aus der Sendung vom Montag, 17.9.2007 | 21.45 Uhr | Das Erste

Als mir unsere Reporterin das erste Mal von ihren Recherchen erzählt hat, habe ich den Kopf geschüttelt: Das kann nicht sein. Apotheker, die mit nicht zugelassenen Krebsmedikamenten die Krankenkassen und damit uns alle betrügen.
Als sie mir dann wenig später diese Pressemeldung der Staatsanwaltschaft Mannheim und des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg zeigte, wusste ich, unsere Reporterin ist nicht auf dem Holzweg. Gegen rund 100 Apotheker im gesamten Bundesgebiet werde ermittelt, 66 Wohnungen, Büros und Geschäftsräume wurden durchsucht. Ein Schaden, so die Einschätzung der Ermittler, von mehreren Millionen Euro sei entstanden.
Beate Klein mit einer Spurensuche, die in der Nähe von Freiburg beginnt.
Bericht:
Wie haben einen Tipp bekommen, fahren in einen kleinen Ort in Südbaden. Hier soll ein Pharmahändler wohnen. Einer, von dem es heißt, er mache auch dunkle Geschäfte. Seine Firma ist auf der englischen Isle of Man angemeldet. Geschäftsführer: Hans R.
Während wir vor dem Anwesen auf Hans R. warten, fährt ein Auto auf die Einfahrt zu. Als der Fahrer uns sieht, braust er plötzlich an uns vorbei. Das Kennzeichen des Wagens: englisch. Brisant: Hans R. soll mit deutschen Apotheken krumme Geschäfte machen.
Vor wenigen Tagen deswegen Durchsuchungen bei ihm und in ganz Deutschland. Und zwar in speziellen Apotheken, solchen, die Krebsmittel zubereiten.
O-Ton, Thomas Pfeiffer, Staatsanwaltschaft Mannheim, Abteilung Wirtschaftsstrafsachen:

»Der Verdacht lautet also dahingehend, dass die Apotheker, die betroffenen Apotheker, gegenüber gesetzlichen Krankenkassen Medikamente zu deutschen Preisen abgerechnet haben, tatsächlich aber Ware eingesetzt haben, für die in Deutschland und in der Europäischen Union keine Zulassung besteht.«
Nur 300 von über 20.000 Apotheken bundesweit dürfen aus den konzentrierten Wirkstoffen individuelle Infusionen zur Chemotherapie zubereiten. Dazu brauchen sie ein spezielles Labor wie dieses.
Der Wirkstoff wird einer Kochsalzlösung zugespritzt. Auf dem fertigen Beutel steht nur der Patientenname und der Wirkstoff. Die Originalampulle bekommen weder Arzt noch Patient zu sehen. Der Apotheker genießt vollstes Vertrauen, dass so korrekt gearbeitet wird wie hier.
Doch jetzt stehen 100 von diesen 300 Spezialapotheken im Verdacht, ihren Profit über die Gesundheit ihrer Patienten gestellt zu haben. Solche Billigmedikamente aus dem Ausland wurden beschlagnahmt. Sie stammen teilweise aus Europa, aber auch aus Übersee, etwa Argentinien.
Die Krankenkassen befürchten, Inhalt und Qualität könnten minderwertig sein.
O-Ton, Klaus Altmann, AOK Niedersachsen:

»Wir haben Fälle gesehen, in denen nachweislich der Wirkstoffgehalt nicht dem deutschen Präparat entsprach, und der Gehalt an Abbauprodukten höher war, als in Deutschland zulässig. Deutlich höher. Ob noch andere Sicherheitsbedenken bestehen, ob zum Beispiel eine Arzneimittelpackung abgelaufen war, das Haltbarkeitsdatum überschritten war oder ob die Kühlkette unterbrochen worden war, das können wir im Augenblick noch nicht sehen, aber dem gehen die Strafermittlungsbehörden jetzt auch nach.«
Heißt das, die Hoffnung der Krebskranken, dass ihnen die belastende Chemotherapie hilft, könnte umsonst gewesen sein? Waren die Mittel nicht so wirkungsvoll, wie sie es hätten sein müssen? Dafür gibt es Hinweise.
Illegale Importe hatten den Pharmahersteller Sanofi-Aventis schon vor zwei Jahren alarmiert. Konkret: Importe aus Argentinien. Die Firma hatte Proben aus zwei Chargen analysiert und kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl...
Zitat:
»...Wirkstoffgehalt als auch die Reinheit nicht den Spezifikationen des Originalpräparats Taxotere ® entsprechen.«
Wir treffen einen Insider, der die Vertriebswege des verdächtigten Pharmahändlers Hans R. kennt. Er berichtet uns, dass die Firma von Hans R. auch Billigware aus Argentinien deutschen Apothekern geliefert habe.
O-Ton, Peter Jebens, Pharma-Großhändler:

»Auf Grund der mir vorliegenden Daten, die auch teilweise von den Originalherstellern in Auftrag gegeben sind und Untersuchungen, ist davon auszugehen, dass insbesondere Produkte aus Argentinien möglicherweise über höhere Verunreinigung verfügen als die, die dem europäischen Standard entsprechen. Und insofern muss die Frage bejaht werden. Allein dadurch sind sicherlich Gefährdungspotentiale für Patienten gegeben. Eindeutig.«
Doch damit nicht genug. Vor zwei Jahren, berichtet er, sei ihm über Hans R. ein Muster eines hochmodernen Krebsmittels angeboten worden, geliefert über eine Firma in Dubai. Peter Jebens war aber misstrauisch, ließ eine Analyse machen. Ergebnis: Es handelte sich nicht um ein wirksames Krebsmittel, sondern eine Flüssigkeit zweifelhaften Inhalts. Der Pharmahändler Jebens war geschockt, lieferte die Präparate nicht auf den deutschen Markt.
O-Ton, Peter Jebens, Pharma-Großhändler:
»Als wir langsam entsprechende Erkenntnisse gewannen, haben wir uns sofort von Herrn R. getrennt und sind auch an die Öffentlichkeit gegangen, um diese Dinge zu publizieren.«
Deutsche Apotheken verstrickt in dunkle Geschäfte mit angeblich wirksamen Krebsmedikamenten dubioser Herkunft. Ist das vorstellbar? Die Präsidentin der Bundesapothekerkammer:
O-Ton, Magdalene Linz, Präsidentin der Bundesapothekerkammer:

»Ich sage Ihnen ganz offen, ich bin erschüttert über diese Vorwürfe. Weil ich bisher davon ausgegangen bin, es gab keine entsprechenden Verdachtsmomente, dass die Kollegen, die diese entsprechende Lösungen für die Krebspatienten herstellen, selbstverständlich in Deutschland zugelassene Ware einsetzen. Alles andere wäre ja kriminell.«
Noch stehen die Ermittlungen am Anfang. Die Krankenkassen sind überzeugt, einem kriminellen Netzwerk auf der Spur zu sein.
O-Ton, Frank Keller, Leiter Ermittlungsgruppe Abrechnungsbetrug Techniker Krankenkasse:

»Als ich zum ersten Mal von dem Verfahren erfahren habe, hat es mich einfach sehr betroffen gemacht, wie auf diese Art und Weise die materiellen Dinge in den Vordergrund gestellt werden und man auf diese Art und Weise seinen Gewinn maximiert hat. Ich denke, es ist eine große Gefahr, dass dieses Vertrauensverhältnis zwischen Patient, Arzt und Apotheker beeinträchtigt wird auf Grund solcher Fälle und Vorgänge.«
Fazit: Der Schaden für die Patienten ist noch nicht absehbar. Die Kontrollen müssen enger werden, damit Machenschaften wie diese gestoppt werden.
O-Ton, Klaus Altmann, AOK Niedersachsen:
»Der Fall zeigt in unseren Augen ganz klar, dass Arzneimittelimporte, gefälschte Importe und Arzneimittelfälschungen nicht mehr nur eine Sache des Internets sind, sondern sie sind in der Apotheke um die Ecke angekommen.«
Letzte Änderung am: 14.09.2007, 18.25 Uhr