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SENDETERMIN Mo, 4.5.2009 | 21:45 Uhr | Das Erste

Panikmache bei Zeckenschutzimpfungen Die verantwortungslosen Kampagnen der Pharmaindustrie

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So vergrößert sehen sie schon eklig aus: Zecken. Und Krankheiten können sie auch auslösen. Zum Beispiel die Frühsommer-Meningo-Enzephalitis, kurz FSME genannt. Das ist eine entzündliche Erkrankung des Gehirns oder der Hirnhäute.

Mit Impfungen gegen FSME verdient die Pharmaindustrie eine Menge Geld. Und die schürt mit solchen Abbildungen natürlich auch Ängste. Doch wie steht es um die Risiken einer solchen Impfung?

Monika Anthes und Beate Greindl sind bei ihren Recherchen auf die tragische Geschichte eines kleinen Mädchens gestoßen.

Bericht:

Die kleine Cynthia vor vier Jahren. Ein aktives, kerngesundes Mädchen. Doch dann entschließen sich Ihre Eltern sie gegen die FSME, eine Gehirnhautentzündung, die von Zecken übertragen wird, zu impfen. Aus den Medien hatten sie erfahren, wie gefährlich diese Krankheit sein soll.

Schon kurz nach der Impfung fällt Cynthia das Laufen immer schwerer. Sie will nur noch getragen werden. Heute ist Cynthia acht Jahre alt. Sie kann weder gehen, kaum selbständig essen oder sprechen. Das Mädchen ist ein Pflegefall. In der Zeit nach der Impfung kämpften die Ärzte wochenlang um ihr Leben.

O-Ton:
»Die Temperatur ist hoch gegangen auf 40, 41, die Herzfrequenz ist extrem hochgeschossen, geschwitzt ohne Ende, also sie hat eigentlich da gar nichts mehr groß wahrgenommen.«

Unzählige Fachärzte versuchen den Grund für die Erkrankung herauszufinden.

O-Ton, Susann Ziegenrücker:

»Untersuchungen über Untersuchungen. Und es ist nichts gefunden worden, es war immer alles in Ordnung. Das ist unbegreiflich, und doch, sie ist nicht gesund.«






Für Cynthias Eltern steht heute fest: Die Behinderung ihrer Tochter kann nur von der Impfung kommen. Eine andere Erklärung gäbe es Ihrer Meinung nach nicht.

Und tatsächlich, viele der Krankheitssymptome von Cynthia zählen laut Roter Liste zu den Nebenwirkungen des FSME-Impfstoffs. Kinderarzt Dr. Steffen Rabe beschäftigt sich seit Jahren mit solchen Fällen.

O-Ton, Dr. Steffen Raabe, Kinderarzt:

»Wir wissen, dass nach der FSME-Impfung in engem zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung immer wieder auch neurologische Probleme auftreten können. Das kann nur ein Fieberkrampf sein, das kann aber auch gehen bis hin zu Nervenentzündungen und bis hin zu Hirnentzündungen. Entzündliche Reaktionen des Gehirns sind beschrieben nach der FSME Impfung und diese können natürlich auch bleibende Schäden verursachen.«

Doch wie häufig treten solche Komplikationen auf? Einen Hinweis bietet diese Datenbank des Paul-Ehrlich-Instituts. Hier werden Verdachtsfälle von Nebenwirkungen nach einer FSME-Impfung veröffentlicht. Darunter zahlreiche Nervenerkrankungen. Allein 2008 insgesamt über 350 Fälle.

O-Ton, Susann Ziegenrücker:

»Der Arzt hat uns darüber nicht aufgeklärt, zumindest nicht so, dass solche Nebenwirkungen entstehen können durch Impfen.«

Der Kinderarzt, der Cynthia geimpft hat, will mit uns nicht über den Fall sprechen. Nach unseren Recherchen klären viele Ärzte nicht über mögliche Impfschäden auf.

Und auch im Werbematerial der Pharmaindustrie erfährt man davon praktisch nichts. Hier wird vor allem eine Angst geschürt: Die vor den Zecken. Massenhaft verbreiten die Impfstoffhersteller solche Bilder. Im Visier haben sie dabei vor allem Eltern und ihre Kinder. Dabei verläuft die FSME bei Kindern fast immer völlig harmlos.

Die Firma Baxter will sie trotzdem ködern. Diese Comics und Videospiele sollen dabei helfen. Ein kleiner Junge auf der Flucht vor durstigen Zecken. Diese Kampagnen wirken.

O-Ton, Dr. Steffen Raabe, Kinderarzt:

»Ich habe jeden Tag Telefonate jetzt in dieser Saison, von sehr, sehr aufgelösten Eltern, die schlicht und ergreifend nur eine Zecke bei Ihrem Kind gefunden haben. Und die fast schon das Gefühl haben das wäre ein Todesurteil oder zumindest der sichere Vorbote einer schweren, bleibenden Behinderung. Und das entspricht natürlich in überhaupt keiner Art und Weise der Realität.«

Gerne hätten wir mit den Impfstoffherstellern ein Interview zu ihren Werbemethoden geführt. Doch die lehnen das ab. Schriftlich erklärt Novartis-Behring: „Weder durch die Filme noch durch die Fotos werden Ängste geschürt.“ Und bei Baxter versichert man uns: „Informatives und aufklärendes Bildmaterial könne sehr hilfreich sein“.

Klingt gut, wären da nicht teilweise grobe Fehlinformationen in den Broschüren. Beispiel: Ein Comic der Firma Baxter. Am Ende steht die Botschaft: Lass Dich impfen, dann können die Zecken ruhig kommen. Das ist falsch. Denn die Impfung schützt nicht gegen die viel gefährlichere Zeckenkrankheit Borreliose.

Sie verursacht nicht nur solche Hautrötungen, sondern auch schwere Organkrankheiten. Eine Impfung dagegen gibt es nicht. Bis zu 100.000 Menschen erkranken jedes Jahr an Borreliose und zwar überall in Deutschland. Die FSME gibt es dagegen nur in einigen Regionen. In welchen, veröffentlicht jedes Jahr das Robert-Koch-Institut. Grund zur Panik sieht man hier nicht.

O-Ton, Gérard Krause, Robert-Koch-Institut:

»Aus unseren Beobachtungen wird deutlich, dass man sich nur in Süddeutschland überhaupt an FSME infizieren kann. Die Erkrankung kommt sehr selten vor, insgesamt weniger als 300 Fälle in ganz Deutschland pro Jahr. Von diesen 300 Fällen verlaufen etwa die Hälfte recht harmlos, ähnlich wie Grippe. Todesfälle kamen im letzten Jahr überhaupt nicht vor.«

Und selbst in den Risikogebieten beträgt die Wahrscheinlichkeit sich durch eine Zecke mit FSME zu infizieren nach Schätzungen nur etwa eins zu 5.000. Einigen Pharmaherstellern erscheint die Risikokarte des Robert-Koch-Instituts wohl nicht werbewirksam genug. Fakt ist: Sie drucken eigene Karten und suggerieren die Krankheit breite sich nach Norden aus und lauere fast überall.

Panikmache mit gefährlichen Folgen. Immer wieder werden Menschen völlig sinnlos geimpft. So war es auch bei Cynthia. Sie lebt in einer Region, in der es überhaut keine FSME gibt. In die Verzweiflung der Eltern mischt sich Wut auf die Impfkampagnen der Pharmaindustrie.

O-Ton:

»Ich verstehe das nicht, auch wie man solche einzelnen Schicksale in Kauf nehmen kann. Und gerade bei Kindern die noch das ganze Leben vor sich haben.«

aus der Sendung vom

Mo, 4.5.2009 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Monika Anthes
Beate Greindl
Kamera:
Peter Kempter
Ingo Manzke
Schnitt:
Annette Bohr
Frank Schumacher