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SENDETERMIN Mo, 14.8.2006 | 21:45 Uhr | Das Erste

Kriegsverbrechen im Libanon? Die schwierige Suche nach der Wahrheit

Ein ganz anderes Thema – der Krieg im Libanon. Die gute Nachricht des heutigen Tages: Die Waffen schweigen. Damit ist aber der Konflikt freilich nicht gelöst. Ein Konflikt, dessen Kampfzone ausgeweitet ist bis in unsere Wohnzimmer.

Ein Beispiel: Vor knapp einem Monat starben bei einem israelischen Raketenangriff acht Menschen. Ihre Leichen waren rätselhaft schwarz gefärbt, und ein Arzt klagte an, die israelische Armee habe Chemiewaffen eingesetzt.

Selbstverständlich wurde ausgiebig über den Fall und den Vorwurf berichtet. Und ebenso selbstverständlich formen solche Berichte, was wir über diesen Krieg denken.

Thomas Reutter wollte es ganz genau wissen. Was ist wirklich dran am Vorwurf, Israel habe bei diesem Raketenangriff Chemiewaffen eingesetzt.

Bericht:

Die Brücke im südlibanesischen Rmeile nach einem israelischen Luftangriff. Eine Rakete ist eingeschlagen. Mindestens acht Zivilisten starben. Unter den Toten: zwei Frauen und drei Kinder. Die Nachrichtenagentur AFP meldet: Es handelt sich um zwei Familien, die vor den israelischen Angriffen im Südlibanon fliehen wollten. Das Rote Kreuz bringt die Toten in die umliegenden Krankenhäuser. Acht Leichen werden in das Bachir Cham Hospital in Sidon eingeliefert.

Alle Körper sind tiefschwarz, obwohl sie nicht verbrannt sind. Auch die Haare – unversehrt. Für Chefarzt Professor Bachir Cham ein Rätsel. Nach seinen Untersuchungen kommt er zu einer politisch brisanten Aussage:

O-Ton, Prof. Bachir Cham, Chefarzt, Saida Hospital:

»Diese Waffen enthalten Gifte, die wir auf einer Reihe von Leichen festgestellt haben, die uns aus Rmeile eingeliefert wurden.«

Seine Aussage macht Schlagzeilen: „Leichen weisen Verletzungen von Chemie-Waffen auf“. Den Beweis dafür, dass Israel über chemische Waffen verfügen könnte, liefert angeblich dieses Foto einer merkwürdig aussehenden Granate. „Ein Artilleriegeschoss, speziell für Gas und Phosphor konstruiert.“

Professor Cham:

Zitat:

»Ich bin sicher, die Israelis verwenden irgendeine toxische Substanz, die vielleicht über die Haut in den Körper dringt. (...)

Wir gehen davon aus, dass das Mädchen und ihre Familie von chemischen Kampfstoffen getötet wurden.«

Viele Journalisten zitieren die Aussagen. Kein Reporter hatte bisher die Möglichkeit, die Vorwürfe wissenschaftlich zu überprüfen.

Chemischer Kampfstoff. Eine grausame, verbotene Waffe. Die irakische Armee setzte Sarin und Senfgas gegen kurdische Dörfer ein. Saddam Hussein steht auch dafür nun vor Gericht. Die israelische Regierung bestreitet, solche Waffen zu verwenden.

Ein Beweis für den Einsatz von C-Waffen gegen libanesische Zivilisten würde ein politisches Erdbeben auslösen. Wir geben deshalb eine unabhängige Untersuchung in Auftrag und bitten um Gewebeproben für eine Analyse in Deutschland.

Die Hilfsorganisation „Medico International“ aus Frankfurt beobachtet und dokumentiert für REPORT MAINZ die Entnahme. Aus jeder der acht Leichen werden Haut und Muskelgewebe entnommen. Wenn es ein Kriegsverbrechen mit Chemiewaffen war, müsste sich das jetzt nachweisen lassen.

Die versiegelten Proben übergibt Professor Bachir Cham den Medico-International-Mitarbeitern Sabine Eckart und Martin Glasenapp. Während die beiden die Proben nach Deutschland bringen, geht REPORT MAINZ der zweiten Spur nach: Dem Foto von der Waffe, mit der die Kampfstoffe verschossen worden sein sollen.

Der Rüstungsexperte Otfried Nassauer zeigt uns das System in einem Fachbuch. Es ist ein Geschoss zum Zerstören von Minen.

O-Ton, Otfried Nassauer, Rüstungsexperte:

»Selbst wenn das Gerät technisch geeignet wäre, um damit auch Giftgas zu verschießen, die Reichweite beträgt 65 Meter. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass irgendjemand auf den Gedanken kommt, damit Giftgas zu verschießen, weil man doch die eigenen Soldaten damit gefährden würde.«

Ein Geschoss zur Minenbeseitigung also. Als Beweis für die Existenz oder gar den Einsatz israelischer Chemiewaffen taugt dieses Foto jedenfalls nicht.

Inzwischen wird das Team von Medico International von Beirut nach Zypern ausgeschifft. Flüge gibt es nicht mehr, und die Straßen aus dem Libanon heraus sind zerstört und werden beschossen.

Aus Larnaka in Zypern kommen Sabine Eckart und Martin Glasenapp wohlbehalten in Frankfurt an.

Frage: Wo haben Sie denn jetzt die Proben?

O-Ton:

»Hier.«

O-Ton:

»Und hier.«

Frage: Und können Sie denn jetzt garantieren, dass da nichts drangekommen ist in der Zwischenzeit?

O-Ton:

»Ja.«

O-Ton, Sabine Eckart, Medico International:

»Wir hatten es permanent bei uns. Wir haben es versiegelt, so gut wie’s möglich war dort vor Ort, mit Aufklebern, und haben dann noch mal Folie drumgemacht.«

Im Auftrag von REPORT MAINZ analysiert das Institut für Forensische Medizin an der Goethe-Universität in Frankfurt die Proben. Der Direktor persönlich nimmt die Kühlbox entgegen und protokolliert penibel den Zustand der Proben. Alles hat den Transport gut überstanden. Die Hautstücke werden vorbereitet für die feingewebliche Untersuchung.

Jetzt wird sich herausstellen, ob Israel in Sidon verbotene Chemiewaffen eingesetzt hat. Unter dem Mikroskop stellt Professor Bratzke fest: Die Haut ist unversehrt: Keine Verätzung. Keine Verbrennung. Keine Verletzung.

Frage: Gibt es denn aus Ihrer Sicht irgendetwas Auffälliges, irgendeinen Hinweis, dass hier ein Kampfgas, eine chemische Waffe eingesetzt wurde?

O-Ton, Prof. Hansjürgen Bratzke, Institut für Forensische Medizin, Universität Frankfurt/Main:

»Nein, für mich gibt es keine Hinweise. Weil wenn die Gase über die Haut aufgenommen werden, müsste die Haut auch Veränderungen zeigen, die wir hier sehen. Jedenfalls müsste das für die Gase zutreffen, die wir aus der jüngeren und auch früheren Vergangenheit kennen.«

Doch solche Veränderungen wurden hier nicht festgestellt. Was aber ist mit der rätselhaften schwarzen Verfärbung der Haut? Laut Professor Bratzke handelt es sich schlicht um Ruß.

Frage: Kann denn diese schwarze Substanz die Todesursache sein für die Opfer?

O-Ton, Prof. Hansjürgen Bratzke, Institut für Forensische Medizin, Universität Frankfurt/Main:

»Ich halte das für ausgeschlossen, dass allein wenn ein solcher Rußfilm auf die Haut kommt, die Menschen daran sterben.«

Wir wollen noch eine zweite Meinung hören und zeigen Jan van Aken einem Experten für Bio- und Chemiewaffen die Aufnahmen der schwarzen Leichen. Was hat den Tod verursacht?

Frage: Es müsste ja etwas sein, was irgendwie schwarz sich ablagert auf der Haut drauf?..

O-Ton, Jan van Aken, Experte für Bio- und Chemiewaffen:

»Nein gar nichts. Nein, nein. Das können Sie... Also eine Chemiewaffe, die mir bekannt wäre, die sich schwarz auf der Haut ablagert, gibt es gar nicht.«

Frage: Oder eine B-Waffe, biologische Waffe?

O-Ton, Jan van Aken, Experte für Bio- und Chemiewaffen:

»Nein, gar nicht. Biologische Waffe sowieso nicht. Also biologische Waffe funktioniert darüber, dass Sie Bakterien oder Viren in kleinsten Mengen in den Körper kriegen und dann irgendwann krank werden. Also in der Regel, wenn eine Biowaffe einigermaßen vernünftig eingesetzt wird, sehen Sie und riechen Sie gar nichts.«

Woran die Opfer des Luftangriffs gestorben sind, lässt sich nicht mehr klären. Inzwischen sind sie beerdigt, eine Obduktion hat es nie gegeben. Doch dass sie an Chemiewaffen gestorben sind, wie die Schlagzeilen sagen, das ist nach unseren Recherchen widerlegt.

Abmoderation Fritz Frey:

Nein, dieser Beitrag soll nicht die Angriffe auf Zivilisten rechtfertigen. Als wir mit den Recherchen begonnen haben, wussten wir nicht, zu welchem Ergebnis sie uns führen. Wir wollten lediglich dieser einen Frage – Chemiewaffen, ja oder nein? – auf den Grund gehen.

aus der Sendung vom

Mo, 14.8.2006 | 21:45 Uhr

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