SENDETERMIN Mo, 3.7.2006 | 21.45 Uhr

Wie Missstände vertuscht werden

Gefährliche Altenpflege

Unsere nächste Geschichte macht wütend. Aus zwei Gründen: Zum einen berichtet sie von menschenunwürdigen Zuständen in der Altenpflege, zum anderen wird von einer Frau erzählt, die sich als Pflegerin genau dagegen gewehrt hat. Gegen skandalöse Missstände bei der Betreuung alter Menschen. Wurde sie dafür belohnt? Hat sie einen Preis für Zivilcourage erhalten? Nein, man hat sie gefeuert.

Gottlob Schober über eine Frau und ihren schweren Kampf gegen Skrupellosigkeit und Ignoranz.


Bericht:


Brigitte Heinisch hat jahrelang als Altenpflegerin gearbeitet in diesem Heim des Berliner Vivantes-Konzerns. Sie galt als gute, engagierte Pflegekraft. Doch dann musste sie zunehmend Missstände beobachten.


O-Ton, Brigitte Heinisch:


»Ich habe erlebt, dass die Bewohner bis zum Mittag in Urin und Kot gelegen haben. Ich habe erlebt, dass die Bewohner, einige Bewohner, ohne richterlichen Beschluss in ihren Betten fixiert wurden. Ich habe erlebt, dass nicht ausreichend Essen und zu trinken gegeben wurde, aufgrund von Personalmangel.«


Trotz großen Engagements, Brigitte Heinisch und ihre Kollegen konnten nicht alle Missstände verhindern. Das Arbeitspensum war einfach nicht zu schaffen.


O-Ton, Brigitte Heinisch:


»Mit der einen Hand wäschst Du, mit der anderen ziehst Du schon die Hose hoch. Leute, die klingeln, 5,6,7 Klingeln auf einmal. Eine satt-sauber Pflege ist da noch nicht einmal gewährleistet, das ist gefährliche Pflege.«


Achtmal schlug sie intern Alarm. Dokumentierte ihre Überlastung. Vergeblich. In ihrer Verzweiflung wandte sich Brigitte Heinisch schließlich an den Medizinischen Dienst der Krankenversicherungen. Sie wollte, dass ihre Vorwürfe von einer unabhängigen Instanz überprüft werden.


Juli 2003. Unangemeldet erscheint der Medizinische Dienst im Vivantes-Pflegeheim in der Teichstrasse. Tatsächlich finden die Kontrolleure gravierende Missstände.


Im Prüfbericht bemängeln sie vor allem die „unzureichende personelle Besetzung“ mit qualifiziertem Personal und „ungenügenden Umgang mit freiheitseinschränkenden Maßnahmen“. So wurde zum Beispiel eine Bewohnerin ohne Genehmigung am Rollstuhl festgebunden. Kritisiert wird außerdem „mangelhafte Grundpflege“ - und vieles mehr. Brigitte Heinisch hatte mit ihren Vorwürfen also weitgehend recht.


Das bestätigt Martina Wilcke-Kros, Pflegeexpertin des Medizinischen Dienstes Berlin-Brandenburg. Mehr noch, sie beschreibt auch mögliche Konsequenzen.


O-Ton, Martina Wilcke-Kros, Medizinischer Dienst Berlin/Brandenburg:


»Die Mängel sind so gravierend, dass wir sie explizit beschrieben haben, sie sind gravierend für die Lebensqualität der Bewohner. Aber sie sind natürlich auch gravierend für die Pflegeeinrichtung, weil sie dokumentieren, dass der Versorgungsvertrag, den die Einrichtung hat mit den Pflegekassenverbänden, auf dem Spiel steht.«


Frage: Das heißt also: Dieses Schreiben ist der letzte Warnschuss vor der Schließung der Einrichtung?


O-Ton, Martina Wilcke-Kros, Medizinischer Dienst Berlin/Brandenburg:


»So ist es.«


An den Zuständen im Heim aber habe sich danach kaum etwas geändert, erzählt Brigitte Heinisch.




O-Ton, Brigitte Heinisch:


»Die gefährliche Pflege wurde weiterbetrieben. Das hatte dann zur Konsequenz, dass ich Vivantes dann wegen Betrugs bei der Berliner Staatsanwaltschaft angezeigt habe. Denn es kann ja nicht sein, dass Vivantes Qualität in höchster Form anbietet und gefährliche Pflege betreibt.«


War also sogar Betrug im Spiel? Hat sich Vivantes an Bewohnern und deren Angehörigen bereichert? Die Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren schnell wieder ein. Brigitte Heinisch wurde fristlos gekündigt. Jetzt war sie isoliert. Die Kolleginnen hatten sogar Angst, mit ihr zu telefonieren.


O-Ton:


»Hallo Brigitte. Ich kann nicht mit Dir sprechen. Auf der Arbeit ist nur Terror und Terror, nur Ärger. Man hat uns als Spitzel bezeichnet. Bitte ruf mich nie wieder an.«

Erneut musste sie sich wehren. Dieses Mal gegen ihre Kündigung. Vor wenigen Monaten dann das Urteil. Das Landesarbeitsgericht Berlin entschied in letzter Instanz gegen sie. Die Kündigung war also rechtens.


Wie kommt so ein Urteil zustande? Das wollten wir von Martin Dreßler wissen, dem Sprecher des Landesarbeitsgerichts. Trotz des eindeutigen Berichtes des Medizinischen Dienstes erklärt er, Brigitte Heinisch habe ihre Loyalitätspflicht gegenüber dem Arbeitgeber verletzt und hätte die Strafanzeige nicht stellen dürfen.



O-Ton, Martin Dreßler, Landesarbeitsgericht Berlin:


»Aus dem sonstigen Inhalt der Verhandlung hat das Gericht den Schluss gezogen, dass diese Anzeige leichtfertig, ins Blaue hinein gestellt wurde.«


Frage: Wie ist das zu belegen? Leichtfertig, ins Blaue hinein, haben Sie gesagt. Aber die Missstände waren da, die sie immer bemängelt hat und auf dieser Basis hat Sie die Strafanzeige gestellt!


O-Ton, Martin Dreßler, Landesarbeitsgericht Berlin:


»Ob die Missstände da waren oder nicht, hat das Gericht nicht festgestellt.«


Welches Signal geht von so einem Urteil aus? Auf unsere Bitte hin hat sich der Münchener Pflegeexperte, Claus Fussek, intensiv damit beschäftigt.


O-Ton, Claus Fussek, Pflegeexperte:


»Ich gehe davon aus, dass dieser Richter noch nie eine Pflegestation von innen gesehen hat. Sonst könnte man so ein Urteil nicht fällen. Wenn ich davon ausgehe, dass sich in den letzten Jahren Tausende von Pflegekräften sich verzweifelt an uns gewandt haben, um auf die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, auf Personalüberlastungen hinzuweisen. Wenn man diesen Pflegekräften quasi durch so ein Urteil signalisiert, sie würden hier billige Racheakte praktizieren, das ist fatal. Hier wird ein klares Signal gesetzt. Die wirtschaftlichen Interessen eines Heimträgers sind ein höherwertigeres Gut wie menschenwürdige Pflege.«

Und was sagt Vivantes dazu? Ein Interview vor der Kamera lehnt der Konzern ab. Schriftlich behauptet Vivantes im April: „Wenn es Mängel gegeben“ habe, seien „diese schnellstmöglich und nachhaltig abgestellt“ worden.


Im selben Monat aber kontrolliert der Medizinische Dienst zum wiederholten Male die Einrichtung in der Teichstrasse. Uns liegt der 51-seitige Prüfbericht exklusiv vor. Darin werden erneut katastrophale Missstände aufgelistet: Bewohner sind unterernährt. Es bestehe eine konkrete Gefährdung bezüglich der Nahrungs- und Flüssigkeitsversorgung. Insgesamt sei die pflegerische Versorgung teilweise “unangemessen“ und „risikobehaftet“.


Und plötzlich tritt Vivantes auch uns gegenüber anders auf und räumt schriftlich „Optimierungsbedarf“ ein. Doch als wir uns einen Eindruck vor Ort verschaffen wollen, werden wir abgewiesen, wie bisher.


Frage: Dürfen wir denn im Heim drehen bei Ihnen?



O-Ton:


»Bleiben Sie bitte da vorne stehen.«


Frage: Warum dürfen wir nicht drehen?


Welche Auswirkungen hat der Fall Heinisch auf andere Pflegekräfte in Deutschland?


O-Ton, Claus Fussek, Pflegeexperte:


»Es ist zu befürchten, dass die Pflegekräfte zunehmend Angst bekommen und schweigen, wenn sie menschenunwürdige Arbeits- und Lebensbedingungen erleben. Und die Situation in der Pflege wird sich verschärfen.«




Abmoderation Fritz Frey:


Übrigens, heute arbeitet Frau Heinisch wieder in der Altenpflege. Allerdings bei einem neuen Arbeitgeber. Und der ist, so hat er uns erzählt, höchst zufrieden mit seiner engagierten Mitarbeiteri

Stand: 26.05.2006, 23.48 Uhr

aus der Sendung vom

Mo, 3.7.2006 | 21.45 Uhr

Beitrag zum Sehen

Bericht

Autor:Gottlob Schober
Kamera:Andreas Deinert
Schnitt:Zsuzsa Döme,
Inge Maric