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SENDETERMIN Mo, 8.6.2009 | 21:45 Uhr | Das Erste

Märtyrer wider Willen Wie Neonazis Gewaltopfer für ihre Zwecke einspannen

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Ein Kind zu verlieren, das ist wohl der schlimmste Alptraum aller Eltern. Widerfahren ist dieser Alptraum Familie Plum. Die Plums leben in Stolberg bei Aachen. Und ihnen und der Stadt Stolberg wird nun auf eine so üble Weise mitgespielt, wie ich es mir bislang nicht habe vorstellen können.

Worum geht es? Der Sohn der Plums wird erstochen, von einem Täter ausländischer Herkunft. Und genau diese Herkunft wird von der NPD instrumentalisiert und Kevin Plum kurzerhand zu einem der ihren gemacht. Und genau da, berichtet Monika Anthes, beginnt der zweite Alptraum der Familie Plum.


Bericht:

O-Ton, Ludwig Plum:

»Kevin war ziemlich zielstrebig, er hatte einen sehr großen Freundeskreis. Er war jetzt 19, hatte seinen Führerschein, Ausbildung alles schon hinter sich. Er hatte schon ganz genau seine Vorstellungen vom Leben.«



So haben Susanne und Ludwig Plum ihren Sohn Kevin in Erinnerung. Bis zum Abend des vierten April 2008.

Kevin ist mit Freunden im nahegelegenen Stolberg unterwegs. An dieser Kreuzung lauert ihnen eine Gruppe Jugendlicher auf. Sie wollen Streit. Ein 18-jähriger Libanese zieht ein Messer, sticht viermal zu. Kevin stirbt noch in der Nacht.

Hintergrund der Auseinandersetzung war der Streit um ein Mädchen. Bereits wenige Stunden nach der Tat demonstrieren NPD und andere rechtsextreme Gruppen lautstark.


O-Ton:

»Deutschland den Deutschen, wir sind das Volk!«


Rasend schnell verbreitet die NPD im Internet die Legende: Ein Kamerad sei von vier Türken getötet worden. Für die Neonazis steht fest: Kevin war einer von ihnen und er musste sterben, „weil er Deutscher war“.

Kevins Eltern sind geschockt über diese Behauptungen, hängen ein Plakat am Tatort auf. Darauf Fotos von Kevin mit zahlreichen ausländischen Freunden. Kevin war kein Rassist und einen politischen Hintergrund für die Tat gibt es auch nicht. Das bestätigt uns die Polizei:


O-Ton, Klaus Oelze, Polizeipräsident Aachen:

»Er ist nach unseren Ermittlungen und nach der Feststellung des Gerichtes kein Mitglied der NPD gewesen, er ist auch nicht von einer Versammlung der NPD gekommen. Sein Tod wird hemmungslos ausgenutzt, um einen eigenen Märtyrer zu schaffen.«


Mehrmals marschieren im April 2008 verschiedene rechte Gruppen in Stolberg auf. Freie Kameradschaften, Autonome Nationalisten und die NPD mit ihrem Parteivorsitzenden Udo Voigt.


O-Ton:

»Kameradinnen und Kameraden!«


Dabei geht vor allem um eine Aussage: Ausländer raus.


O-Ton, Susanne Plum:

»Man ist wütend. Teilweise weiß man gar nicht, auf wen man mehr wütend ist. Auf jemanden, der dein Kind umbringt, oder auf jemanden, der Lügen verbreitet. Immer wieder dagegen ankämpfen zu müssen, dass die so über unseren Sohn reden.«



O-Ton, Ludwig Plum:

»Sie haben Kevin, uns und auch seinen ganzen Freunden und Verwandtschaft die Würde und alles genommen.«


Noch heute verbreiten Neonazis im Internet massenhaft die Legende vom „Kameraden Kevin P“.

Nicht nur im Videoportal YouTube, sondern auch auf einer Internetseite, die speziell für die Aufmärsche in Stollberg erstellt wurde, finden wir unzählige Propagandavideos.

Ein Beispiel. Im Bild: Udo Voigt am Tatort. Die Stimme im Hintergrund: NPD- Landratskandidat Axel Reitz bei einer Rede in Stolberg.


O-Ton:

»Das Blut von Kevin, das stellvertretend für unser Volk geflossen ist, ist der beste Kitt, der uns zusammenschweißen wird, der uns all die Unterdrückung, all die Schikane, all den Terror des Systems überstehen lässt und uns wieder aufrichten lässt ein neues Deutschland...«


Parolen, die erschreckend an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern.

So sieht das auch der Verfassungsschutz NRW. Hier werden die Aktivitäten in Stolberg sehr genau beobachtet und analysiert.


O-Ton, Burkhard Freier, Verfassungsschutz NRW:

»Das Muster solche Sachverhalte, wie ein Tötungsdelikt mit vermeintlicher Beteiligung von Ausländern, gab es schon im Dritten Reich, gibt es auch heute. Es ist nicht nur in Stolberg so. Sondern wenn man beobachtet, in anderen Fällen ist es so, dass rechtsextremistische Parteien es immer wieder benutzen. Auch andere Tötungsdelikte werden genutzt für die eigene Propaganda nach innen, aber auch nach außen.«


So erlebt es auch Jürgen Tragelehn. Sein Sohn Thorsten wurde bereits vor knapp 10 Jahren an dieser Stelle getötet. Damals war hier ein Volksfest. Es kommt zu einer Massenprügelei. Ein 16-jähriger Türke ersticht Thorsten mit einem Messer.

Einen politischen Hintergrund hatte die Tat auch hier nicht, und dennoch wird sie noch heute von rechten Gruppierungen für ihre Propaganda missbraucht.

Wenn der Vater den Namen seines Sohnes in einer Internetsuchmaschine eingibt, erscheinen unzählige Seiten aus dem rechten Lager. So zum Beispiel die der rechtsextremen „Deutschland-Bewegung“.


O-Ton, Jürgen Tragelehn:

»Und ich find das überhaupt nicht in Ordnung, dass der auf bestimmten Seiten Rechtsradikalismus oder sonst wo auftaucht, wo wir gar keine Beziehung zu haben, und die das einfach missbrauchen.«



Auch den Eltern von Kevin Plum droht ein jahreslanges Leiden. Mindestens 10 Jahre will die NPD in Stolberg aufmarschieren.


O-Ton:

»Und ich schwöre, ich schwöre bei Gott, dass ich es auch nicht scheuen werde, eine dritte oder vierte Veranstaltung anzumelden und diese auch bis 2018 durchhalte.«


O-Ton, Susanne Plum:

»Ich möchte der NPD einfach sagen, dass sie Kevin und uns in Ruhe lassen sollen. Kevin war keiner von ihnen und wir haben auch nie was gegen Ausländer gehabt. Sie haben uns das Leben ein Jahr lang zur Hölle gemacht mit vielen Sachen. Und sie sollen Kevin einfach in Ruhe lassen.«

aus der Sendung vom

Mo, 8.6.2009 | 21:45 Uhr

Das Erste

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