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SENDETERMIN Mo, 16.10.2006 | 21:44 Uhr | Das Erste

Der Fall El-Masri Gab es Kontakte in die Islamistenszene?

Den Mann hinter mir kennen Sie. Er ist der deutsche Staatsbürger - Khaled El-Masri. Immer wieder ist er in den Schlagzeilen, weil er entführt wurde. Von CIA-Agenten, so der Verdacht. Deutsche Staatsanwälte ermitteln und auch der BND-Untersuchungs-ausschuss befasst sich mit dem Fall.


Warum aber geriet der Mann ins Visier seiner Entführer? Gab es vielleicht doch Gründe, warum gerade er verschleppt wurde? Ulrich Neumann und Fritz Schmaldienst haben unter anderem geheime Polizeiunterlagen ausgewertet, und diese legen nahe, dass El-Masri eingebunden war in ein Netzwerk radikaler Islamisten.



Bericht:


Seit Monaten in den Schlagzeilen – Khaled El-Masri. Der Deutschlibanese ist Opfer einer illegalen CIA-Aktion.


Entführt, gefoltert und verhört, Monate lang in Afghanistan, im Frühjahr 2004.


Warum er? Das versucht unter anderem der Untersuchungsausschuss in Berlin zu klären. Hier, vor den Abgeordneten, hat El-Masri beteuert, er sei grundlos gekidnappt worden.


Aber warum war der Deutschlibanese muslimischen Glaubens so interessant für die USA? Wer ist Khaled El-Masri?


Diese Frage führt uns in das Multi-Kultur-Haus in Neu-Ulm. Die vor wenigen Monaten geschlossene Moschee war beliebter Treffpunkt fundamentalistischer Muslime. Hier verkehrte auch El-Masri in den vergangenen Jahren.


Dieses Multi-Kultur-Haus hat eine Vorgeschichte: Hier, so das bayerische Innenministerium, wurde massiv gegen den Westen gehetzt und offen zur Tötung Andersgläubiger aufgerufen. Diese drei Islamisten aus der Region Neu-Ulm sind in den Tschetschenien-Krieg gezogen und dort 2002-2003 umgekommen.


Außerdem: Neu-Ulm war schon lange zuvor Anlaufstelle hochrangiger Al-Qaida-Terroristen.


Zum Beispiel 1998 war dieser Mann in Neu-Ulm: Mamdouh Mahmud Salim, Bin Ladens Finanzchef, mitverantwortlich für die Anschläge auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam mit Hunderten von Toten. Salim wurde den US-Justizbehörden übergeben.


Zum Beispiel Sommer 2001: Wieder ist Neu-Ulm Anlaufstelle hochrangiger Al-Qaida-Mitglieder. REPORT MAINZ und das Hamburger Magazin „Stern“ haben einen Taxifahrer ausfindig gemacht, der erst nach dem 11. September erkannte, welch hochrangige Terroristen er zu einem ägyptischen Arzt aus dem Umfeld der Moschee befördert hat. Exklusiv erfahren wir:


O-Ton Taxifahrer:


»Ja, den Herrn mit den ganz markanten Gesichtszügen und den - einen Jüngeren. Genau, das ist er. Also die zwei Herren erkenne ich als solche als meine Fahrgäste.«


Mohammed Atta, einer der Todespiloten von New York.


Said Bahaji, Cheflogistiker der Anschläge vom 11. September, flüchtig.


O-Ton Taxifahrer:


»Sie haben mir bestätigt, dass sie aus Afghanistan kommen und dass sie hier also zu Besuch sind bei Dr. el A.. Da hat er gesagt: ‚Das ist ein sehr guter Freund von uns’.«


Erstmals bestätigt damit ein Zeuge: Der Terror-Pilot Atta war in Neu-Ulm.


Dem Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamter zeigen wir das komplette Interview mit dem Taxifahrer.


O-Ton, Klaus Jansen, Bund Deutscher Kriminalbeamten:

»Die Art und Weise, wie der Taxifahrer gerade den Atta ausgedeutet hat - in einer geradezu bestechenden Klarheit - gibt der Aussage eine hohe Glaubwürdigkeit.“





O-Ton, Klaus Jansen, Bund Deutscher Kriminalbeamten:


„Ich glaube, Ulm, Neu-Ulm ist deutlich falsch eingeschätzt worden bisher. Aus den vorliegenden Informationen heraus muss man davon ausgehen, dass Neu-Ulm gegebenenfalls sogar das Zentrum für die Agitation in Deutschland gewesen sein könnte.«


In diesem Umfeld bewegte sich das CIA-Opfer El-Masri in den vergangenen Jahren. Dazu hätten wir ihn gern befragt. Doch sein Anwalt lehnt ab, befürchtet, dass REPORT MAINZ ungerechtfertigt – Zitat – „die angebliche Islamismusnähe“ seines Mandanten thematisieren möchte.


Uns liegen über El-Masri mehrere als geheim eingestufte Akten der Bundesregierung und vom BKA sowie LKA Baden-Württemberg vor. Das hat El-Masri seit Sommer 2002 im Visier. Das LKA hält fest:


  1. Er war im Raum Ulm/Neu-Ulm „Kontaktperson zu allen Gefährdern“, also zu gewaltbereiten Islamisten.

  2. Er hatte „Reden des Usama Bin Ladens aus dem Internet heruntergeladen“ und

  3. Er war bekannt als „Befürworter des militärischen Dschihad“, also des bewaffneten heiligen Krieges.

Er - ein Befürworter des militärischen Dschihad? Das ist absurd, erklärt El-Masri über seinen Anwalt dem „Stern“.


Auch dieses geheime BKA-Papier stellt fest: El-Masri hat Kontakte zu „Beschuldigten aus dem Bereich des islamistischen Terrorismus“.


Diese Akten haben wir dem erfahrenen Kriminalisten Klaus Jansen zur Einschätzung vorgelegt. Ist El-Masri nur ein ahnungsloses Opfer?




O-Ton, Klaus Jansen, Bund Deutscher Kriminalbeamten:


»El-Masri ist vielleicht auch Opfer, aber er ist mit Sicherheit auch eine interessante Person im Geflecht der Islamisten in Deutschland. Dieser Mann ist nicht zufällig auch in das Fadenkreuz der amerikanischen Ermittlungsbehörden gekommen.«


Unter anderem auch seinetwegen - Reda Seyam, laut seiner Ex-Frau hatte er Kontakt zu Usama Bin Laden, gilt als mutmaßlicher Finanzier, was er bestreitet, der Anschläge von Bali 2002 mit über 200 Toten. Seyam und El-Masri – enge Freunde?


O-Ton Reda Seyam:


»Er hat mir wirklich viel, viel geholfen. Und dadurch hat er eine gute Beziehung zu uns entwickelt als Freund.«


Halten wir fest: El-Masris Beziehung zu Reda Seyam und anderen gewaltbereiten Islamisten, das extremistische Umfeld der Neu-Ulmer Moschee und der zeitweilige Aufenthalt von hochrangigen Terroristen hier, haben offenbar die CIA veranlasst, Informationen sich selbst vor Ort illegal zu beschaffen.


Unfreiwillig Zeuge einer solchen Beschaffungsaktion ist dieses Ehepaar geworden. Bei ich ihnen zu Hause konnte man die gegenüber liegende Wohnung von einem der getöteten Tschetschenien-Kämpfer observieren, die als Treff von Islamisten galt. April 2003. Ein Mann mit amerikanischem Akzent stand plötzlich vor ihrer Tür und gab sich als Polizist aus.


O-Ton Frau:


»Der war zielgerichtet auf das Arbeitszimmer von meinem Mann aus. Und da ging er dann rein, hat die große Sporttasche hingestellt und unter der Jacke habe ich dann die Pistole gesehen. In der Sporttasche war ein zerlegtes Gewehr.«


O-Ton Mann:


»Daraufhin habe ich ihn angesprochen, und er sagte: Ja, in diesem Geschäft muss man gut ausgerüstet sein.«


Das Ehepaar ist bereit vor dem Berliner Untersuchungsausschuss auszusagen.


O-Ton Mann:


»Wir würden aussagen - auch unter Eid.«


Nun ist der parlamentarischer Untersuchungsausschuss gefordert, denn unsere Recherchen lassen die CIA-Affäre und ihre offensichtlich illegalen Ermittlungen sowie die Rolle ihres Opfers El-Masri in einem neuen Licht erscheinen.


Abmoderation Fritz Frey:


Noch einmal: Es geht nicht darum die Verschleppung von Khaled El-Masri in irgendeiner Weise zu rechtfertigen, aber zur ganzen Geschichte gehört auch die Frage, was der Mann in Deutschland gemacht hat, bevor er gekidnappt wurde.