aus der Sendung vom Montag, 16.7.2007 | 21.45 Uhr | Das Erste

Die Wirtschaft brummt. Immer weniger Arbeitslose. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 3,7 Millionen und die Quote unter neun Prozent. Der niedrigste Wert seit sechs Jahren.
Oft schon haben wir über die Welt hinter diesen Zahlen berichtet. Zu dieser Welt gehören sogenannte Tagelöhner, Menschen, meist Männer, die sich von Job zu Job durchs Leben hangeln.
Mein Kollege Thomas Reutter jetzt mit einer Art Selbstversuch. Wie ist das, wenn man dazugehört zu denen, die in aller Herrgottsfrühe für einen Job anstehen. Die warten müssen, oft vergeblich, bis ein Angebot reinkommt. Da wird das Arbeitsamt zur Losbude.
Bericht:
Berlin morgens um vier. Ich warte an der Rückseite der Arbeitsagentur auf die Schnellvermittlung vom Jobcenter. Der Eingang zum Wartesaal für Tagelöhner. Mehr als 1.000 Jobs für einen Tag wurden hier im letzten Jahr vermittelt. Viel mehr als im Vorjahr.
Durch diese Schiebetür werden die Jobs vergeben. Die Arbeitgeber bestellen billige Arbeitskräfte, meist über Nacht oder früh morgens, und sie bessern ihr Arbeitslosengeld auf oder ihre Rente.
Um 4.20 Uhr werden wie immer die Karten gemischt. Die Verlosung der Jobs oder, besser gesagt, der Reihenfolge, in der eingehende Jobs vergeben werden.
O-Ton:
»So Herr Pejic ist an eins, Herr Marker zwei, Herr Müßig drei, Herr Sperber vier, Herr Neitz fünf, Herr Öser sechs, Herr Jakobi sieben und Herr Reutter acht.«
Das Losverfahren wurde eingeführt, damit die Arbeitslosen nicht mehr vor der Tür übernachten. Die Schlafsäcke haben die Anwohner gestört.
Der Mann mit dem Buch ist auch zum ersten Mal da. Wie die meisten kam er mit dem Nachtbus. Losgefahren um 2.35 Uhr. Er war Bauarbeiter, hatte Arbeit bis vor einem Jahr. Dann waren die Knien kaputt. Gestern verschob er einen Arzttermin, weil er sich die 10 Euro Praxisgebühr nicht leisten kann.
O-Ton:
»Ich habe dann zehn Jahre fest gearbeitet bei einer Firma. Und jetzt bin ich zu alt. Man stößt dann die alten Leute ab. Die könnten ja krank werden.«
Inzwischen ist es halb sieben. Und noch immer kein einziger Job.
Frage: Ich wollte nur fragen: Kann es denn sein, dass jetzt noch mal was kommt, oder?
O-Ton:
»Das ist immer schwer zu sagen. Da kann natürlich was kommen, aber in der Regel jetzt eigentlich dann erst wieder, dann so ab sieben, halb acht, acht.«
Eigentlich wollte ich gerade zur Tankstelle gehen und mir ein Brötchen kaufen. Aber sicher kommt genau dann der Job rein. Also bleib ich da. Doch an diesem ersten Tag warten wir alle umsonst. Bis halb neun.
Zweiter Tag. Wieder vier Uhr. Neue Karten, neues Glück. Heute bin ich auf Platz vier. Drei Jobs kommen rein, die vier verliert. Pech gehabt. Ich warte noch bis halb acht, aber es kommt nichts mehr.
Um die Ecke macht gleich das offizielle Jobcenter auf, um Langzeitarbeitslose zu vermitteln und Leistungen auszubezahlen. Die hier stehen auch schon länger.
Mein dritter Morgen als Tagelöhner. Volker macht das seit zwei Jahren regelmäßig.
Frage: Wie oft muss man denn kommen, damit man einen Tag kriegt?
O-Ton:
»Ich bin jetzt neun Tage am Stück hier. Habe nichts gekriegt. Soll ich etwa den Fernseher einschalten, soll Backgammon am PC spielen und warten, dass der Tag vorbei ist, oder was? Ich stelle mich hier morgen hin, versuche einen Job zu kriegen. Geht es nicht, dann gehe ich nach Hause und versuche morgen, das nächste Mal, noch mal. Macht ja jeder hier.«
Diesmal gibt es drei Jobs. Ich habe es geschafft. Ich habe die Nummer drei.
O-Ton:
»Auch gleicher Arbeitgeber, gleiche Stelle, gleiche Welle wie bei den Herren zuvor. Um acht Uhr ist Arbeitsbeginn. Und dann bitte beim Pförtner melden, mit dem Zettel.«
Entrümpelung im Pflegeheim Haus Abendfrieden. Meine Kollegen Sven, 28, gelernter Trockenbauer, also ein Monteur mit Gesellenbrief, und Olaf, 46, gelernter Einzelhandelskaufmann, war sogar Filialleiter im Supermarkt, später auch mal selbstständig am Bau. Beide suchen schon lange eine feste Stelle.
Mit den Gelegenheitsjobs halten sie sich über Wasser. Die gebrauchten Kloschüsseln müssen alle raus.
Frage: Hast du schon mal ekligere Arbeit gehabt als Toilettenschüsseln schleifen? War irgendwas schmutzig?
O-Ton:
»Ja, im Keller, schön alt, da war alles vermuffelt, verschimmelt, liegt rum seit Jahren. Raus. Da bist du reingekommen in den Keller und musstest erst mal fast brechen. So ungefähr. War alles verschimmelt, weil die ganze Zeit schon Feuchtigkeit da unten war.«
Frage: Gab es wenigstens eine ordentliche Schmutzzulage?
O-Ton:
»Hier!«
Die Stahlschränke müssen auch noch runter. Stundenlohn: 6,50 Euro. Netto.
Frage: Ja, jetzt die 6,50 sind normal, oder?
O-Ton:
»Ja, das ist schon unterste Grenze.«
O-Ton:
»Sklavenarbeiter.«
O-Ton:
»Der moderne Sklave.«
O-Ton:
»Der moderne Sklave, ja.«
Frage: Und, Sven, was ist deine Prognose, wie lange machst du noch Tagelöhner?
O-Ton:
»Ich hoffe nicht lange. Ich will einen Job haben. Aber finde mal erst mal einen. Ist ja so schwer.«
Frage: Olaf, was glaubt du, wie lange machst du noch Tagelöhner?
O-Ton:
»Ich werde wahrscheinlich bis zur Rente Tagelöhner machen.«
Frage: Wie viel Jahre hast du noch?
O-Ton:
» Fünfzehn. Ne, Zwanzig. Wird nichts mehr werden.«
Herr Warmbier. Er bringt die Lohntüten. 52 Euro für jeden. Arbeitskleidung, das Warten bei der Jobvermittlung, An- und Abfahrt, das alles wird nicht gezahlt.
Sven lässt seine Handynummer da, falls es wieder mal Arbeit gibt.
Frage: Also prinzipiell würden Sie es schon wieder machen, mit Tagelöhnern auch?
O-Ton:
»Ja.«
Frage: Ist auch billiger als mit einer Firma, oder?
O-Ton:
»Sicher.«
Frage: Aber ihr seid zufrieden jetzt mit dem Lohn?
O-Ton:
»Natürlich. Muss man ja.«
O-Ton:
»Muss man. 50 Euro am Tag haben oder nicht haben.«
O-Ton:
»Essen ist gerettet.«
Letzte Änderung am: 08.06.2007, 23.48 Uhr