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SENDETERMIN Mo, 7.4.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Hölle Hochschule Bachelor-Abschluss führt zu Studienabbruch

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Beim nächsten Thema habe ich ein neues Wort gelernt: Bulimie-Learning. Das meint: Lernen nur um riesige Mengen von Lehrstoff in Prüfungssituationen wieder auskotzen zu könne. Nachhaltiger Lerneffekt – gleich Null.

Unsere Reporterin Monika Anthes ist auf dieses Phänomen gestoßen, als sie sich mit dem sogenannten Bachelor, einer Art Turbo-Uniabschluss nach nur sechs Semestern, befasst hat.

Bericht:

Schöne neue Uni-Welt. Glückliche Bachelor-Absolventen feiern ihren Abschluss. So kennt man sie aus amerikanischen Collegefilmen. Und so sollen in Zukunft auch immer mehr deutsche Studenten ihr Studium abschließen.

Beispiel Humboldt-Universität Berlin. Rosi B.* studiert hier Englisch und Geschichte. Die 29-Jährige gehört zu den ersten Bachelor-Studenten in Deutschland. In sechs Semestern soll sie durch klare Vorgaben und Studienpläne schneller als früher zu einem Studienabschluss kommen:

O-Ton:

»Das ist wie in der Schule. Ich lerne auf eine Klausur und dann gehe ich wieder. Und das habe ich mir unter Studium nicht vorgestellt.«

Doch so haben es die europäischen Bildungsminister beschlossen. 1999 einigten Sie sich auf den sogenannten Bologna-Prozess. Kern der Reform ist die Einführung eines zweistufigen Studiensystems mit dem verschulten Bachelor als akademischer Grundausbildung und einem wissenschaftlich ausgerichteten Master. Die damit verfolgten Ziele sind eine größere Internationalisierung, attraktivere und kürzere Studiengänge sowie eine niedrigere Abbrecherquote.

O-Ton, Rosi B., Bachelor-Studentin:

Rosi B.

Rosi B., Bachelor-Studentin

»Die Idee war nicht schlecht. Die Idee war wirklich auch eine gute. Die Umsetzung ist übers Ziel ungefähr 600 Kilometer hinausgeschossen.«









Der Stoff aus vier Jahren Magister wurde einfach in drei Jahre Bachelor gepackt. Die Folge: völlig überfrachtete Lehrpläne, unzählige Prüfungen – kaum machbar. Wer dann noch arbeiten muss oder wie Rosi ein Kind hat, ist schnell am Ende seiner Kräfte.

O-Ton, Rosi B., Bachelor-Studentin:

»Irgendwann ist der Wille nicht mehr da und die Kraft nicht mehr da, jede Nacht nur vier Stunden zu schlafen. Irgendwann ist Ende. Also ich habe jetzt, ganz persönlich gesagt, in den sechs Semestern, wo ich jetzt hier bin, ich habe irgendwie acht Kilo abgenommen, weil ich nur zwischen Tür und Angel esse und das einfach nicht mehr schaffe.«

Auch unter den Professoren werden kritische Stimmen gegenüber der Reform immer lauter. Für den Freiburger Soziologen Wolfgang Eßbach haben sich seine anfänglichen Befürchtungen klar bestätigt.

O-Ton, Prof. Wolfgang Eßbach, Universität Freiburg:

»Für mich ist die Bologna-Reform ein Schuss nach hinten. Die Ziele, die man vorgegeben hat, nämlich Mobilität, Strukturierung des Studiums, Berufsbefähigung, sind alle nicht erreicht worden. Was passiert ist, ist das Gegenteil. Die Mobilität der Studierenden sinkt. Von Berufsbefähigung kann keine Rede sein. Und die Anteile von Bulimie-Learning haben sich enorm verstärkt.«

Bulimie-Learning – also einfach nur Stoff pauken und dann zur Prüfung wieder ausspucken. Dazu kommen Arbeitsüberlastung und jede Menge Frust. Diese Unzufriedenheit bleibt nicht ohne Folgen: Jetzt sind die ersten offiziellen Statistiken zu den Studienabbruchquoten in den neuen Bachelorstudiengängen herausgekommen. Das Ergebnis ist erschreckend: Der Anteil der Studienabbrecher liegt insgesamt bei 21 Prozent. In den neuen Bachelorstudiengängen brechen dagegen 30 Prozent ihr Studium vorzeitig ab.

Den meisten Schwund verzeichnen die Fachhochschulen. Dort werfen sogar 39 Prozent der Bachelorstudenten vorzeitig das Handtuch. Vor allem in den Ingenieurwissenschaften verlassen scharenweise Bachelorstudenten die Hochschule. Und das bei drohendem Fachkräftemangel.

O-Ton, Prof. Andreas Geiger, Vizepräsident Hochschulrektorenkonferenz:

»Das ist natürlich in der Diskussion im Augenblick verheerend, das ist gar keine Frage. Wir brauchen dringend gut ausgebildete Ingenieure, bzw. die Industrie ruft nach Ingenieuren. Und gleichzeitig wir bemühen uns, mehr Studierende in die Ingenieurstudiengänge reinzubekommen, auf der anderen Seite kommen eben durch diese Abbruchquoten tatsächlich dann weniger raus.«

Noch mehr Studienabbrecher und frustrierte Studenten – so hatten sich das die Bildungsminister nicht vorgestellt. Von den hehren Zielen der Reform ist im Alltag vor allem eines übrig geblieben: jede Menge Stress und Arbeitsbelastung.

O-Ton, Steffen Greisler, Bachelor-Student FH:

»Die reine Studierzeit, denke ich, also 50 bis 60 Stunden die Woche. Mit Vorbereiten und Nachbereiten und dann noch mal 10-15 Stunden Arbeitsleistung, die man bringt.«








O-Ton, Daniel Kraatz, Bachelor-Student FH:

»Sagen wir mal, ungefähr mit 50 bis 60 Stunden, die man in der Woche für das Studium zu tun hat, ist das einfach zu viel und nebenbei noch zu arbeiten, dass schaffe ich dann einfach nicht «




Wer sich das nicht leisten kann und arbeiten muss, fällt schnell durchs Raster. Das Einkommen der Eltern und die soziale Schicht werden durch die Reform noch entscheidender für den Studienerfolg, befürchtet auch das Deutsche Studentenwerk.

O-Ton, Prof. Rolf Dobsichat, Präsident Deutsches Studentenwerk:

»Wir wissen aus Studien, dass gerade in den Ingenieurwissenschaften Kinder aus Mittelschichten und einkommensschwächeren Schichten studieren. Die haben eh Probleme bei der Studienfinanzierung und müssen zum großen Teil nebenbei noch arbeiten. Das wissen wir auch aus Studien. Insofern ist die hohe Belastung im Studium mit der Notwendigkeit arbeiten zu müssen ein Riesenproblem für diejenigen, was dazu führt, dass die eben abbrechen müssen.«

Eine Verschärfung der sozialen Auslese und Abbrecherquoten von 30 Prozent. Droht die Hochschulreform zu scheitern? Das wollen wir von der Präsidentin der Kultusministerkonferenz wissen:

O-Ton, Annegret Kramp-Karrenbauer, Präsidentin Kultusministerkonferenz:

»Die ersten Aussagen, die ersten Hinweise jetzt sind aus meiner Sicht nicht dazu geeignet, den Bologna-Prozess insgesamt in Frage zu stellen, aber sie geben uns schon den einen oder anderen Hinweis, dass wir speziell an auch Fachhochschulen und speziell in dem einen oder anderen Studiengang wirklich genau hinschauen müssen, was wir an der Gestaltung der Bachelorstudiengänge eventuell verbessern müssen.«

Abwarten, beobachten, vielleicht auch nachbessern. Für Studenten wie Rosi B. ist das ein schwacher Trost. Sie fühlen sich wie ein Versuchskaninchen im Labor der Bildungspolitik.


*Name geändert

aus der Sendung vom

Mo, 7.4.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Monika Anthes
Claus-Peter Hufer
Kamera:
Ole Jürgens
Thomas Wirths
Schnitt:
Inge Maric