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SENDETERMIN Mo, 12.6.2006 | 21:45 Uhr | Das Erste

Millionengrab Wer verdient an den Ein-Euro-Jobs?

Guten Abend zu REPORT MAINZ. Schön, dass Sie zu uns gefunden haben, trotz Fußballweltmeisterschaft. Nicht nur dort gibt es eine zweite Halbzeit, auch in der Politik kennt man das. Nehmen wir Hartz IV.


Mit Engagement gestartet, dann stark nachgelassen. Die Trefferausbeute: mies. Jetzt sitzen die Akteure in der Kabine und grübeln, wie das Spiel noch rumzureißen ist. Gerade hat der neue SPD-Vorsitzende reingerufen: Mit dem Missbrauch müsse Schluss sein.


In der Tat, es gibt ihn, aber auch in einer Form, über die bisher nicht öffentlich debattiert wird. Thomas Dauser, Beate Klein und Jan-Oliver Schütz zeigen, wie bei Ein-Euro-Jobs abgezockt wird. Doch nicht vom so genannten kleinen Mann, nein, weiter oben macht man sich die Taschen voll.

Sportfest an der Realschule im niedersächsischen Lohne. Und damit viel Arbeit für Asmir Mujagic, zum Beispiel Torwand basteln. Seit mehr als zwei Jahren ist der Fernsehtechniker arbeitslos. An der Schule hat er einen Ein-Euro-Job.


O-Ton, Asmir Mujagic, Ein-Euro-Jobber:


»Dieser Job ist nicht schlecht, es ist gut.«

Und dafür zahlt ihm die Arbeitsverwaltung zum Arbeitslosengeld II noch einmal 180 Euro pro Monat dazu.


Ortswechsel. Eine Krabbelgruppe in Frankfurt. Petra Stahlberg unterstützt hier seit einem halben Jahr die Erzieherinnen, macht Essen für die Kinder. Auch sie ist eine Ein-Euro-Jobberin, und freut sich über den Zuverdienst.


O-Ton, Petra Stahlberg, Ein-Euro-Jobberin:


»Bei Hartz IV kommt ja nicht viel zusammen. Das reicht ja hinten und vorne nicht.«


Sie bekommt zu Hartz IV monatlich 150 Euro dazu. Doch was sie nicht weiß, an ihr verdient noch jemand mit. Und zwar 300 Euro zusätzlich, Monat für Monat.


Zwei Ein-Euro-Jobs, doch einer kostet den Steuerzahler fast das dreifache. Wieso? Die 300-Euro-Pauschale pro Monat kassiert bei Petra Stahlberg die GFFB, ein privater Jobvermittler. Chefin Barbara Wagner und ihr Geschäftsmodell: Die GFFB sucht für Arbeitslose Ein-Euro-Jobs im Auftrag der Arbeitsverwaltung.


160 Ein-Euro-Jobber hat die GFFB vermittelt. Die Monatsabrechnung sieht deshalb gut aus. 160 mal die Pauschale macht rund 50.000 Euro allein im April. Gezahlt von der Arbeitsverwaltung. So läuft es in ganz Frankfurt und nicht nur dort.


Beispiel Saarbrücken, hier zahlt die Arbeitsverwaltung monatlich rund 150 Euro an private Vermittler. In Hamburg kassieren private Träger pro Ein-Euro-Job im Schnitt 440 Euro im Monat. Bundesweit flossen im vergangenen Jahr rund 550 Millionen Euro für solche Pauschalen.


Ein vertraulicher Bericht des Bundesrechnungshofes geht dieser Sache erstmals auf den Grund. Die Prüfer kritisieren, die Arbeitsverwaltungen gaben...


Zitat:


»... in der Mehrzahl der geprüften Fälle einen pauschalen Zuschuss (...), unterließen es aber, die Notwendigkeit der Kosten dem Grunde und der Höhe nach zu prüfen.«


Also, es wird kaum kontrolliert und es gibt Geldverschwendung im großen Stil. Wir fragen nach in Frankfurt bei der Chefin der GFFB.


Frage: Wo entstehen bei den weitervermittelten Ein-Euro-Jobbern Kosten, die 300 Euro pro Monat rechtfertigen?


O-Ton, Barbara Wagner, Geschäftsführerin GFFB:


»Ja, es ist so, dass wir ja eine kontinuierliche Beratungsarbeit auch durchführen. Also wenn Sie, unsere Koordinatorinnen mal fragen, die sind also permanent, im Grunde genommen, damit beschäftigt, auch mit den Organisationen in Kontakt zu stehen, ja.«


Permanente Betreuung? Am Anfang hatte Petra Stahlberg ein Vermittlungsgespräch bei der GFFB. Und jetzt arbeitet sie schon seit sieben Monaten im Kindergarten.


Frage: Wie oft waren Sie seitdem noch bei der GFFB?


O-Ton, Petra Stahlberg, Ein-Euro-Jobberin:


»Gar nicht mehr.«


Frage: Also in den sieben Monaten gab es keine Gespräche mit der GFFB?


O-Ton, Steffi Diemar, Kindergartenleiterin:


»Nein, so nicht.«


Trotzdem hat die GFFB inzwischen sieben Monate lang jeweils rund 300 Euro für Petra Stahlberg bekommen.


O-Ton, Bernhard Jirku, Gewerkschaft ver.di:


»Also 300 Euro einfach für die Weitervermittlung, ohne Qualifizierungsanteile, einfach nur für die Übernahme und für die Weiterleitung einer Person, das ist lukrativ. Sehr lukrativ für den Träger, der diese Aufgabe übernimmt.«


Für die Gewerkschaft ver.di beobachtet von Anfang an Bernhard Jirku die Ein-Euro-Jobs. Er kritisiert die Geschäftemacherei der privaten Vermittler.


O-Ton, Bernhard Jirku, Gewerkschaft ver.di:


»In der Tat ein Massengeschäft. Man kann von einer Ein-Euro-Job-Industrie sprechen.«


Dabei könnte es doch überall so laufen wie bei Asmir Mujagic. Den Ein-Euro-Job hat er von der Arbeitsverwaltung direkt vermittelt bekommen. Seine Fallmanagerin fragt bei ihm ständig nach. Von privaten Vermittlern will man hier nichts wissen.


Die Behörde glaubt die Arbeit selber besser und billiger machen zu können. Warum versickern dann andernorts Millionen? Nachfrage beim Bundesarbeitsministerium. Das macht es sich leicht. Die Kosten für die Ein-Euro-Jobs würden ausschließlich vor Ort ausgehandelt und kontrolliert.


Aber genau hier scheint das System zu versagen. In Frankfurt hat das zuständige Jobcenter das Geschäft der privaten Vermittler offenbar einfach laufen lassen. Erst jetzt, durch die Recherchen von REPORT MAINZ, erste Eingeständnisse.


Frage: So ein Fall, wo monatelang kein Kontakt herrscht?


O-Ton, Robert Standhaft, Geschäftsführer Rhein-Main Jobcenter:


»Da gehen wir hinterher und kürzen die Pauschale.«


Frage: Da würden sie sagen, da wird Geld verschwendet?


O-Ton, Robert Standhaft, Geschäftsführer Rhein-Main Jobcenter:


»Da werden wir auch kürzen. Also wir werden das Geld auch wieder reinholen, weil wir sagen, wenn das nicht richtig gelaufen ist, wie es auch verabredet oder vertragliche Grundlage ist, steigen wir ein und wollen das Geld zurückhaben.«


Petra Stahlberg muss ständig damit rechnen, kontrolliert zu werden. Private Vermittler, die mit ihr als Ein-Euro-Jobberin Geld verdienen, offenbar nicht.


O-Ton, Petra Stahlberg, Ein-Euro-Jobberin:


»Ja, fair finde ich das ja nicht gerade. Einer wurschtelt sich hier für ein Euro fünfzig die Stunde den Hintern ab, und die kassieren viel mehr. Das ist doch nicht fair. Oder?«

Sendung vom

Mo, 12.6.2006 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:Thomas Dauser
Beate Klein
Red. Mitarbeit:Jan-Oliver Schütz
Kamera:Ole Jürgens
Matthias Sauter
Klaus Tomaschewski
Schnitt:Holger Höbermann