bankbeamte gibt, die unter Umständen im Strafbereich der Anstiftung oder Beihilfe zur Steuerhinterziehung sich befinden.«

Auch das Bundesfinanzministerium zeigt sich empört. Auf unsere Anfrage heißt es schriftlich, dass

Zitat:

»… die durchaus glaubwürdigen Schilderungen ein bezeichnendes Licht auf eine Branche werfen, die von der planmäßigen und organisierten Beihilfe und Anstiftung zur Steuerhinterziehung zu leben scheint.«

Was auf dem Spiel steht, wissen insgeheim natürlich auch Banker, die deutsche Kunden betreuen.

O-Ton:

»Es ist gesetzlich verboten, aktive Beratung bei Steuerflucht.«

Frage: „Aber es findet doch statt?“

O-Ton:

»Klar findet es statt. Aber es ist gesetzlich verboten. Wenn sie das so senden, haben die Banken ein Problem.«

Abmoderation Fritz Frey:

Zu diesem Thema habe ich übrigens auch ein Interview mit unserem Autor geführt. Unter reportmainz.de können Sie es sich ansehen..

Letzte Änderung am: 25.07.2008, 18.14 Uhr

Bericht

Autor:
Daniel Hechler
Kamera:
Andreas Deinert
Thomas Schäfer
Jens Thering von der Osten
Schnitt:
Steffen Steup
Sprecher:
Daniel Hechler

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