Navigation

Volltextsuche

Nächste Sendung

29.05.2012
21.45 Uhr, DasErste

REPORT MAINZ vom 17.04.2012

REPORT MAINZ,  17.4.2012 | 27:17 min

Newsletter Service Der Report Newsletter

Lassen Sie sich über die Themen der Sendung informieren. [mehr zu: Der Report Newsletter]

Volkssport Korruption Wie dunkle Geschäfte in Großunternehmen organisiert werden

aus der Sendung vom Montag, 16.7.2007 | 21.45 Uhr | Das Erste

Es ist einer der spektakulärsten Korruptionsfälle in der deutschen Justizgeschichte, die sogenannte IKEA-Affäre. Schmierst du noch oder baust du schon? So wird gespottet über ein System, mit dem sich Baufirmen und IKEA-Manager gegenseitig Aufträge und Geld zugeschanzt haben.

Es geht um ein geschätztes Auftragsvolumen von mehreren Hundert Millionen Euro. Bei den Prozessen, die jetzt anlaufen, wird wohl der eine oder andere Angeklagte einige Jahre hinter – der Spott nimmt kein Ende – schwedische Gardinen wandern müssen.

Ob er dazugehört, steht noch nicht fest. Dieser Mann, ehemaliger Besitzer einer florierenden Baufirma, ist ebenfalls beschuldigt. Was ihm helfen könnte? Er hat ausgepackt. Vor der Staatsanwaltschaft und vor REPORT-Kollege Ulrich Neumann.

Bericht:

Wohnst du noch oder lebst du schon? Eine Villa in einer Großstadt in NRW. Gestylt bis ins letzte Detail. Originell und liebevoll. Arbeiten im noblen Ambiente. Also ein Leben wie im Traum?

Es war sein Traum. Heute allerdings steht der 46-jährige Frank A., ehemaliger Geschäftsführer einer renommierten Baufirma materiell vor dem nichts. Villa weg, Firma insolvent, und sein Strafprozess steht bevor.

O-Ton, Frank A., ehem. Bauunternehmer:

»Ich muss mir da nichts vormachen. Es ist so, dass ich Unrechtes getan habe. Für mich selbst habe ich ein ganz großes, ein ganz großes Schuldanerkenntnis geleistet, was auf meinen Schultern lastet oder auch noch lange lasten wird. Ich habe unrechte Dinge getan, dafür muss ich eine Strafe erwarten und dafür werde ich eine Strafe bekommen.«

Die Deutschland-Zentrale von IKEA im hessischen Wallau. Es ist der 16. August 2005: Über 100 Ermittler von BKA und Staatsanwaltschaft Frankfurt durchsuchen diverse Baufirmen, darunter auch die von Frank A., und den schwedischen Möbelgiganten.

O-Ton, Sabine Nold, Deutschland-Zentrale IKEA:

»Als die Ermittlungen aufgenommen wurden, und wir mit den Vorwürfen konfrontiert wurden, wir standen unter Schock. Also das ist etwas, was ein Unternehmen sehr betrifft und durchrüttelt. Das ist gar keine Frage.«

Der Verdacht der Strafverfolger damals: Beim Bau zahlreicher IKEA-Möbelhäuser wurden erbrachte Leistungen zu teuer abgerechnet. Zwei leitende IKEA-Mitarbeiter der Bauabteilung und Frank A. werden verhaftet.

Und so funktionierte es bei Frank A.: Er stellte für Bauaufträge überhöhte Rechnungen an IKEA. Das, was IKEA zu viel bezahlte, floss an einige korrupte IKEA-Bauleiter zurück. In diesen Modus eingebunden war nicht nur seine Firma, sondern, wie man heute weiß, ein Dutzend. Ein Beispiel, wie es gemacht wurde.

O-Ton, Frank A., ehem. Bauunternehmer:

»Leistungen wurden ganz einfach überbewertet. Also sprich eine Leistung X ist 1 Euro wert, dann wurde halt aus dem Euro 1,30 gemacht, 1,40, was auch immer als Beispiel. Und diese 40 Cent Überschuss wurden halt aufgeteilt.«

Manfred B. war rund 20 Jahre bei IKEA, unter anderem Abteilungsleiter. Er hat sich in der Untersuchungshaft das Leben genommen. Manfred B. war die zentrale Figur in der Korruptionsaffäre. Viele, die mit IKEA Geschäfte machten, kamen an ihm nicht vorbei, mussten an Manfred B. bezahlen - bar oder über fingierte Beraterverträge mit seiner Firma. Auf seinen Konten finden die Ermittler später mehrere Millionen.

O-Ton, Sabine Nold, Deutschland-Zentrale IKEA:

»Es gibt zwei Schwerpunkte dazu: Das eine waren Barzahlungen und Sachleistungen, die Mitarbeiter entgegengenommen haben, und ein System, in dem Firmen gegründet wurden, also Scheinfirmen mehr oder weniger, über die Beratungsleistungen abgerechnet wurden.«

Also: Mehrere IKEA-Mitarbeiter haben sich bei diversen Bauobjekten bereichert - auf Kosten des schwedischen Möbelgiganten. Geschätzter Schaden allein zwischen 2000 und 2005 - ein zweistelliger Millionenbetrag.

Frank A. hat das korrupte System nicht initiiert, wohl aber mitgemacht. 2001 hat er seine Firma gekauft. Schon beim ersten Gespräch in der IKEA-Zentrale Deutschland im hessischen Wallau wird er unter Druck gesetzt.

O-Ton, Frank A., ehem. Bauunternehmer:

»Ich wurde dann von jemandem in ein Zimmer gebeten. Und Sie haben halt dann... keine Ahnung... zehn Sekunden Zeit zu sagen: Ja oder Nein. Ich habe Ja gesagt aus dem Grunde heraus, weil ich hatte gerade viel Geld dafür ausgegeben, diese Firma zu kaufen. Ich muss heute meiner Frau gegenüber eingestehen, dass ich erst an die Leute im Büro gedacht habe und dann an meine eigene Familie. Das war damals so. Dass ich gedacht habe, die muss ich alle nach Hause schicken. Das wollte ich nicht, und habe das Spiel mitgespielt.«

Frage: Wer also in diesem System der Korruption nicht mitspielt, ist raus?

O-Ton, Frank A., ehem. Bauunternehmer:

»Ja. Ja. Das war so.«

40 Strafverfahren werden hier, vor Frankfurter Gerichten, in den nächsten Monaten verhandelt. Die IKEA-Korruptionsaffäre ist eine der größten in Deutschland. Dabei wird Frank A. als wichtiger Zeuge der Staatsanwaltschaft in vielen Prozessen aussagen müssen.

Finanziell steht Frank A. vor den Trümmern seiner Existenz, ist aber trotzdem froh, dass alles vorbei ist. Und im Gegensatz zu vielen Mittätern bekennt er sich offen zu seiner Schuld.

Frage: Opfer, Täter, beides? Wie würden Sie das für sich sehen?

O-Ton, Frank A., ehem. Bauunternehmer:

»Ich denke mal, dass man dann in dem Augenblick, wo Sie diese Aussage bekommen, so oder gar nicht, sind Sie vielleicht da zunächst mal das Opfer. Aber in dem Augenblick, wo Sie Ja sagen, werden Sie zum Täter. In dem Augenblick, wo Sie den ersten Euro bezahlt haben, sind Sie Täter.«

Abmoderation Fritz Frey:

Sein Insider-Wissen stellt er übrigens jetzt ehrenamtlich in Seminaren für mittelständische Unternehmen zur Verfügung. Ziel der Veranstaltungen: Korruption zu verhindern.

Letzte Änderung am: 08.06.2007, 23.48 Uhr

Bericht

Autoren:Ulrich Neumann
Kamera:Thomas Schäfer
Daniel Theobald
Schnitt:Jörg Hommer

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW