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SENDETERMIN Mo, 25.6.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Ausbeutung mit Zeitarbeit Wie Arbeitnehmer erpresst werden

Moderation Fritz Frey:

Eine Branche boomt, die Leiharbeit. Manche sagen lieber Zeitarbeit. Etwa die Hälfte aller neugeschaffenen Stellen im Jahr 2006 sind in dieser Boombranche entstanden. Gut für die Arbeitslosenzahlen, die gehen runter. Aber auch gut für die Arbeitnehmer?

Thomas Dauser und Beate Klein haben herausgefunden, dass Unternehmen vermehrt feste Mitarbeiter zu Leiharbeitern machen. Die Folgen: Lohndumping und eine Zweiklassenbeschäftigung.

Bericht:

O-Ton:

»Heute ist ein schöner Tag für die Arbeitslosen in Deutschland.«

Im August 2002 feiern Schröder und Hartz ihre neue Wunderwaffe. Leiharbeit. Doch diese Wunderwaffe Leiharbeit bedroht jetzt die Existenz von Beschäftigten wie Kerstin M.

O-Ton:

»Dann ist man in einer Situation, wo man eigentlich von seinem Geld nicht mehr leben kann, obwohl am arbeitet.«

Kerstin arbeitet seit über zehn Jahren hier an der Uniklinik Essen als Laborantin. Doch ihr befristeter Vertrag läuft in wenigen Tagen aus. Und der wird, wie alle befristeten Verträge, auf keinen Fall verlängert. Ein Infobrief zeigt Kerstin die Alternative. Wenn sie weiter an der Uniklinik arbeiten will, muss sie einen Vertrag bei der neuen UK Essen Personalservice GmbH unterschreiben. Die ist eine hundertprozentige Tochter der Uniklinik.

Die Uniklinik hat jetzt ihre eigene Leiharbeitsfirma. Und die verleiht Kerstin dann zurück an die Uniklinik, an ihren alten Arbeitsplatz.

O-Ton:

»Ich würde 20 Prozent netto weniger verdienen wie jetzt, obwohl ich die gleiche Arbeit machen würde.«

Frage: Was würde das für Sie bedeuten, 20 Prozent weniger zu haben?

O-Ton:

»Ja, es ist jetzt schon sehr knapp mit dem Geld. Und dann müssten wir uns überlegen was wir noch weiter streichen.«

Frage: Zum Beispiel?

O-Ton:

»Zeitungsabo, irgendwelche Vereine austreten. Eventuell auch das Auto verkaufen.«

Sie hat es sich genau ausgerechnet. Statt 1.424 Euro netto bekäme sie dann, für die gleiche Arbeit, nur noch 1.139 Euro nach Leiharbeitstarif. Personalrat Stephan Gastmeier kritisiert weiter, die neuen Leiharbeiter haben auch weniger Urlaub und eine schlechtere Altersversorgung.

O-Ton, Stephan Gastmeier, Stellv. Personalratsvorsitzender Universitätsklinikum Essen:

»Als Gewerkschafter ist das, aus meiner Sicht, halt ein Generalangriff. Das ist ein Generalangriff gegen die Rechte der Beschäftigten.«

Auslöser ist die Reform der Leiharbeit 2004. Anders als früher kann ein Leiharbeiter jetzt zeitlich unbegrenzt bei einer Firma eingesetzt werden.

Aber es gibt auch Gewinner dieser Reform. Er hat nur darauf gewartet, dass die Überlassungshöchstdauer in der Leiharbeit gestrichen wird. Fachanwalt Stefan Lunk ist Spezialist, wenn Unternehmen sparen wollen. Sparen am Personal.

O-Ton, Stefan Lunk, Latham & Watkins, Fachanwalt f. Arbeitsrecht:

»Es ging relativ schnell nach der Gesetzesänderung los. Denn, man muss ja sagen, dass wir Berater in den Startlöchern gesessen haben. Es war ja absehbar, was der Gesetzgeber machen würde. Und deswegen sind wir auch relativ frühzeitig darangegangen, so etwas zu entwickeln.«

Sein Modell: die eigene Leiharbeitsfirma als konzerninterner Niedriglohnsektor.

O-Ton, Stefan Lunk, Latham & Watkins, Fachanwalt f. Arbeitsrecht:

»Es ist natürlich ein gewisser Einspareffekt da. Denn die Unternehmen, die zu uns kommen, sind in der Regel tarifgebunden, müssen bestimmte Tariflöhne zahlen. Und viele, offengestanden, sind auch gekommen und sagen, wir möchten es mal probieren.«

Auch die Oldenburger Nordwest-Zeitung hat es mal ausprobiert, ist beteiligt an einer Leiharbeitsfirma. Von 400 Mitarbeitern, sagt der Betriebsrat, sind mittlerweile 50 Leiharbeiter. Wir wollen mit den Mitarbeitern darüber sprechen.

O-Ton:
»Ich möchte dazu nichts sagen.«

Frage: Das sind ja immerhin auch 50 Leute, die weniger verdienen als die Leute die .....

O-Ton:
»Ich möchte trotzdem nichts sagen.«

Frage: Kennen Sie denn Leiharbeiter?

O-Ton:
»Ja.«

Frage: Was halten Sie davon, dass es das gibt hier?

O-Ton:
»Ja, was soll man dazu sagen. Das ist nicht schön, oder?«

O-Ton:
»Das ist wirklich nicht schön. Für die Leiharbeiter vor allem nicht.«

Gibt es hier Mitarbeiter zweiter Klasse? Die Geschäftsleitung lässt uns schriftlich wissen: Leiharbeiter bekommen tatsächlich bis zu 15 Prozent weniger Gehalt. Aber so, sagt der Konzern:

Zitat:
»...sichern wir die Arbeitsplätze der Bestandsmitarbeiter...«

Der Betriebsratsvorsitzende Ulrich Janßen macht da andere Erfahrungen.

O-Ton, Ulrich Janßen, Betriebsratsvorsitzender Nordwest-Zeitung Oldenburg:

»Wenn wir zum Beispiel mit Führungskräften ins Gespräch kommen, über die Besetzung einer Stelle, dann hören wir schon mal, ja wenn Ihr damit so nicht einverstanden seid, oder wenn Sie damit so nicht einverstanden sind, dann machen wir es eben per Leiharbeit.«

Leiharbeit – Fluch oder Segen? Wolfgang Clement war als Superminister maßgeblich für die Reform der Leiharbeit verantwortlich. Und es ist bis heute sein Thema. Inzwischen ist er Aufsichtsratsmitglied beim fünftgrößten Leiharbeitskonzern Deutschlands.

Frage: Wenn Sie den Fokus legen auf die Überlassungshöchstdauer, war die Reform ein Erfolg?

O-Ton, Wolfgang Clement, SPD, Bundeswirtschaftsminister a.D.:

»Ja selbstverständlich. Ich meine, das bestreitet eigentlich kein vernünftiger Mensch mehr, dass die Zeitarbeit in Deutschland ein Erfolg ist.«

Frage: Auch wenn sie 20, 30 Prozent verlieren, obwohl sie am gleichen Job weiter arbeiten?

O-Ton, Wolfgang Clement, SPD, Bundeswirtschaftsminister a.D.:

»Es ist besser sie verlieren, sie verlieren ja nichts, sondern ...«

Frage: Sie kriegen 30 Prozent weniger.

O-Ton, Wolfgang Clement, SPD, Bundeswirtschaftsminister a.D.:

»Das kann allenfalls die Ausnahme sein.«

Wirklich nur die Ausnahme? Die Gewerkschaft ver.di hat erstmals abgefragt: Wie oft wird Leiharbeit missbräuchlich eingesetzt? REPORT MAINZ liegt die unveröffentlichte Studie vor. Ergebnis: In 18 Prozent der rückgemeldeten Fälle sind Leiharbeiter über eine Tochterfirma im eigenen Betrieb beschäftigt. Und das quer durch alle Branchen.

O-Ton, Jörg Wiedemuth, ver.di Bundesverwaltung:

»Ziel dieser ganzen Veranstaltung ist ganz klar Lohndumping. Ich fürchte, die Veränderung der gesetzlichen Bedingungen der Leiharbeit hat Tür und Tor für ein derartiges Verfahren geöffnet.«

Dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Erstaunlicherweise weiß die Bundesregierung davon schon lange. In einem zwei Jahre alten Bericht der Bundesregierung heißt es:

Zitat:

»Zum Teil werden Mitarbeiter entlassen um sie über hauseigene Verleihfirmen, zumeist zu ungünstigeren Tarifbedingungen, in den alten Betrieb zurückzuentleihen.«

Wir wollen vom Arbeitsministerium wissen, was es dagegen unternommen hat. Aber: Kein Interview. Das Ministerium antwortet zwar wortreich, aber auf keine unserer Fragen, lobt schriftlich nur positive Effekte der Leiharbeit.

Für Kerstin M. sieht die Zukunft nicht rosig aus. Die hauseigene Leiharbeitsfirma, eine ständige Drohung.

O-Ton:

»Letztendlich wird man erpresst von denen. Dass man die Stelle entweder nimmt oder man eben gehen kann.«

Abmoderation Fritz Frey:

Erpresste Arbeitnehmer, na wenn das kein Thema für die SPD ist. Wo man doch gerade von links unter Druck gerät. Kein Wunder, dass der saarländische SPD-Vorsitzende Heiko Maas die Leiharbeit kritisiert. Im Saarland will Lafontaine 2009 Ministerpräsident werden. Mehr zum Thema auf unserer Internetseite www.swr.de/report.

aus der Sendung vom

Mo, 25.6.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:Thomas Dauser,
Beate Klein
Kamera:Ralf Gottschalk,
Sven Köbisch,
Matthias Sauter,
Ulrich Vollert
Schnitt:Jörg Hommer