SENDETERMIN Mo, 15.5.2006 | 21.44 Uhr

Exklusive Einblicke in Bagdads Folterknast Abu Ghreib

40 Jahre REPORT - Das neue Jahrtausend

Auch das haben wir in 40 Jahren REPORT MAINZ gelernt. Bilder, Fotos müssen immer im historischen Zusammenhang gesehen werden. Was bedeutet es zum Beispiel, eine Pyramide nackter Menschenkörper zu sehen. Ist das ein letztes verzweifeltes Aufbäumen auf Sylt vor Einführung der Reichensteuer? Oder sind es aktuelle Folterfotos aus Abu Ghraib?

In solchen irritierenden Zeiten ist man dankbar, dass es Menschen gibt, die ohne Rücksicht auf die eigene Existenz Vorgänge schildern, die wir auch in unseren finstersten Phantasien lieber nicht zu denken wagen. Ein Bericht von Thomas Reutter.

Samuel Provance. Einst hoch dekorierter Sergeant des US-Militär Geheimdienstes. Heute steht er vor dem Nichts. Kein Tag vergeht, an dem er nicht an seine Erlebnisse im irakischen Gefängnis Abu Ghraib zurückdenkt. Rückblende:

O-Ton, REPORT MAINZ 05.07.2004:

»REPORT ist dabei auf einen ganz unglaublichen Verdacht gestoßen.«

Erstmals packt ein Kronzeuge über Kindesmisshandlungen in Abu Ghraib aus.

O-Ton:

»Er erzählte uns von einem 16-Jährigen Jungen, den er selbst abführen musste.«

O-Ton, Samuel Provance, US-Militär-Geheimdienst:

»Er war voller Angst, sehr alleine. Die Verhörspezialisten haben ihn mit Wasser übergossen und in einen Wagen gesteckt. Danach haben sie ihn mit Schlamm beschmiert und zeigten ihm seinen ebenfalls gefangenen Vater. Nachdem der Vater dann seinen Sohn in diesem Zustand gesehen hatte, brach ihm das Herz.«

O-Ton:

»Das ARD-Magazin REPORT MAINZ berichtete….«

Fernsehsender und Zeitungen aus aller Welt greifen die Recherchen auf. Das Thema bestimmt tagelang die Schlagzeilen. Doch der Mut von Provance wird hart abgestraft. Degradierung, Beförderungsstop, er ist völlig isoliert.

O-Ton, Samuel Provance, US-Militär-Geheimdienst:

»Ich bekam schwere Depressionen, durchlitt eine Zeit völliger Dunkelheit. Ich konnte nicht mehr schlafen, nichts mehr essen, meine ganze Gesundheit litt darunter.«

Im Februar muss Provance wegen seines Interviews vor Abgeordneten des US-Kongresses Rede und Antwort stehen. Provance wiederholt, was er erlebt hat. Er nimmt nichts davon zurück.

O-Ton, Samuel Provance, US-Militär-Geheimdienst:

»Ich war natürlich sehr nervös, aber es hat mich ermutigt, dass mich sowohl Abgeordnete der Republikaner wie der Demokraten unterstützten.«

Mittlerweile räumen die USA auch öffentlich ein, Kinder im Irak inhaftiert zu haben. Laut amnesty international sind es etwa 200. Berichte über Misshandlungen sind seither weniger geworden. Hoffnungsschimmer.

O-Ton, Barbara Lochbihler, amnesty international:

»Wir brauchen diese Öffentlichkeit, wir brauchen engagierte Journalisten, die Druck ausüben auf die Politiker.«





Samuel Provance wird die Armee zum Jahresende verlassen. Trotz aller persönlichen Rückschläge, er bereut nicht, die Missstände öffentlich gemacht zu haben.

Stand: 07.05.2006, 03.16 Uhr

aus der Sendung vom

Mo, 15.5.2006 | 21.44 Uhr