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29.05.2012
21.45 Uhr, DasErste

REPORT MAINZ vom 17.04.2012

REPORT MAINZ,  17.4.2012 | 27:17 min

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Magersucht Blick in den Abgrund einer Krankheit

aus der Sendung vom Montag, 8.10.2007 | 21.45 Uhr | Das Erste

Magersucht, mit diesem Thema werden wir zur Zeit durch Schockfotos, wie dieses hier, vom italienischen Fotografen Oliviero Toscani, konfrontiert. Ein Tabubruch. Aber hilft er, wenn es um Heilung gehen muss?

Eines steht fest, die Anorexia Nervosa, so der Fachbegriff, hat sicher auch, aber eben nicht nur, mit dem Schlankheitswahn unserer Zeit zu tun. Erstmals wurde die schwerwiegende Essstörung schon 1873 beschrieben. Seitdem suchen Mediziner nach dem richtigen Weg, aber auch heute gibt es kein Allheilmittel.

Zwar können die Hälfte der Patientinnen, es geht in den meisten Fällen um Mädchen und junge Frauen, geheilt werden, aber eben nur die Hälfte. Und für rund 16 Prozent endet die Magersucht tödlich.

Klaus Weidmann hat sich intensiv mit dem Thema befasst und dabei eine junge Frau getroffen, die ganz offen über ihr jahrelanges Martyrium berichtet.

Bericht:

O-Ton, Monika:

»Bei mir fing es eigentlich damit an, dass ich mich total von meinen Freunden und von der Klasse zurückgezogen hab. Also ich bin zwar noch in die Schule gegangen, hab mich dann aber nur noch zu Hause aufgehalten, und hab zu Hause halt gemeint, ich müsste immer mehr mithelfen und für jeden das Opferlamm spielen und ich bin total wertlos.«

O-Ton, Monika:

»Also ich habe mich eigentlich damit malträtiert. Auf alles, was ich hätte können Lust haben oder was mir gut getan hat, habe ich mir verboten.«

Frage: Also Sie haben sich selber das Essen verboten, sozusagen?

O-Ton, Monika:

»Genau. Das Essen verboten. Den Schlaf verboten.«

Frage: Den Schlaf auch?

O-Ton, Monika:

»Die Haut trocknet aus, man wird dauernd krank. Die Haare fallen aus, es wird einem dauernd schwindelig, weil ich auch entsprechend wenig getrunken habe. Der Kreislauf macht nicht mehr mit. Und daraufhin bin ich dann das erste Mal ins Krankenhaus gekommen.«

Frage: Wo war das, in welcher Situation? Können Sie mir das beschreiben?

O-Ton, Monika:

»Ja, beim ersten Mal war ich so schwach, dass ich nicht mehr aus dem Bett gekommen bin. Und beim zweiten Mal war es halt so, dass ich mich abends ins Bett gelegt habe und dann in einer Blutlache wachgeworden bin und dann festgestellt habe, dass ich so starkes Nasenbluten hatte, dass es unverant-wortlich war so zu Hause zu bleiben.«

Frage: Wie ist das, wenn man künstlich ernährt wird?

O-Ton, Monika:

»Abartig. Man kommt sich vor, wie dass man hoch gepumpt wird halt. Man kann sich nicht dagegen wehren, man leidet teilweise höllische Schmerzen. Also ich empfand es damals halt als psychische Folter, mehr oder weniger.«

Frage: Warum?

O-Ton, Monika:

»Weil ich es irgendwie so...es wird einem da ja der Wille gebrochen, irgendwie. Selbst wenn man sich sagt, man muss zunehmen und man schafft es vielleicht anders nicht. Aber trotzdem ist es eine...so...als wenn einem die Menschenwürde genommen wird.«

Frage: Warum kommt man da immer wieder in diesen alten Trott rein?

O-Ton, Monika:

»Wenn ich das wüsste. Ich kann es Ihnen nicht sagen. Also mittlerweile denke ich halt es ist so, weil es einfach 16 Jahre eingefahren ist. Aber damals bin ich auch immer wieder reingeraten.«

Frage: Ist das wie eine Sucht?

O-Ton, Monika:

»Ja, es ist eine Sucht.«

Frage: Würden Sie sich als krank bezeichnen?

O-Ton, Monika:

»Ja, auf jeden Fall.«

Frage: Als eine Krankheit?

O-Ton, Monika:

»Es ist eine Krankheit.«

Frage: Haben Sie das immer so gesehen?

O-Ton, Monika:

»Nee.«

Frage: Wann haben Sie erkannt, dass es eine Krankheit ist?

O-Ton, Monika:

»Eigentlich erst so 2003, 2004.«

Frage: Als Sie schon zehn Jahre, fast, magersüchtig waren?

O-Ton, Monika:

»Genau.«

Frage: Sie haben doch hier Ihre Zeitungen gehabt...so Zeitschriften?

O-Ton, Monika:

»Ja, von meiner Zimmernachbarin noch.«

Frage: Können Sie Essen sehen, was empfinden Sie dabei?

O-Ton, Monika:

»Ja, eigentlich Angst und Ärger, dass ich mir selbst so irgendwas nicht zugestehen kann.«

Frage: Dann sind Sie eigentlich streng sich selbst gegenüber?

O-Ton, Monika:

»Ja, immer schon gewesen. Ich mach mich halt, auch wegen anderen Dingen, die nicht das Essen betreffen, ständig runter. Also, so was bleibt halt bei mir hängen. Wenn ich Kritik von jemand bekomme und ich bekomme Lob, dann geht die Kritik, die sauge ich auf wie ein Schwamm, und das Lob, das prallt ab. Und ich möchte erst mal diesen extremen Selbsthass, den ich habe, loswerden.«

Frage: Selbsthass sogar?

O-Ton, Monika:

»Hmhm. Was sich teilweise auch in Selbstverletzung schon geäußert hat, und wo jetzt halt dadurch, dass ich es halt am Essen hier nicht mehr so auslasse wie zu Hause, wird halt dieser Selbstverletzungsdruck wieder stärker.«

O-Ton, Monika:

»Nee, das ist kein Leben. Es ist ein Dahinvegetieren. Es ist seit 16 Jahren nur noch ein Dahinvegetieren. Und das möchte ich nicht mehr. Ich würde es nicht wahrmachen, dass ich jetzt vom nächsten Balkon hier springe. Aber so dran denken, und so, es hat keinen Sinn mehr, oder ich halte es nicht mehr aus... die Gedanken die sind eigentlich ständig da. Weil ich, wie gesagt, seit 16 Jahren das Gefühl habe, ich kann da oben nicht abschalten... Noch nicht mal irgendwie mal irgendwas genießen oder so.«

Frage: Sie haben drei Wünsche frei.

O-Ton, Monika:

»Mir würde einer reichen.«


Frage: Ein Wunsch. Welcher?

O-Ton, Monika:

»Ich möchte leben.«

Frage: Was heißt das für Sie?

O-Ton, Monika:

»Dinge genießen können.«

Frage: Was zum Beispiel? Eine Sache.

O-Ton, Monika:

»Draußen wenn ich... – gut,, ein bisschen schöneres Wetter soll schon sein – auf einer Bank sitze und die Sonne scheint und die Vögel pfeifen. So was verstehe ich unter Leben.«

Abmoderation Fritz Frey:

Der Film hat viele Fragen offen gelassen. Unter www.reportmainz.de hat unser Autor noch eine Menge Informationen zusammengetragen. Und außerdem hat er heute noch mal mit Monika telefoniert. Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Wir wünschen ihr, dass es das normale Leben, von dem sie träumt, geben wird.

Letzte Änderung am: 08.10.2007, 14.37 Uhr

Bericht

Autor: Klaus Weidmann
Kamera: Klaus Tomaschewski
Schnitt: Steffen Steup

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW