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SENDETERMIN Mo, 8.10.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Hungerlöhne in der Postbranche Welche Rolle spielt die Presse?

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Guten Abend zu REPORT MAINZ. Streit um den Mindestlohn, kaum ein Tag, an dem dazu nichts in den Nachrichten läuft oder in der Zeitung steht. Aktuell geht es um Briefträger. Sollen die jetzt alle einen Mindestlohn von 8,00 bis 9,80 Euro bekommen? Oder würde genau das, wie Kritiker behaupten, Arbeitsplätze kaputt machen?

Die Experten sind sich da nicht einig. Und die Politiker streiten. Wir Journalisten haben bei einem solchen Streit ausgewogen und differenziert zu berichten. Dazu gehört, dass wir beispielsweise offen legen, wer in der Debatte wessen Interessen vertritt. Eigentlich selbstverständlich. Ist es aber nicht.

Nehmen wir mal die Bild aus dem Hause Springer. Mindestlöhne, zum Beispiel in der Postbranche, nein, das hält man nicht für richtig. Kann diese Ablehnung damit zusammenhängen, dass der Springer-Verlag bei der Berichterstattung eigene Interessen vertritt? Daniel Hechler ist dieser Frage nachgegangen, auch bei denen, die mit einem Bruttostundenlohn von 4,50 Euro über die Runden kommen müssen.

Bericht:

Lothar Daniel bei seiner kurzen Mittagspause. Bei seiner Arbeit dürfen wir ihn nicht filmen. Ab Morgens fünf ist er auf den Beinen, oft bis Abends um halb acht. Eine 60-Stunden-Woche. Sein Stundenlohn: 4,50 Euro brutto. Der 49-Jährige hat in Kiel keinen besseren Job gefunden. Er ist Zusteller beim privaten Postunternehmen PIN.

O-Ton, Lothar Prinz, Postzusteller PIN:

»Eine Wohnung konnte ich mir bis jetzt nicht leisten. Meine Wohnung ist bei meiner Mutter, was ich natürlich gerne ändern würde, aber es geht nun mal nicht anders. Finanziell. Und leisten kann ich mir eigentlich gar nichts.«

Daniel hält Mindestlöhne für eine gute Sache. So wie, laut ARD Deutschlandtrend, knapp 90 Prozent der Deutschen auch. Doch wenn er Bild-Zeitung liest, hat er den Eindruck, dass er mit dieser Meinung ziemlich alleine da steht.

O-Ton, Lothar Prinz, Postzusteller PIN:

»In meinem Sinne wird absolut nicht geschrieben. Es ist so, dass im Endeffekt für uns da gar nichts drin steht.«

Dabei will Bild, laut Eigenwerbung, doch Stimme des Volkes sein. Aber ausgerechnet beim Thema Mindestlohn ist Bild ziemlich weit weg vom Volk. So beklagt das Blatt zwar Einkommensverluste der Arbeitnehmer, geißelt den Nettolohnskandal, Mindestlöhne seien aber trotzdem völlig falsch.

Bild meint: Mindestlöhne vernichteten Arbeitsplätze. Angeblich mehr als eine Million. Als Quelle muss das Ifo-Institut herhalten. Nur, ist das wirklich so? Wir fragen zwei Arbeitsmarktexperten. Einer, Professor Stefan Sell, eher wirtschaftsnah, der andere, Professor Rudolf Hickel, eher gewerkschaftsnah.


O-Ton, Prof. Rudolf Hickel, Universität Bremen:

»Wer heute in Deutschland behauptet, dass die Mindestlohneinführung zu 1,1 Millionen Arbeitsplatzverlusten führt, der sagt nicht die Wahrheit. Vor allem aber auch zeigen internationale Vergleiche, in den Vereinigten Staaten, dass Mindestlöhne durchaus nicht Arbeitsplätze vernichten müssen.«

O-Ton, Prof. Stefan Sell, FH Koblenz:

»Wir können sogar an einem Beispiel, Großbritannien, wo es seit langem einen Mindestlohn gibt, der auch kontinuierlich erhöht worden ist, zeigen, dass alleine in den letzten sechs Jahren dort fast 400.000 zusätzliche Arbeitsplätze im Niedriglohnbereich geschaffen worden sind. Trotz eines Mindestlohnes, der mittlerweile bei acht Euro in der Stunde liegt.«

Doch da ist Bild unbelehrbar. Als die Bundesregierung über einen Mindestlohn in der Postbranche, berät fragt das Blatt: Ist das wirklich gut für die Beschäftigten?

Die Antwort: Natürlich, nein. Zweihundert Postunternehmen müssten gar um Ihre Existenz bangen. Einen Tag später dürfen die Konkurrenten der Post scharfe Kritik an der Vereinbarung zu Mindestlöhnen üben. Allen voran PIN. Wem PIN gehört, verschweigt Bild.

O-Ton, Prof. Stefan Sell, FH Koblenz:

»Hinter der PIN-Gruppe steht der Springer-Verlag. Und der Springer-Verlag hat ein ganz zentrales strategisches Interesse an diesem Unternehmen. Denn mit diesem Unternehmen kann es dem Springer-Verlag gelingen, den Briefmarkt in Deutschland, nach der Freigabe im kommenden Jahr, aufzurollen.«

Bild, das Flaggschiff der Springer AG, Europas größtem Verlagshaus, mit zahllosen Publikationen. Für PIN hat Konzernchef Döpfner über eine halbe Milliarde Euro hingeblättert. Insider wittern eine gigantische Fehlkalkulation. Dabei erträumte sich der Ziehsohn von Verlegerin Friede Springer sagenhafte Renditen.

Doch die lassen sich eben nur mit Niedrigstlöhnen bei den PIN-Mitarbeitern einfahren. Also Stundenlöhnen deutlich unter dem Tarif der Post AG von 11,43 Euro.

O-Ton, Prof. Rudolf Hickel, Universität Bremen:

»Die Kalkulation geht nicht mehr auf. Wenn ich auf Niedriglöhne, auf Billiglöhne spekuliere und durch die Politik Mindestlöhne vorgeschrieben bekomme, dann ist das Investment nicht mehr rentabel, und daraus versteht sich alles andere.«

Zum Beispiel, dass Springers Konzerninteresse auch in anderen Zeitungen des Verlages durchschlägt. Die BZ wittert „Mindestlohnbeschiss“. Für das Hamburger Abendblatt ist ein Mindestlohn definitiv der falsche Weg. Und die Welt gibt eigens eine Studie in Auftrag, um zu beweisen, dass Mindestlöhne Hunderttausende Arbeitsplätze kosteten. Natürlich bei Ifo.

Und in Bild & Co. sind diese Mutigen beim Thema Mindestlohn die ewig gleichen. Der Arbeitgeberpräsident, der Präsident des Verbandes privater Postzusteller, Gerster, Ex-Wirtschaftsminister Clement, der Gerster berät, und unzählige Male PIN-Chef Thiel. Alle gegen den Mindestlohn.

Nur Postzusteller wie Lothar Daniel, also die, um die es eigentlich geht, kommen so gut wie nie zu Wort.

O-Ton, Lothar Daniel:

»Meine Position oder unsere Position wird nicht vertreten, sondern es wird immer nur das Gegenteil geschrieben.«






Ähnlich geht es Verdi. Bereichsleiter Wolfgang Abel schaltet jetzt für 20.000 Euro Anzeigen in Springer-Blättern, um mit seinen Argumenten überhaupt noch durchzudringen.

O-Ton, Wolfgang Abel, Verdi:

»Hier werden einseitig Fakten unterdrückt. Und damit wird Aktionärsjournalismus betrieben, aus meiner Sicht. Und wenn man sich mit Journalisten unterhält im Springer-Haus und auch außerhalb des Springer-Hauses, dann kriegt man auch gesagt, unter der vorgehaltenen Hand, dass der Druck auf die Journalisten, bestimmte Sachverhalte nicht zu schreiben, sehr groß ist.«

Immerhin: Welt und Morgenpost erwähnen in einigen Artikeln die Mehrheitsbeteiligung der Springer AG an PIN. Warum aber die Massenblätter Bild und BZ nicht? Konzernchef Döpfner lehnt ein Interview dazu uns gegenüber ab. Seine Pressestelle erklärt schriftlich:

Zitat:

»Wenn über das Thema Mindestlöhne berichtet wird, ist das nicht ein Thema der PIN, sondern betrifft in erster Linie alle privaten Postdienstleister...«

Andere Kritikpunkte seien haltlos. Der Chef des deutschen Journalistenverbandes, Michael Konken, dagegen, sieht journalistische Standards verletzt.

O-Ton, Michael Konken, Vorsitzender Deutscher Journalistenverband:

»Die Bild-Zeitung ist Leitmedium, aber viele andere Zeitungen gehören auch zum Konzern. Und wenn dann schon auch in anderen Medien, so oder ähnlich, berichtet wird wie in der Bild-Zeitung, dann schleicht sich doch der Verdacht ein, dass hier eine Linie vorgegeben wurde, die dann journalistisch umgesetzt wurde, vorbei an der Objektivität. Mit Verschweigen auch anderer Fakten, anderer Meinungen, und so auch Menschen draußen manipuliert werden.«

Eben das erträgt Lothar Daniel nur noch schwer. Dass ihm sein Arbeitgeber via Bild ständig erklärt, warum ein Stundenlohn von 4,50 Euro so sinnvoll ist.

O-Ton, Lothar Daniel:

»Ich sehe da irgendwie Positionen von irgendwelchen Leuten, die sich die Taschen voll machen wollen und das auf unserem Rücken im Endeffekt. Und das kann es irgendwo nicht sein.«

aus der Sendung vom

Mo, 8.10.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor: Daniel Hechler
Mitarbeit: Alexander Dambach
Kamera: Christian Saal, Thomas Schäfer
Schnitt: Jörg Hommer