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SENDETERMIN Mo, 19.3.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Albtraum Pflege Werden schlechte Heime vom Gesetz geschützt?

Moderation Fritz Frey:

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Missstände in deutschen Pflegeheimen, oft schon haben unsere Reporter aufgedeckt, wie es zugeht hinter den Fassaden. Und jedes Mal wenn wir berichtet haben, wurden wir auch danach gefragt, wie man sie denn erkennt, die guten Pflegeheime. Die Heime mit den motivierten und engagierten Mitarbeitern.

Denn natürlich sind viele von uns in Sorge, Angehörige in Hände zu geben, die sich nicht ordentlich kümmern. Und deshalb ist Gottlob Schober losgezogen, ausgestattet mit der scheinbar einfachen Frage: Warum gibt es in Deutschland nicht einen Pflegeheimführer, der Auskunft über die Qualität eines jeden Heimes gibt? So wie beispielsweise ein Hotelführer. Einfache Frage, schwierige Recherche. Aber der Reihe nach.

Bericht:

Es gab keinen anderen Ausweg. Hannelore Ley musste für ihre 90-jährige Mutter einen Pflegeheimplatz suchen. Denn die alte Dame leidet an leichter Altersdemenz.

O-Ton, Hannelore Ley:

»Wir haben ein Vierteljahr verzweifelt gesucht und konnten keinen neutralen Weg finden. Ist es ein gutes oder ein schlechtes Haus? Wir waren total verzweifelt und suchten die Stecknadel im Heuhaufen.«


Was ist ein gutes, was ist ein schlechtes Heim? Feststellen kann das der Medizinische Dienst der Krankenversicherung. Er hat den Auftrag, Pflegeheime zu kontrollieren. Ursula Weibler-Villalobos, leitende Ärztin beim Medizinischen Dienst Rheinland-Pfalz, erklärt uns, dass in ihrem Bundesland die Qualitätsberichte für die meisten Einrichtungen inzwischen vorliegen. Auf einer DIN A4-Seite zusammengefasst.

O-Ton, Ursula Weibler-Villalobos, Medizinischer Dienst Rheinland-Pfalz:

»Sie können hier auf den ersten Blick erkennen, welches Pflegeheim die fachlichen Anforderungen fast durchgängig zu hundert Prozent erfüllt, und in welchem Pflegeheim es erhebliche Defizite gibt. Hier sind die Anforderungen bei der Flüssigkeitsversorgung, bei der Vermeidung von Druckgeschwüren etc, komplett erfüllt, und hier gibt es sehr viele Defizite.«

Das macht uns neugierig. Wir geben uns als Heimplatzsuchende aus. In mehreren Einrichtungen fragen wir mit versteckter Kamera nach dem Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes. Ergebnis:

O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

»So etwas geben wir nicht aus der Hand. Das sind interne Sachen, das kommt nicht nach außen.«

O-Ton, Gedächtnisprotokoll:

»So etwas habe ich leider nicht. Ich habe es hier auch noch nie gesehen.«


Warum werden uns die Qualitätsberichte vorenthalten? Wir haben einen Verdacht. Möglicherweise handelt es sich hier um schlechte Heime, bei denen Missstände wie andauernde Fixierungen, Unterernährung und Druckgeschwüre an der Tagesordnung sind. Denn gute Pflegeeinrichtungen, wie zum Beispiel das Haus „Abendfrieden“ in Bad Neuenahr, haben kein Problem diesen Qualitätsbericht herauszugeben.

Hannelore Ley hat hier für ihre Mutter einen Pflegeheimplatz gefunden. Die positive Bewertung des Medizinischen Dienstes hat sie überzeugt.

Gute Einrichtungen werden aber benachteiligt, meint Dr. Siegfried Wiesner. Der ehemalige Präsident des Landessozialgerichtes Mecklenburg-Vorpommern ist Herausgeber eines wichtigen Kommentars zum Sozialgesetzbuch. Das Sozialgesetzbuch nämlich verpflichtet die Prüfer des Medizinischen Dienstes gegenüber Dritten zur Verschwiegenheit.

Eine Veröffentlichung der Qualitätsberichte ist demnach nur mit Zustimmung der Heime möglich.

O-Ton, Siegfried Wiesner, ehem. Präsident Landessozialgericht Meck.-Vorpommern:

»Durch diese Vorschrift wird eine qualitativ schlechte Einrichtung geradezu wettbewerbswidrig geschützt. Und es wird die Chance vertan, dass also durch eine größere Öffentlichkeit hier sich etwas zum Besseren ändert.«

Der Medizinische Dienst Bayern will noch einen Schritt weiter gehen. Ziel ist ein Ranking, also eine Rangfolge, aller Pflegeheime. Ottilie Randzio hat im Auftrag der Pflegekassen einen Test entwickelt, mit dem ein Vergleich der Einrichtungen möglich ist.

2004 wurden alle Heime in Bayern aufgefordert, an diesem Test freiwillig teilzunehmen. Ergebnis: Über 1.000 Einrichtungen wurden von den Kassen angefragt, nur 26 haben daran teilgenommen.


O-Ton, Dr. Ottilie Randzio, MDK Bayern:

»Es gab durchaus mehr Einrichtungen die daran hätten teilnehmen wollen, sie sind aber massiv von ihren Trägern unter Druck gesetzt worden, nicht an diesem Pflegequalitätstest teilzunehmen.«


Warum sind die Träger gegen solche Tests? Wilfried Mück ist Verwaltungsdirektor des Bayerischen Caritasverbandes und Präsident der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege im Freistaat. Von ihm hören wir ein überraschendes Argument. Denn angeblich geht es vor allem darum, dass der MDK nur nach vier Qualitätsstufen beurteilt.

O-Ton, Wilfried Mück, Landes-Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern:

»Wir halten es für wesentlich sinnvoller, hier nach dem Schulnotensystem eins bis sechs zu verfahren. Und dass quasi die beste Einrichtung die Note eins bekommt.«





Frage: Habe ich Sie richtig verstanden, der zentrale Unterschied zwischen der Position des MDK und ihrer ist der, dass der MDK Schulnoten von eins bis vier vergeben möchte...

O-Ton, Wilfried Mück, Landes-Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern:

»Eine gröbere Differenzierung.«


Frage: ... und Sie Schulnoten von eins bis sechs? Und das ist für Sie Grund genug, die Prüfungen abzulehnen?

O-Ton, Wilfried Mück, Landes-Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern:

»Wir wollen eine differenzierte Darstellung des Ergebnisses und keine Grobe.«


Frage: Aber das ist für Sie Grund genug, es abzulehnen?

O-Ton, Wilfried Mück, Landes-Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern:

»Das sind mit die Gründe.«

O-Ton, Ottilie Randzio, MDK Bayern:

»Hier geht es nicht um vier Stufen oder vier Sterne oder sechs Stufen oder fünf Hauben, sondern es geht einfach um ein Ranking. Ein Vergleichbarmachen von Qualität.«


Frage: Also Sie wollen einfach noch ein bisschen Zeit gewinnen?

O-Ton, Wilfried Mück, Landes-Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern:

»Wir wollen noch etwas Zeit gewinnen.«


Zeit, die alte Menschen nicht haben. Dieses Haus im bayerischen Kösching gehört zu den 26 vom MDK geprüften Einrichtungen. Hier sind die alten Menschen aktiv, ihre Eigenständigkeit wird gefördert. Die Einrichtung steht mit 25 anderen Heimen direkt im Wettbewerb.

O-Ton, Inge Frauenknecht, Heimleiterin Kösching:

»Das ist eine Riesenmotivation. Man fragt natürlich, was kann der mit mehr Punkten besser, und können wir das nicht auch erreichen?«





In Berlin treffen wir den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach. Er will das Ergebnis unserer Recherchen in die anstehende Debatte um die Reform der Pflegeversicherung einbringen. In wesentlichen Punkten unterstützt er die Positionen des MDK.

O-Ton, Karl Lauterbach, SPD, Gesundheitsexperte:

»Wir brauchen den Vergleich der Einrichtungen, die Veröffentlichung, die Verbesserung der Bewertung durch den MDK. Und wir brauchen regelrechte Empfehlungen auch. Es muss eine Pflicht geben zu veröffentlichen, und die Heime, die nicht veröffentlichen, sollten von der Pflegekasse auch kein Geld bekommen.«

Menschen wie Hannelore Ley wird es schwer gemacht für ihre Angehörigen einen guten Pflegeheimplatz zu finden. Denn bisher veröffentlichen die meisten Pflegeheime ihre Prüfberichte nicht. Das muss sich dringend ändern.

aus der Sendung vom

Mo, 19.3.2007 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:Gottlob Schober
Kamera:Andreas Deinert,
Daniel Maier,
Thomas Schäfer
Schnitt:Annette Bohr