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21.45 Uhr, DasErste

REPORT MAINZ vom 17.04.2012

REPORT MAINZ,  17.4.2012 | 27:17 min

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Alarmierende Sicherheitslücken Wie auf deutschen Flughäfen bei der Bewachung der Luftfracht geschlampt wird

aus der Sendung vom Montag, 16.7.2007 | 21.45 Uhr | Das Erste

Wolfgang Schäuble sorgt für Unmut. Sein Feuerwerk an Vorschlägen, wie der terroristischen Bedrohung begegnet werden soll, macht mittlerweile nicht nur politische Gegner nervös.

Dabei gibt es Naheliegenderes. Beispiel Flughafen. Als Passagier wird man genauestens kontrolliert. Nagelpfeile, Rasierwasser, hohe Absätze, alles verdächtig. Aber wie steht es mit der Luftfracht? Da gibt es zwar diesen Leitfaden des Luftfahrtbundesamtes, danach dürfen Spediteure die Luftfracht zu keinem Zeitpunkt unbeaufsichtigt lassen, und kein Unbefugter hat in der Nähe etwas verloren. Aber halten sich die Beteiligten daran? Thomas Dauser und Beate Klein mit erschreckenden Antworten.

Bericht:

Flughafen Frankfurt, Frachtbereich. Scheinbar hermetisch abgeschirmt. Ein Tor mit Wachhäuschen. Doch Sicherheitsleute? Fehlanzeige. Wer will, marschiert einfach aufs Gelände, ohne Ausweis.

Ein paar Meter weiter, LKW liefern Luftfracht an. Rund die Hälfte der Fracht fliegt im Bauch von Passagiermaschinen mit. Hallentore sind offen und unbewacht. Eine gute halbe Stunde unbemerkt auf dem Frachtgelände, niemand wird misstrauisch.

Dabei sind die Regelungen eindeutig: Spediteure, die Luftfracht befördern wollen, müssen sich zunächst beim Luftfahrtbundesamt zertifizieren lassen. Diese Spediteure sind dann verpflichtet Sicherheitsauflagen einzuhalten.

Das Luftfahrtbundesamt schreibt vor:

Zitat:

»Der Schutz vor Zugriffen Unbefugter ist bei allen Transporten zu gewährleisten.«

Die Spediteure sind damit ununterbrochen für die Überwachung der Luftfracht zuständig. Auch auf dem von ihnen angemieteten Areal des Flughafens, bis zur Übergabe der Fracht an die Airline. Wir zeigen diese verdeckt gedrehten Aufnahmen Josef Scheuring von der Gewerkschaft der Polizei.

O-Ton:

»Das ist ja unglaublich. Das ist ja unglaublich.«

Früher hat er selbst bei der Kontrolle am Flughafen gearbeitet. Jetzt ist er für die Polizeigewerkschaft zuständig für den Bereich Sicherheit an Flughäfen.


Noch ein Test, diesmal am Flughafen Hamburg. Um den Frachthof gibt es einen Sicherheitszaun, aber mittendrin plötzlich eine Tür.

O-Ton:

»Das darf doch wohl nicht wahr sein. Da ist ja gar kein Schloss drin.«

Wir zeigen Josef Scheuring, wie es hinter der unbewachten Tür weitergeht. Überall liegt Fracht offen auf dem Flughafengelände herum. Hier müssen die Spediteure für Sicherheit sorgen, aber niemand kümmert sich, niemand will einen Ausweis sehen. Sogar in Lagerräume gelangt man ungehindert. Weiter hinten ein Schild: Sicherheitslager – Übertreten der gelben Linie verboten!!!

O-Ton, Josef Scheuring, Gewerkschaft der Polizei GDP, Vorsitzender Bereich Bundespolizei:

»Ich will die Menschen nicht verunsichern, aber solche Sicherheitslücken darf es nicht geben. Das muss man ganz, ganz deutlich sagen.«





In aller Ruhe kann man sich in diesem Lagerraum auf dem Hamburger Flughafen umsehen. Wir führen die verdeckt gedrehten Bilder auch Markus Kirschneck vor. Er ist erfahrener Pilot und Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit.

O-Ton, Markus Kirschneck, Sprecher Pilotenvereinigung Cockpit:

»Erschreckend. Man kann hier offenbar an Fracht, die demnächst auf Flugzeuge verladen werden soll, ungehindert hingreifen. Oder unter Umständen auch mal ein Päckchen austauschen. So kann natürlich ein Sicherheitskonzept nicht funktionieren. Es ist definitiv ein Risiko in allen Bereichen, aber auch im Bereich des Terrors «

Wie gesagt, eigentlich darf kein Fremder auf das Frachthofgelände. Eigentlich darf niemand einfach so an Luftfracht herankommen.

Nachfrage beim Deutschen Speditions- und Logistikverband. Wie ernst nehmen die Spediteure die Sicherheitsvorschriften in der Boombranche Luftfracht? Das wollen wir vom Hauptgeschäftsführer, Heiner Rogge, wissen. Wir zeigen ihm die Aufnahmen von den Lücken im Sicherheitssystem.


Frage: Ein Einfallstor für Terrorismus. Was sagen Sie dazu?

O-Ton, Heiner Rogge, Hauptgeschäftsfüherer Deutscher Speditions- und Logistikverband:

»Das würde ich so nicht sagen. Wir werben als Verbandsorganisation dafür, dass, sage ich mal, unsere Mitglieder über alle Vorschriften sehr detailliert auch informiert werden. Dass die Mitarbeiter auch sehr detailliert und ständig geschult werden.«

Frage: Aber hier läuft ja was falsch. Hier gibt es keine Beaufsichtigung der Ware beim Ausladen, da kann man in Sicherheitslager sogar reingehen, ohne das man gefragt wird.

O-Ton, Heiner Rogge, Hauptgeschäftsfüherer Deutscher Speditions- und Logistikverband:

»Ja, es kann in Einzelfällen sicherlich vorkommen, dass das so ist und das man, sage ich mal, das auch nicht ausreichend präzise gemacht hat.«

Einzelfälle? Unsere Recherchen zeigen, gegen die Regelungen zur Luftfrachtsicherheit wird offenbar regelmäßig verstoßen. Der nächste Test am Flughafen München.

Von einer öffentlichen Straße kann man ohne weiteres eine Rampe zum Frachtbereich hoch laufen. Keiner der Mitarbeiter nimmt Notiz. Ein paar Schritte weiter kann man sich Fracht anschauen. Dieses Paket von BMW soll offenbar nach Kuwait. Vor der Rampe stehen LKW, die gerade ausgeladen werden, offen herum. Diese Ware geht in die USA.

Wir treffen einen Mitarbeiter des Flughafen München. Er hat seit Jahren Einblick in die Abläufe im Frachtbereich. Aus Angst um seinen Job will er unerkannt bleiben. Wie schätzt er die heimlich gedrehten Aufnahmen ein?

O-Ton, Stimme nachgesprochen:

»Es beschreibt die Realität, so wie es ist. Im Frachtbereich da wuselt es nur so von Menschen, dass ist also richtig Highlife, auch auf den Rampen. Und wenn da zusätzlich Menschen rumlaufen, fällt das keinem auf.«


Ist die Luftfracht erst mal der Airline übergeben sagt er, ginge sie meist ohne weitere Kontrollen auf den Flieger.

O-Ton, Stimme nachgesprochen:

»Es gibt wohl unterschiedliche Quoten von Röntgen. Welcher Anteil der Fracht wird geröntgt und welcher nicht. Je nach Firma auch, je nachdem wie viel Wert die Firmen darauf legen. Meiner Kenntnis nach finden da ausschließlich Stichproben statt.«

Die Airlines müssen sich darauf verlassen können, dass Ware, die von einem zertifizierten Spediteur als sicher angeliefert wird, in der Transportkette lückenlos überwacht wurde.

Frage: Nun ist es ja so, man hätte hier einfach hier ein Päckchen austauschen können. Und das wäre bei einer visuellen Kontrolle nicht aufgefallen?

O-Ton, Heiner Rogge, Hauptgeschäftsfüherer Deutscher Speditions- und Logistikverband:

»....«

Wir wollen vom zuständigen Bundesverkehrsminister wissen: Was will er tun angesichts der gravierenden Verstöße gegen die Sicherheitsauflagen?

Später nur ein Statement.

O-Ton, Wolfgang Tiefensee, SPD, Bundesverkehrsminister:

»Wenn diese Informationen richtig sind, dann wird im Luftfahrtbundesamt, und zwar unter der Federführung des Präsidenten, gründlich geprüft und wir werden dann entsprechend reagieren. Danke.«

Die Aufnahmen schaut sich der Minister nicht an. Das übernimmt der Präsident des Luftfahrtbundesamtes, Ulrich Schwierczinski.

O-Ton, Ulrich Schwierczinski, Präsident Luftfahrtbundesamt LBA:

»Beim ersten Anschein gebe ich Ihnen Recht. Das ist auch der erste Eindruck, als ob hier in der Tat eklatante Mängel vorlägen. Ob dem tatsächlich so ist, bedarf der konkreten Nachprüfung im Einzelfall.«

Doch was weiß das Luftfahrtbundesamt überhaupt über die Verhältnisse bei Luftfrachtspeditionen? Auf Nachfrage muss der Präsident einräumen, dass das Amt bisher nur die Aktenlage kennt.

O-Ton, Ulrich Schwierczinski, Präsident Luftfahrtbundesamt LBA:

»Was aber fehlt, ist tatsächlich der Besuch vor Ort bei der Firma, der ist noch nachzuholen.«

Frage: Das heißt, bei hundert Prozent der Spediteure ist diese Prüfung noch nicht erfolgt?

O-Ton, Ulrich Schwierczinski, Präsident Luftfahrtbundesamt LBA:

» Das ist richtig.«

Frage: Was vor Ort tatsächlich passiert?

O-Ton, Ulrich Schwierczinski, Präsident Luftfahrtbundesamt LBA:

»Das ist richtig.«

O-Ton, Josef Scheuring, Gewerkschaft der Polizei GDP, Vorsitzender Bereich Bundespolizei:

»Das kann nicht sein, dass auf der einen Seite gegenüber dem Passagier konsequent kontrolliert wird. Dabei mit allen Möglichkeiten, richtigerweise, kontrolliert wird, und auf der anderen Seite regelrechte Scheunentore offen sind an den deutschen Flughäfen.«

Letzte Änderung am: 08.06.2007, 23.48 Uhr

Bericht

Autoren:Thomas Dauser
Beate Klein
Kamera:Ernst Krell
Dieter Nathan
Frank Waldschmidt
Schnitt:Susanne Bernhardt

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