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SENDETERMIN Mo, 10.3.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Der Papst und die Juden Wut und Empörung über das neue Karfreitagsgebet

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Nächstes Thema: Die Osterzeit naht und es gibt Streit. Streit zwischen Juden und dem Vatikan. Der Papst, unser Papst, hat die so genannte Karfreitagsfürbitte neu formuliert und damit die jüdisch-katholischen Beziehungen schwer belastet. Thomas Reutter mit den Einzelheiten.

Bericht:

Papst Benedikt XVI. im Petersdom zu Rom, Karfreitag 2007. Knapp ein Jahr später wird ein neu gefasstes Karfreitagsgebet für eine heftige Auseinandersetzung mit den Juden sorgen. Worum geht es?

Benedikt XVI. war seit jeher ein Liebhaber der alten lateinischen Messe. Seit 2007 erlaubt der Papst, dass sie wieder überall gelesen werden darf. Ein Zugeständnis an die Konservativen. Doch diese Messe enthielt eine brisante Stelle: In den Fürbitten war von „verblendeten Juden“ in der „Finsternis“ die Rede. Eine klare Aufforderung zu deren Missionierung.

Für Juden eine Beleidigung. Das war auch dem Vatikan bewusst. Der Papst hat den Text deshalb entschärft. Heute wirkt die Fürbitte auf den ersten Blick harmlos. Jetzt wird für die Juden gebetet:

Zitat:

»... dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus erkennen, als den Retter aller Menschen «

O-Ton, Nathan Kalmanowicz, Kultusdezernent Zentralrat der Juden:

»Jenseits aller Deutungen ist jedem, der lesen und schreiben kann und den Text liest, ist klar, dass gemeint ist, das Judentum soll missioniert werden.«




Hanspeter Heinz ist der katholische Vorsitzende im Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Die Laienorganisation mit fünf Millionen Katholiken fordert vom Papst die neue Juden-Fürbitte nochmals zu überarbeiten.

O-Ton, Prof. Hanspeter Heinz, Pastoraltheologe:

»Diese Stelle, gerade die Karfreitagsfürbitte, ist für dieses Geschehen in der Geschichte wie keine andere Stelle in der katholischen Kirche belastet. Da hat es Judenverfolgungen gegeben. Pogrome, Hass gegen die Juden. Das war der gefährlichste Tag für die Juden im ganzen Jahr und das bricht wieder auf.«

In der Karwoche wurde im Mittelalter in den Kirchen so gegen die Juden gehetzt, dass es zu Übergriffen und Lynchmorden kam. Später wurden Ausgangssperren gegen die Juden verhängt, um sie vor den Christen zu schützen.

Auch Papst Benedikt XIII wollte die Juden zum Christentum bekehren und verhängte eine Judenbulle, mit der Juden dreimal im Jahr gezwungen wurden, christliche Predigten zu hören. Die leidvolle Geschichte der Judenbekehrung. Auch Papst Benedikt XVI. kennt sie.

O-Ton, Prof. Hanspeter Heinz, Pastoraltheologe:

»Der Papst hat sich als völlig unsensibel gezeigt, an einer Stelle, wo es nur zum Krach bei den Juden kommen kann. Da liegen die Nerven blank an dieser Stelle, wenn es um Judenmission geht, Bekehrung von Juden.«

Dabei war die katholische Kirche schon weiter. Johannes-Paul II war der erste Papst, der eine Synagoge besuchte. Die Juden nannte er respektvoll die „älteren Brüder und Schwestern der Christen“. Die allgemeine Fürbitte im Karfreitagsgebet:

Zitat:

»Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr zuerst gesprochen hat.«

Der Unterschied zu Benedikts Neufassung: Es wird nicht für die Erleuchtung der Juden gebetet. Sie müssen nicht gerettet werden. Denn Gott hat bereits zu ihnen gesprochen. Es geht nicht ums Bekehren.

Rabbiner Walter Homolka, Repräsentant der Weltunion progressiver Juden, ist seit Jahren im Gesprächskreis „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Über die neue Juden-Fürbitte ist er so verärgert, dass er seine Teilnahme am Katholikentag abgesagt hat.

O-Ton, Prof. Walter Homolka, Rabbiner:

»Was sind denn 50, 60 Jahre Dialog wert? Was waren die Schuldbekenntnisse wert nach dem Holocaust, wenn uns so wenig Respekt entgegengebracht wird, diesen Dialog auf Augenhöhe, auf gleicher Augenhöhe zu führen.«


Die allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschlands äußert sich besorgt. Auch 1.600 konservative Rabbiner weltweit erklären jetzt ihre Bestürzung über die neue Juden-Fürbitte. Warum nimmt der Papst in Kauf, Juden in aller Welt zu brüskieren?

O-Ton, Prof. Hanspeter Heinz, Pastoraltheologe:

»Ihm liegt daran, den Graben zwischen der katholischen Kirche und den Traditionalisten zu schließen. Die sind teils noch am Rande der katholischen Kirche, teils haben sie mit ihr gebrochen, und die will er wieder gewinnen und die Einheit der Kirche mit ihnen herstellen, und offenbar ist ihm das wichtiger, als die Achtung vor religiösen jüdischen Gefühlen.«

Die Juden in Deutschland sind entsetzt über das neue Gebet und erwarten vom Papst eine Korrektur.

O-Ton, Prof. Salomon Korn, Vizepräsident Zentralrat der Juden:

»Die Stellen, die die Juden erniedrigen oder sie sozusagen zu einer zweitklassigen Religion machen, die bekehrt werden muss, das muss auf jeden Fall reformiert werden. Ich setze meine Hoffnung in die deutsche Bischofskonferenz, dass sie sich beim Papst einsetzt, noch mal darüber nachzudenken, ob man dieses Gebet nicht doch überarbeitet.«

Doch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Zollitsch, schweigt, will kein Interview geben. Die deutschen Bischöfe, lässt er ausrichten, werden sich nicht einmischen, bis Rom ein klärendes Wort dazu gesprochen hat. Doch in einem Punkt hat sich der Vatikan schon festgelegt, wie die Kurie REPORT MAINZ gegenüber sagt.

O-Ton, Walter Kasper, Kurienkardinal:

»Der Papst lässt das Gebet. Es ist ja auch aus unserer Sicht theologisch vollkommen in Ordnung. Es ist nur schwierig für die Juden, das zu akzeptieren. Aber wir müssen natürlich sehen: Es gibt ein Unterschied zwischen Juden und Christen, das ist der Glaube an Jesus Christus, den Messias, den Sohn Gottes.«

Zehn Tage noch hat der Papst Zeit, den neuen Unfrieden aus der Welt zu schaffen. Dann ist Karfreitag.

aus der Sendung vom

Mo, 10.3.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Thomas Reutter
Kamera:
Marcel Henken
Hans Schauerte
Klaus Tomaschewski
Schnitt:
Zsuzsa Döme