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SENDETERMIN Mo, 9.2.2009 | 22:00 Uhr | Das Erste

Transparenz in der Pflege Wie schlechte Heime zu guten Noten kommen

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Treue REPORT-Zuschauer wissen, skandalöse Zustände in Pflegeheimen haben wir oft angeprangert. Und vielleicht haben auch wir mit dafür gesorgt, dass Pflegeeinrichtungen jetzt geprüft und benotet werden. Die Erwartungen der zuständigen Ministerin:


O-Ton:

"So können wir schwarze Schafe schneller finden und die Menschen gehen einfach nicht mehr in diese Einrichtungen oder abonnieren nicht mehr diesen Pflegedienst."


Dann wäre also alles in Butter, könnte man meinen. Ist es aber nicht. Die Wahrheit hinter den schönen Worten von Ulla Schmidt sieht leider anders aus. Gottlob Schober mit den Details.


Bericht:

Eine unangemeldete Pflegeheimkontrolle des Medizinischen Dienstes Rheinland Pfalz vor wenigen Tagen.


O-Ton:

"Mein Name ist Boos, ich bin vom Medizinischen Dienst und komme im Auftrag ihrer Krankenkasse und wollte einmal gucken, wie es Ihnen geht."


Gerhard Boos muss herausfinden, ob Bewohner, wie diese demenzkranke Frau, im Heim gut versorgt werden oder nicht. Am Ende seiner Arbeit steht ein Prüfbericht, der die Qualität des Heimes beurteilt.

Die nächste Bewohnerin. Mühsam kämpft sich der MDK-Prüfer durch eine lange Fragenliste. Aus insgesamt 64 Kriterien wird dann eine Schulnote nach einem Mittelwert errechnet. Künftig sollen alle Prüfberichte bundesweit veröffentlicht und die Heime mit Noten von eins bis fünf bewertet werden.

MDK Rheinland-Pfalz-Geschäftsführer Gundo Zieres kritisiert diese Systematik. Er ist sicher, dass sich so schlechte Einrichtungen ihre Noten zurechtbiegen können.


O-Ton, Gundo Zieres, Geschäftsführer MDK Rheinland Pfalz:

"Nach meiner Auffassung wird es zukünftig in Deutschland zumindest auf dem Papier keine mangelhaften Einrichtungen mehr geben."




Frage: Warum?


O-Ton, Gundo Zieres, Geschäftsführer MDK Rheinland Pfalz:

"Stellen Sie sich vor, Sie halten eine Hand auf eine kochend heiße Herdplatte und gleichzeitig die andere Hand in eine Extrem-Tiefkühltruhe. Obwohl sie ohne Zweifel beide Hände verlieren werden, spricht man mathematisch im Mittelwert von einer angenehmen Körpertemperatur. Nach dem gleichen Verfahren funktioniert die neue Bewertungssystematik."


Konkrete Beispiele: Ein nicht sachgerechter Umgang mit Medikamenten kann durch regelmäßige Mitarbeiterschulungen in Erster Hilfe und Notfallmaßnahmen ausgeglichen und für die Gesamtnote neutralisiert werden. Genau so besteht die Möglichkeit einen nicht angemessenen Ernährungszustand von Bewohnern durch schriftliche Verfahrensanweisungen zu Erster Hilfe und Verhalten in Notfällen schön zu rechnen.


Frage: Und das ist ein Strukturfehler im ganzen System?


O-Ton, Gundo Zieres, Geschäftsführer MDK Rheinland Pfalz:

"Dieser Zusammenhang ist in meinen Augen skandalös."


Ein Interesse an solchen Manipulationen haben vor allem schlechte Heime, in denen Missstände wie diese herrschen.

Trotzdem hat Ulla Schmidt bei der Reform der Pflegeversicherung im vergangenen Sommer den Verbänden der Heim-Bosse erlaubt, genau die Kriterien mitzubestimmen, nach denen die Pflegeheime heute geprüft werden.

Ein Coup? Wir fragen nach bei Werner Ballhausen, dem Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege.


O-Ton, Werner Ballhausen, Geschäftsführer Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege:

"Wir sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Dass wir durch die gute Vorbereitung dann auch dieses Ergebnis maßgeblich beeinflusst haben, stimmt uns nur zuversichtlich."




Frage: War es denn von Vorteil, dass die Heimträger an den Kriterien der Veröffentlichung mitwirken durften?


O-Ton, Werner Ballhausen, Geschäftsführer Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege:

"Also das ist ja dem Umstand geschuldet. Der Gesetzgeber hat ja entschieden. Der Gesetzgeber hat klar entschieden."


Frage: Finden Sie das nicht merkwürdig?


O-Ton, Werner Ballhausen, Geschäftsführer Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege:

"Inwiefern soll ich das merkwürdig finden?"


Im Klartext: Heim-Lobbyisten finden es nicht merkwürdig, dass sie genau an den Kriterien mitarbeiten durften, nach denen die Heime jetzt kontrolliert werden. Ein Verfahren, das selbst Pflege-Manager kritisieren.

Helmut Wallrafen-Dreisow, Geschäftsführer von sechs Einrichtungen der Sozialholding Mönchengladbach. Gerd Peter, Geschäftsführer der Münchenstift mit rund 3.000 Bewohnern.


O-Ton, Gerd Peter, Geschäftsführer Münchenstift:

"Es ist absurd. Es ist dasselbe, wie wenn mein Kind versetzungsgefährdet ist, ein schlechtes Halbjahreszeugnis hat, und dann ruft mich der Lehrer an und sagt, kommen Sie doch vorbei, wie hätten Sie es denn gerne, dass Ihr Sohn durch das Jahreszeugnis kommt."



O-Ton, Helmut Wallrafen-Dreisow, Geschäftsführer Sozialholding Mönchengladbach:

"Wir selbst können doch eigentlich nicht mit die Kriterien der Transparenz definieren. Das müssen andere Beteiligte tun. Für mich wird auch deutlich, dass da nicht in ausreichendem Maße auch die Verbraucher beteiligt worden sind."



Und wie erklärt die Politik diese Mogelpackung? Ulla Schmidt verweigert ein Interview vor der Kamera. Schriftlich erklärt sie, dass die Verbände, also die Lobbyisten, "bewusst" mit in die Verantwortung genommen worden seien. Die Ergebnisse der Prüfungen würden nicht nur "in Gesamtergebnissen", sondern auch "einzeln" ausgewiesen. Somit hätten die Heimplatzsuchenden die Möglichkeit die Fragen zur "Ergebnis- und Lebensqualität" "konkret zu überprüfen".


Frage: Können die Leute damit etwas anfangen?


O-Ton, Gerd Peter, Geschäftsführer Münchenstift:

"Ich glaube nicht, weil ich mich schon schwer tue, das zu verstehen. Also ohne fachliche Hilfe komme ich da gar nicht durch."


Wir machen den Test und fragen pflegebedürftige Menschen, die ihre Entscheidung für das Heim bereits getroffen haben. Hätte ihnen ein solches Papier geholfen?


O-Ton:

"Es ist sehr kompliziert, es ist nicht verständlich genug."


Frage: Können sie damit etwas anfangen?


O-Ton:

"Nein."


Frage: Warum nicht?


O-Ton:

"Es ist mir zu kompliziert. Ich muss mir meine eigene Meinung bilden."


Um das Problem zu lösen, fordert Gundo Zieres die Einführung von so genannten k.o. Kriterien, zum Beispiel bei Verstößen gegen angemessene Demenz-, Ernährungs- und Flüssigkeitsversorgung.


O-Ton, Gundo Zieres, Geschäftsführer MDK Rheinland Pfalz:

"Wenn alle oder ein Teil dieser Kriterien mit mangelhaft bewertet sind, muss die Einrichtung insgesamt als mangelhaft gelten."


Fazit: Schlechte Heimträger können von den festgelegten Pseudo-Prüfkriterien profitieren. Ulla Schmidt profitiert, denn sie kann die vorgespielte Transparenz als politischen Erfolg verkaufen. Verlierer sind, wie so oft, pflegebedürftige Menschen und Heimplatzsuchende.


Abmoderation Fritz Frey:

Einen Muster-Prüfbogen mit dem die Pflegeeinrichtungen benotet werden, haben wir für sie ins Internet gestellt.

aus der Sendung vom

Mo, 9.2.2009 | 22:00 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Gottlob Schober
Kamera:
Werner Bachor
Bernd Gareis
Jasper Marquardt
Thomas Schäfer
Schnitt:
Niko Zakarias
Sprecher:
Gottlob Schober