aus der Sendung vom Montag, 26.5.2008 | 21.45 Uhr | Das Erste
Auch wir beschäftigen uns mit Kindern, und zwar mit den Allerkleinsten, den sogenannten Frühchen unter 1.500 Gramm. Für Mediziner sind sie Hochrisikopatienten. Kleinste Behandlungsfehler führen zu Katastrophen.
Was also liegt näher als im ohnehin geburtenschwachen Deutschland eine optimale Versorgung sicherzustellen? Davon aber sind wir weit entfernt, wie Gottlob Schober herausgefunden hat.
Bericht:
Tanja kam in der 30. Schwangerschaftswoche auf die Welt – viel zu früh. Es grenzt an ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebt. Die Ärzte bereiteten die Mutter bereits auf das Schlimmste vor.
O-Ton, Mutter:
»Schrecklich war das, ich habe das Kind ja nicht einmal gesehen. Und dann soll es wahrscheinlich nicht überleben. Also, es ist ganz schlimm «
Tanjas Fall gibt Hinweise darauf, dass bei der Behandlung von Frühchen in Deutschland etwas schief läuft. Wir dürfen das Baby zwar zeigen, aber auf Wunsch der Mutter keinen Namen nennen. Auch nicht den der Kliniken, in der das Kind behandelt wurde.
Doch der Reihe nach: Im Spätsommer 2007 wurde Tanjas Mutter mit dem Notarztwagen in ein kleines Krankenhaus eingeliefert. Dort kam das Frühchen per Kaiserschnitt zur Welt und wurde sofort danach in eine Kinderklinik verlegt.
Hier verschlechterte sich Tanjas Gesundheitszustand dramatisch. Erst 15 Stunden nach der Einlieferung in die Kinderklinik wurde sie in ein großes Frühgeborenenzentrum nach Ulm verlegt. Tanjas Organe hatten bereits versagt, als sie dort eintraf.
Professor Helmut Hummler ist Chef der Neonatologie, ein Kinderarzt mit dem Schwerpunkt Frühgeborenenmedizin. Er konnte Tanjas Leben retten und sieht rückblickend die Arbeit der Kollegen kritisch.
O-Ton, Prof. Helmut Hummler, Neonatologe, Universitätsklinikum Ulm:
»Nach einer Behandlungsdauer von einigen Stunden mussten die Kollegen dort erkennen, dass sie der Situation nicht gewachsen sind und deswegen haben sie letztlich uns zur Hilfe gerufen, und dadurch wurde dieses Kind zu uns nach Ulm verlegt.«
Frage: Ist Tanja am falschen Ort zur Welt gekommen?
O-Ton, Prof. Helmut Hummler, Neonatologe, Universitätsklinikum Ulm:
»Da würde ich so sagen. Diese Mutter kam eben zum falschen Zeitpunkt in die falsche Klinik.«
Tanja droht eine lebenslange Behinderung. Sie leidet an den Nachwirkungen einer schweren Hirnblutung. Das Hirnwasser muss mit einem implantierten System in den Bauchraum abgeleitet werden.
Frage: Hätte Tanja möglicherweise sogar ganz gesund sein können, wenn sie hier bei Ihnen auf die Welt gekommen wäre?
O-Ton, Prof. Helmut Hummler, Neonatologe, Universitätsklinikum Ulm:
»Das ist möglich.«
Entscheidend für die Gesundheit vieler Frühchen ist in kritischen Fällen also auch der richtige Ort und die Kompetenz der Ärzte. Für Experten, wie Christian Poets von der Uni-Klinik Tübingen, ist dabei vor allem eine Messgröße entscheidend: die sogenannte Mindestmenge. Sie gibt Auskunft darüber, wie oft eine Klinik einen entsprechenden Eingriff in einem Jahr vorgenommen hat.
O-Ton, Prof. Christian Poets, Neonatologe, Universitätsklinikum Tübingen:
»Übung macht den Meister. Etwas, was ich jeden Monat drei oder fünf mal mache, kann ich besser, wie wenn ich es nur alle drei Monate einmal mache.«
Bislang gibt es aber hierzulande keine Mindestmengen für Frühchen. In Deutschland entscheidet darüber die Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, der gemeinsame Bundesausschuss, kurz GBA. In diesem Gremium sitzen neben den Krankenkassen auch die mächtigen Lobbyisten der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Deren Präsident, Rudolf Kösters, kann sich nur niedrige Mindestmengen vorstellen.
O-Ton, Dr. Rudolf Kösters, Präsident Deutsche Krankenhausgesellschaft:
»Ich plädiere dafür, dass wir mit einer Mindestmenge bei den ganz frühen Frühgeborenen von etwa 10 bis 15 im Jahr schon eine deutliche Zentralisierung gegenüber heute werden bewerkstelligen können.«
Für den SPD Gesundheitsexperten, Karl Lauterbach, ein Dilemma. Er beobachtet die Lobbyarbeit der Deutschen Krankenhausgesellschaft seit Jahren.
O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitsexperte:
»In Deutschland wehren sich die Lobbyverbände, insbesondere die der Krankenhausgesellschaft, gegen die Einführung dieser Mindestmengen. Das ist zum Schaden der Kinder. Die kleinen Einrichtungen wollen schlicht auf diese sehr lukrativen Kinder nicht verzichten. Es kann bis zu 100.000 Euro für so ein Kind geben.«
Ob es demnächst Mindestmengen geben wird, hängt auch vom
Ergebnis einer Expertise, die der GBA in Auftrag gegeben hatte, ab. Der Vorbericht liegt REPORT MAINZ vor. Bei der Frage, ob mehr Fälle bessere Qualität liefern können, kommt er zu einem vorsichtigen Ergebnis. Einmal stellt das Papier insbesondere bei Studien mit „deutschen Versorgungsdaten“ einen „signifikanten Zusammenhang zwischen Leistungsmenge und Ergebnisqualität“ her.
Im Resümee des Papiers finden sich aber nur „Hinweise“ auf einen Zusammenhang der beiden Punkte. Wie viele Fälle also braucht eine Klinik, um maximale Sicherheit für Frühchen zu gewährleisten?
O-Ton, Prof. Helmut Hummler, Neonatologe, Universitätsklinikum Ulm:
»Aufgrund der vorliegenden wissenschaftlichen Studien ist die Fallzahl 50, die im Moment richtig zu wählende Fallzahl.«
Frage: Warum?
O-Ton, Prof. Helmut Hummler, Neonatologe, Universitätsklinikum Ulm:
»Ja, weil diese Studien zeigen, dass bei einer Unterschreitung dieser Fallzahl von 50 statistisch gesehen die Mortalität, also die Sterblichkeit, zunimmt.«
Diese Klinik im baden-württembergischen Reutlingen hat nur 40 Fälle von kleinen Frühgeborenen im Jahr. Chefarzt Professor Friedrich Trefz bittet uns um ein Gespräch, als er von unseren Recherchen erfährt. Trefz schwärmt von seiner Klinik und macht PR in eigener Sache. Der Mediziner stellt uns eine Mutter vor, deren extremes Frühchen in seiner Klinik bestens versorgt werden konnte.
O-Ton, Prof. Friedrich K. Trefz, Chefarzt Kinder- und Jugendklinik Reutlingen:
»Die Frage ist, ob man jetzt alle Zentren, die nur 30 bis 40 Frühgeborene pro Jahr behandeln, als schlecht bezeichnet oder ob man eine differenzierte Beurteilung darüber macht.«
Genau diese Frage bereitet vielen Experten Kopfzerbrechen, denn es geht um die Existenz vieler kleiner Kinderkliniken. Der Streit über Mindestmengen ist inzwischen voll entbrannt.
O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitsexperte:
»Wenn jemand den Eingriff nicht so oft macht, aber trotzdem gute Ergebnisse hat, dann können wir dankbar sein, er kann selbst auch dankbar sein, dass es noch einmal gut gegangen ist. Aber ich kann nicht mit 200 Stundenkilometern durch die Ortschaft fahren und sagen, ich habe niemanden überfahren, drum brauchen wir keine Geschwindigkeitsbegrenzung.«
O-Ton, Prof. Christian Poets, Neonatologe, Universitätsklinikum Tübingen:
»Es gibt Hinweise, dass etwa jedes fünfte Kind, das stirbt, nicht sterben müsste, wenn es am richtigen Ort versorgt wäre. Auf Deutschland übertragen würde das bedeuten, dass 200 Kinder weniger sterben müssten im Jahr in Deutschland, wenn sie nach Geburt am richtigen Ort versorgt würden.«
Im Klartext: 200 tote Kinder pro Jahr, weil man sich bisher im zuständigen Gremium nicht einigen konnte? Eine Horrorvorstellung. Wir werden das Thema im Auge behalten, der Kinder und auch der Eltern zuliebe.
Letzte Änderung am: 26.05.2008, 11.12 Uhr