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29.04.2014
21.45 Uhr, Das Erste

Fritz Frey

REPORT MAINZ vom 25.03.2014

Report Mainz,  25.3.2014 | 29:18 min

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Unchristliche Diakonie Warum sich ausgerechnet kirchliche Arbeitgeber gegen Mindestlöhne wehren

aus der Sendung vom Montag, 28.4.2008 | 21.45 Uhr | Das Erste

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Was ist uns die Arbeit wert? Um diese Frage wird auf das Heftigste gerungen. In der Politik, wenn es zum Beispiel um den Mindestlohn geht, in der Wirtschaft in den Tarifverhandlungen und wir von REPORT MAINZ haben schon oft angeprangert, wenn wir Unternehmen auf die Schliche gekommen sind, die das betreiben was man schlicht Ausbeutung nennen muss.

Sei es durch Lohndumping oder andere Tricks. Jetzt sind uns Arbeitgeber aufgefallen, von denen ich das jedenfalls nicht erwartet hätte. Die Rede ist von den Kirchen. Marktführer im Bereich der so genannten „Sozialen Arbeit“. Wie sozial die Kirchen als Arbeitgeber sind. Einzelheiten von Monika Anthes und Gottlob Schober.

Bericht:

Sie predigen Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit, im Alltag und auch in der Arbeitswelt. Die Kirchen. Für den Präsidenten des Diakonischen Werkes, Klaus-Dieter Kottnik, heißt das vor allem gerechte Löhne.

O-Ton, Klaus-Dieter K. Kottnik, Präsident Bundesverband Diakonie:

»Ein gerechter Lohn ist für mich ein Lohn, der es ermöglicht Menschen davon, der es den Menschen ermöglicht, davon leben zu können, ihren Unterhalt bestreiten zu können und an kulturellen Erfahrungen in der Gesellschaft teilnehmen zu können.«

Ein hoher Anspruch. Dieser müsste eigentlich auch für die 1,2 Millionen Mitarbeiter der Kirchen gelten. Doch tut er das wirklich? Die Realität sieht oft anders aus. Vor allem bei der Diakonie. Wir sind in Berlin und treffen eine Pflegehilfskraft, die aus Angst ihren Namen nicht nennen will.

Trotz harter Arbeit kann die alleinerziehende Mutter zweier Kinder von ihrem Lohn nicht leben. Monat für Monat muss sie ihr Gehalt mit Hartz IV aufstocken.

O-Ton:

»Mit welcher Berechtigung wird mir so wenig gezahlt, dass ich davon nicht leben kann. Kirche steht doch für Menschlichkeit, das ist doch aber keine Menschlichkeit.«

Hartz IV trotz Arbeit bei einem kirchlichen Träger? Das passt eigentlich nicht zusammen. Das Perfide an ihrem Fall – auf dem Papier bekommt sie zwar einen Tariflohn von knapp zehn Euro bezahlt. Die Diakonie gibt ihr aber nur eine Dreiviertelstelle. Wie vielen anderen Kollegen auch. So ist sie voll flexibel im Schichtdienst einsetzbar.

O-Ton:

»Man kann auch keinen anderen Job annehmen. Unsere Zeiten, Arbeitszeiten sind nicht so, dass wir morgens um halb acht anfangen und um 14:00 Uhr Feierabend haben. Wenn viel zu tun ist, dann hat man halt auch erst mal um 15:00 Uhr Feierabend. Oder es gibt einen Notfall, man lässt den Patienten ja nicht, wenn es ihm schlecht geht, alleine, sondern da hat man seine Fürsorgepflicht.«

Arbeit, von der man nicht leben kann. Kein Einzelfall in der Diakonie. Beispiel Bremen. Seit Jahren kämpfen die Mitarbeiter der Stiftung Friedehorst, wie bei dieser Demo im Oktober 2005, gegen Dumpinglöhne.

1.400 Mitarbeiter sind in Friedehorst unter anderem in der Altenpflege beschäftigt. Durch die Gründung der eigenen Leiharbeitsfirma „Parat“ drückt die Diakonie systematisch die Löhne. Mitarbeiter werden zu schlechteren Arbeitsbedingungen bei dieser Firma eingestellt und an Friedehorst verliehen. Wie bei dieser Altenpflegerin. Sie bekam bei Parat nur einen Teilzeitjob, trotz eines Stundenlohns von circa 9 Euro kam sie nicht über die Runden.

O-Ton:

»Man konnte mit dem Gehalt nicht leben. Ich habe noch zwei Nebenjobs gehabt. Also für mich reinste Sklaverei.«

Frage: Und wie fühlt man sich da?

O-Ton:

»Kaputt, ausgelaugt.«

O-Ton, Bernd Rautenberg, Mitarbeitervertreter Friedehorst:

»Frau... war absolut kein Einzelfall. In der Zeit als sie hier gearbeitet hat, sind fast alle Einstellungen über diese Leiharbeitsfirma Parat gelaufen. Und das hat für die Kolleginnen und Kollegen, die da gearbeitet haben bedeutet, dass sie für die gleiche Arbeit an die 30 Prozent weniger Geld bekommen haben.«

Schriftlich räumt Friedehorst ein, dass nicht für „alle Beschäftigten“ das frühere Lohnniveau gehalten werden konnte und verweist darauf, dass der Tariflohn für Zeitarbeit bezahlt werde.

Lohndumping und Ausbeutung durch Teilzeitjobs. Wie verträgt sich das mit den Ansprüchen der Kirchen auf Gerechtigkeit in der Arbeitswelt? Das wollen wir vom Chef des Diakonischen Werkes wissen.

Frage: Ist es christlich und gerecht Menschen so zu beschäftigen, dass sie eben nicht mehr davon leben können?

O-Ton, Klaus-Dieter K. Kottnik, Präsident Bundesverband Diakonie:
»Das frag ich... «

Frage: Wie reagieren Sie auf Zustände, die wir recherchiert haben?

O-Ton, Klaus-Dieter K. Kottnik, Präsident Bundesverband Diakonie:
»Aber das ist doch kein System, Herr Schober, ja, ich kann das nicht als ein System... .«

Reporter: Aber es sind viele Fälle, die wir gefunden haben. Aber es sind viele Fälle.

O-Ton, Klaus-Dieter K. Kottnik, Präsident Bundesverband Diakonie:

»Die Alternative wäre, und das, ich sage es noch einmal, das ist der Gewissenskonflikt, die Alternative wäre zu sagen, wir machen die Arbeit gar nicht mehr. Wir geben sie auf.«

Ein Offenbarungseid. Schuld an der Misere sei letztlich die Politik. Für soziale Arbeit müsse mehr Geld in das System gepumpt werden. Die Diakonie also ein Opfer schlechter Rahmenbedingungen?

Dem wiederspricht Wolfgang Lindenmaier. Er sitzt in der arbeitsrechtlichen Kommission der Diakonie, vertritt die Interessen der Arbeitnehmer in ihren Verhandlungen mit den Trägern. Aus dem gesamten Bundesgebiet häufen sich bei ihm Berichte über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Lohndumping.

O-Ton, Wolfgang Lindenmaier, Arbeitsrechtliche Kommission Diakonie:

»Im gesamten Bereich der sozialen Arbeit sind die beiden Kirchen Marktführer. Die beiden Kirchen haben verhältnismäßig großen politischen Einfluss. Sie nützen diesen Einfluss und ihre Marktführerschaft im sozialen Bereich nicht, um endlich vernünftige Entgelte für die Arbeit zu bekommen. Sie nützen ihre Macht ausschließlich um Dumpinglöhne durchzusetzen. Alle Welt regt sich über Lidl und Aldi auf, die Kirche ist schlimmer.«

Abmoderation Fritz Frey:

Glaubwürdigkeit hat auch damit zu tun, wie man mit den eigenen Leuten umgeht. Leuten, die beispielsweise in der Pflege Schwerstarbeit leisten.

Letzte Änderung am: 29.04.2008, 11.48 Uhr

Bericht

Autoren:
Monika Anthes
Gottlob Schober
Kamera:
Christian Saal
Hans Schauerte
Schnitt:
Zsuzsa Döme

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