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29.05.2012
21.45 Uhr, DasErste

REPORT MAINZ vom 17.04.2012

REPORT MAINZ,  17.4.2012 | 27:17 min

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Alt & Frey

Zwei Generationen Magazin-Journalismus

Franz Alt und Fritz Frey im Gespräch mit Uwe Kammann, dem Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts.

KAMMANN:

Gruppenbild: Alt, Frey, Kammann

Herr Alt, beneiden Sie Herrn Frey, weil er nicht mehr jenem Polit- und Proporzdruck ausgesetzt ist, der früher gang und gäbe war?

ALT:
Ich bezweifle, dass es das nicht mehr gibt. Politische Redakteure, auf welche kein Druck ausgeübt wird, müssen sich fragen, was sie falsch machen. Denn bei einem Magazin sind immer politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche Interessen im Spiel.

KAMMANN:
Herr Frey, wie sehen Sie das?

FREY:
Es ist heute schon anders als damals. Es wird fairer, sachlich argumentierender, aber auch harter Journalismus erwartet. Die Politik selbst ist uns gegenüber entspannter, was aber auch heißt: abgebrühter. Wenn das Echo auf einen Beitrag nicht unbedingt eine Reaktion erzwingt, haben Politiker heute ein dickeres Fell. Stark zugenommen hat aber der Druck von wirtschaftlicher Seite. Auf dieses Feld begeben wir uns ganz bewusst, weil die öffentlich-rechtlichen Sender nicht von Werbung abhängig sind wie die Zeitungen oder privaten Sender. Diese Freiräume wollen wie bei REPORT konsequent nutzen.

KAMMANN:
Sie hatten, Herr Alt, eine Reihe von schweren Konflikten im Sender durchzustehen, bis zum Moderationsverbot. Haben Sie sich unantastbar gefühlt, weil Sie zu einer Art Ikone geworden waren und die Bildschirm-Prominenz Sie schützte?

ALT:
So selbstsicher war ich nie. Auch wenn 1500 Journalisten sich solidarisch erklärten, war mir immer klar, wie die Machtverhältnisse sind. Aber als Journalist steht man öfter vor der Entscheidung: Karriere oder Wahrheit.

KAMMANN:
Doch der herausgehobenen Position waren Sie sich schon bewusst?

ALT:
Klar, das wusste ich. Auch, wie man Öffentlichkeit mobilisiert. Wenn 50- bis 60.000 Menschen protestieren, die für REPORT in der bestehenden Form eintreten, ist das natürlich eine große Hilfe.

KAMMANN:
Als jetzt die politischen Magazine der ARD gekürzt und nach hinten verschoben wurden, gab es wenig öffentliche Kritik oder Widerstand. Hat Sie das gewundert oder geschmerzt, Herr Frey?

FREY:

 Alt, Frey

Verwundert hat es mich nicht, vielleicht bin ich auch schmerz unempfindlich. Es war das Ergebnis einer harten konzerninternen Diskussion. Wobei es nicht um die Bevorzugung von Trallala ging, sondern um die stringent begründete Vorverlegung der „Tagesthemen“. SWR und WDR haben ein Modell vorgeschlagen, bei dem die Montags- und Donnerstagstermine der Magazine formal deutlicher getrennt worden wären: mit einem Stundenformat am Montag, mit geringerer Schlagzahl, und einem Halbstundenformat am Donnerstag, mit hoher Schlagzahl und deutlich höherer Aktualität. Doch dafür fehlte der ARD der Mut.

KAMMANN:
Und die radikale Alternative, mit einem gemeinsamen ARD-Magazin als Antwort auf das zentrale „frontal 21“ beim ZDF?

FREY:
Das ZDF liegt in der zugesprochenen Magazin-Kompetenz durch die Zuschauer mit seinem Zentralmagazin nicht vorne. Die Imageumfragen bestätigen vielmehr das föderale ARD-Modell. Das auf den ersten Blick unübersichtliche Feld von sechs Magazinen schreckt die Zuschauer nicht ab. Es gehört zum Mehrwert, unterschiedliche Blickwinkel zu haben.

FRANZ ALT:
20 Jahre lang, zwischen 1972 und 1992, prägte er REPORT Baden-Baden. Sein Moderationsstil war zupackend, oft polarisierend, ebenso seine Themensetzung. Unvergessen die Bilder, wie die "Cap Anamur" geflüchtete Vietnamesen auf offener See vor dem sicheren Tod rettet. REPORT stieß damit die Debatte um politisches Asyl an. Nicht nur hier griff Franz Alt mit der ihm eigenen moralischen Entschiedenheit in die politische Debatte ein, auch bei den Diskussionen um Atomkraft oder die Nato-Nachrüstung. Legendär auch die Live-Bilder von den Leipziger Montagsdemos 1989. Als Frontmann von REPORT war Franz Alt umstritten - für viele hatte er Kultstatus, andere warfen ihm Kampagnen-Journalismus im Stile eines Glaubenskriegers vor. Seine Religiosität, sein humanitäres Engagement und seine visionären Zukunftsentwürfe faszinieren bis heute zahllose Menschen.

ALT:
Die föderale Struktur der ARD ist ein Schatz, den man pflegen und nicht aufgeben sollte. Insofern bin auch ich gegen ein Einheitsmagazin. Mit der Zeitverkürzung allerdings hat die ARD ein Stück Identität aufgegeben. Damit beschädigt sie sich selbst. Die Magazine müssen hintergründiger und umfänglicher sein als die Tagesthemen.

KAMMANN:
Warum dann so wenig öffentliche Kritik? Werden Magazine wie Wasser aus dem Hahn gesehen – so nützlich wie gewöhnlich?

ALT:
Gegenüber der Fernsehzeit vor 25 Jahren hat sich einiges verflacht. Bei 30 Kanälen können die Magazine gar nicht mehr den Stellenwert haben wie damals, als es aufregend war, wenn einer den Mächtigen klar seine Meinung gesagt hat.

KAMMANN:
Damals – das war auch eine Zeit der Haudegen, der prägenden Köpfe. Sie haben 20 Jahre die Redaktion geleitet und die Ergebnisse am Schirm präsentiert. Das wurde als Einheit verstanden, teilte sich mit als Sendungsbewusstsein, bis zum Missionarischen. Allerdings gab es auch massive Kritik am Ideologie-Kampf als Ideologie-Krampf.

ALT:

Alt Kammann

Das ist anders geworden, aber die Sache wird sich reideologisieren, wenn man darunter Botschaft oder Mission versteht. Ich habe nichts gegen eine gute Mission. Ein Meinungsmagazin will und soll per Definition deutlich Meinung transportieren, es muss Ärgernis schaffen. Vielleicht ist der Erregungswert der Magazine auch deshalb heute geringer, weil vieles oberflächlicher geworden ist. Ich wünschte mir mehr Tiefgang, auch über die Länge der Beiträge. Fünf, sechs, das ist einfach zu viel. Jetzt, bei 30 Minuten, ließe sich aus der Zeitnot eine Tugend machen. Zwei hintergründige 15-Minüter können durchaus attraktiv sein.

KAMMANN:
Ist Re-Ideologisierung wirklich die Zukunft? Und wie steht es mit den Formaten innerhalb der Magazine? Mehr Konzentration? Oder kürzere Einzelstücke, mehr Vielfalt über die Zahl?

FREY:
Re-Ideologisierung heute? Das sehe ich nicht. Wir sind Suchende, mehr noch als vor zwei, drei Jahren. Was Zeit und Form betrifft, so haben sich die Sehgewohnheiten geändert. Der „Spiegel“ von heute sieht auch anders aus als vor 20 Jahren. Wir müssen uns weiterentwickeln. Im Zuge der Kürzungsdiskussion haben wir unsere älteren Beiträge kritisch unter die Lupe genommen. Und übereinstimmend festgestellt, dass nicht immer neun Minuten notwendig waren, um die Kernbotschaft zu vermitteln. Als einfacher Leitsatz gilt: Der Inhalt bestimmt die Länge. Wenn fünf, sechs Minuten nicht reichen, nehmen wir uns weiterhin die neun Minuten. Zum Repertoire gehört jetzt auch eine kleine Standardglosse, damit wir noch ein Thema mit ungewöhnlichem Blick behandeln können. Die Zuschauer finden das gut.

KAMMANN:
Wie haben Sie, Herr Alt, Ihre Themen zusammengestellt? Waren Ihre Nase, Ihr Gewissen bestimmend, als es um Schwerpunkte wie Ökologie, Atomkraft, Friedensbewegung ging? Oder waren es Redaktionsprozesse, bei denen Ihnen einiges gar nicht so lieb war?

ALT:

Gruppenbild: Alt, Frey, Kammann

Das kam auch vor. Eine Redaktion ist ja nicht einfach die Meinung des Chefs mal fünf. Aber ich habe mich immer dagegen gewehrt, Kollegen von oben aufgedrückt zu bekommen. Zu den Beiträgen, die mir nicht geschmeckt haben, gehörten solche mit positiver Haltung zur Atomenergie.

KAMMANN:
Es gibt scharfe Kritik an den Magazinen, nach der Kurzformel: Es dominiere dauernder Alarmismus, der vom Publikum nur mit Gleichgültigkeit beantwortet werden könne.

FREY:
Ein Kollege vom Fernsehspiel hat uns gesagt, unsere journalistische Arbeit sei erstklassig, doch nach der Sendung habe er das Gefühl, fünf Mal die Wand hochgejagt worden zu sein, um am Ende nicht zu wissen, ob er den Strick oder die Pistole nehmen solle. Das muss man ernst nehmen. Unser Credo: Die Erregung des Zuschauers muss sich vom Sachverhalt herleiten, nicht von der Machart. Das darf aber nicht dazu führen, mal was Skandalöses und dann etwas Betrachtendes zu einem leichter verdaulichen Gesamtmenü zu mischen. Davon gibt es im ARD-Programm bereits genug. Der Zuschauer soll wissen: Wenn wir den Finger in die Wunde legen, dann ist da was dran.

KAMMANN:
In nicht wenigen Beiträgen ist Stimmungsmache zu entdecken, durch einschlägige Mittel wie Zeitlupe, dräuende Musik, zuspitzende Montagen, stereotype Bilder.

FRITZ FREY:
Seit 1996 prägt Fritz Frey die Sendung, zunächst als Chef vom Dienst, dann als Leiter und seit 2003 als Moderator. Freys vergleichsweise nüchterner Stil geht einher mit einem breiten Themenspektrum und politischer Unberechenbarkeit. Unter Freys Ägide hat sich REPORT MAINZ vom eher meinungsorientierten Magazin zu einem investigativen Magazin weiterentwickelt, das sich nicht zuletzt als Anwalt des so genannten kleinen Mannes versteht. Glasharte Recherchen als Basis für aufwühlende Geschichten, das ist ganz nach Freys Geschmack. Die besondere journalistische Herausforderung des Magazins sieht Frey vor allem in der unbestechlichen Klarheit, mit der komplizierte Zusammenhänge so auf den Punkt gebracht werden, dass sie dem Zuschauen neue, ihn unmittelbar betreffende Hintergrundinformationen vermitteln.

FREY:
Es ist verlockend, durch bestimmte Mittel Effekte zu verstärken. Doch muss man diese Mittel sehr kritisch diskutieren. Negative Urteile waren teilweise durchaus berechtigt.

ALT:
Ich sehe da durchaus auch Auswüchse. Wir waren in dieser Hinsicht viel zurückhaltender.

FREY:
Es gibt allerdings eine Bewegung zurück, zu mehr Nüchternheit und Sachlichkeit. Der Zuschauer soll sich auf der Basis der vorgelegten Rechercheergebnisse sein eigenes Urteil bilden.

ALT:
Klar ist aber auch: Bei vielen Themen müssen die Journalisten Alarm schlagen, sonst würden sie ihrer Aufgabe nicht gerecht. Allerdings sind die Grenzen zwischen Alarm und Alarmismus fließend. Vieles würde gar nicht passieren, wenn nicht vorher die Grenze überschritten und kräftig Alarm geschlagen worden wäre.

KAMMANN:
Zu den ökologischen Grundtugenden gehört die Nachhaltigkeit, das Hinausgehen über den Ersteffekt. Wie steht es damit bei REPORT?

FREY:

Fritz Frey

Dies wird immer wichtiger. Im Vergleich zu früher sind wir besser dran, weil wir über mehr Möglichkeiten bei den Ausspielwegen verfügen. Wir haben nicht nur die Rubrik „nachgefragt“, sondern auch das für die Nachhaltigkeit enorm wichtige Instrument des Internets. Außerdem prüfen wir, ob die REPORT-Recherchen auch längere Filme tragen, 30 oder 45 Minuten. Da sind die zahlreichen Programme von Vorteil. Den früheren Effekt gibt es schließlich nicht mehr: einmal ausgestrahlt, und die Republik wusste davon.

ALT:
Auch wir haben damals schon Sondersendungen gemacht, manchmal eine ganze Stunde zwischen 23 und 24 Uhr.

KAMMANN:
Nimmt das Publikum diese Möglichkeiten ausreichend wahr?

FREY:
Schwer zu sagen. Auf jeden Fall müssen wir viel intensiver weiterdenken, beispielsweise in Richtung eines Formats, das auch jugendliche Zuschauer erreicht. Hier ist ernsthaft über das Internet nachzudenken. Dort etablieren sich Formate, die durchaus den Politikmagazinen vergleichbar sind und bei Jugendlichen einen Kultstatus bekommen. Dieses Feld dürfen wir nicht anderen überlassen.

KAMMANN:
Im Netz steht viel, ohne dass Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit zu prüfen sind: eine Vielfaltschance oder doch eine große Gefahr, weil Seriosität nachlässt?

FREY:

Franz Alt

Für uns ist das eine Chance. Es ändert allerdings auch das Anforderungsprofil. Wir müssen prüfen, was hinter den vielen Informationen an speziellen Interessen steckt. Hier müssen wir Navigator im Meer der Informationen sein. Das öffentlichrechtliche System ist dafür besser geeignet als andere Organisationen.

ALT:
Die Diktatoren und Schurken dieser Welt haben es nicht mehr so leicht, Informationsmonopole aufzubauen, seit und weil es das Internet gibt. Das ist eine riesige Chance für mehr Freiheit.

KAMMANN:
Juckt es Sie heute manchmal, als Moderator mit Meinung und Temperament wieder auf dem Schirm zu erscheinen?

ALT:
Nein, weil es mir viel Freude macht, jetzt international auf treten und wirken zu können. Es juckt mich allerdings gelegentlich, einen Filmbeitrag zu machen. Was auch möglich ist.

KAMMANN:
Wenn Sie die Magazine sehen: Was vermissen Sie am meisten?

ALT:
Wir müssten, auch im Eigeninteresse, mehr auf die Dinge der Welt schauen. Ein globalerer Blick würde manches Wehwehchen hier relativieren. Deutschland ist heute Oberjammergau, weil wir Journalisten die entsprechenden Vorgaben liefern. Wir müssen mehr Positives zeigen. Ich würde kein Magazin mehr moderieren wollen, in dem nur Skandale vorkommen. Wir sind zu gegenwartsversessen und zukunftsvergessen. Das ist eine der Hauptkrankheiten des Journalismus.

KAMMANN:
Herr Frey, wo bleibt das Positive?

FREY:
Alle Magazine haben sich von Versuchen, ganz bewusst auch das Positive zu zeigen, verabschiedet. Die Zuschauer wollen von uns die knallharte Information. Wobei zu unserem festen Repertoire der internationale Vergleich gehört: Wie gehen andere mit den Problemen um? Doch würden wir unseren Auftrag überdehnen, wenn wir in den innenpolitischen Magazinen die großen, weltumspannenden Perspektiven aufgreifen würden.

KAMMANN:
Wohin trabt denn der schlaue REPORT-Fuchs? Will er in den Hühnerstall, oder bewährt er sich auf freier Wildbahn?

FREY:

Gruppenbild: Alt, Frey, Kammann

Er muss dahin traben, wo es wehtut. Daran halten wir fest. Wir sind Suchende, und das müssen wir angesichts der Problem- und Gemengelage auch bleiben.

ALT:
Das Suchen ist das allerwichtigste. Damit werden wir immer attraktiv bleiben für alle, die aktiv sind und etwas gestalten wollen.

Letzte Änderung am: 17.04.2006, 12.46 Uhr

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