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SENDETERMIN Mo, 10.11.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Ausgebeutet für deutsche Billigmode? Schwere Vorwürfe gegen Zulieferer in Bangladesch

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Guten Abend zu REPORT MAINZ! H&M, das steht für Hennes und Mauritz. Ein Unternehmen, das in fast jeder Stadt in den besten Lagen zu finden ist. In 32 Ländern sind die Modehändler aktiv, doch Deutschland ist der größte Markt: In über 300 Geschäften können wir einkaufen. Dafür hat H&M ein riesiges Netzwerk von Lieferanten aufgebaut, weltweit.

Mit verbindlichen Richtlinien will das schwedische Unternehmen sicher stellen, dass die, ich zitiere, „die Produkte unter guten Arbeitsverhältnissen hergestellt werden“. Klingt gut, die Wahrheit dahinter aber sieht anders aus. Knochenarbeit für Billigmode, so das Fazit von Thomas Reutter.

Bericht:

H&M. Ein Modegigant. Ein Trendsetter. Superstars werben für H&M: Madonna und Kylie Minoque. Modepapst Karl Lagerfeld hat sogar eine Kollektion für H&M kreiert.

H&M ist mehr als ein Modehaus. H&M verkauft ein Lebensgefühl – in weltweit 1.600 Filialen. Und das zu Preisen, die Discountern Konkurrenz machen.

Möglich ist das, weil H&M in der ganzen Welt produzieren lässt. Vorwiegend in Billiglohnländern wie in Bangladesch, wo die Menschen oft gnadenlos ausgebeutet werden.

Hier protestieren die Arbeiter aus der Textilindustrie schon seit 2006 gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne. Wie passt das zum sauberen Image von H&M?

In einem Hochglanzvideo gibt sich der Konzern problembewusst. Die Botschaft: Responsibility – Verantwortung. Wer bei H&M kauft, darf trotz Billiglohn ein gutes Gewissen haben.

O-Ton, Firmenvideo H&M, Geschäftsführer Rolf Eriksen:

»Langfristiger Erfolg basiert darauf, dass wir Verantwortung für Menschen und Umwelt übernehmen, die mit unserer Arbeit zu tun haben. Unser Unternehmen beschäftigt sich tagtäglich mit diesen Fragen.«





H&M – ein blütenreines Image. Was ist die Wahrheit dahinter?

Dhaka, Bangladeschs Hauptstadt. Auch hier werden Kleider für H&M genäht. „Haus des Sonnenscheins“ heißt die Fabrik. 1.700 Leute arbeiten hier.

Wir wollen wissen, wie es den Arbeitern geht. Wir treffen sie in einem der ärmsten Slums von Dhaka. Noch im vergangenen Monat haben sie im Haus des Sonnenscheins gearbeitet.

Ihr Monatslohn, so erzählen sie uns, umgerechnet 40 Euro. Selbst in einem Billiglohnland wie Bangladesch ein Hungerlohn. Überstunden inklusive.

O-Ton:

»Wir werden gezwungen, Überstunden zu machen, manchmal tagelang. Wenn die Arbeit bis 3 Uhr morgens nicht fertig ist, wird man gezwungen bis 5 Uhr zu arbeiten. Wenn man dann nicht fertig wird, muss man bis 12 Uhr am nächsten Tag arbeiten, so dass man manchmal gezwungen ist 3 Tage durchzuarbeiten.«

Im Firmenvideo gelobt H&M, sich für die Rechte der Arbeitnehmer in den Zulieferbetrieben stark zu machen. Die seien einem strengen Verhaltenskodex verpflichtet. Die Einhaltung würde regelmäßig von
H&M kontrolliert.

Die Arbeiter aber sagen uns: Davon spüren sie nichts. Bei steigendem Arbeitsdruck, berichten sie, steigen auch die Schikanen. Die Frauen würden meistens beschimpft und auch am Nacken gepackt und geschüttelt. Die Aufseher würden Fehler auch mit Ohrfeigen bestrafen.

Frage: Sie wurden selbst geschlagen?

Jeder von uns wurde geschlagen, sagen sie.

O-Ton:

»Yes, all of them.«

Was sagt H&M dazu?

Ein Interview vor der Kamera lehnt das Unternehmen ab. Schriftlich teilt der Konzern uns mit, sein Zulieferer sei mehrmals von H&M untersucht worden. Dabei seien „weit reichende Probleme und Schwierigkeiten mit der Umsetzung des Verhaltenskodex von H&M“ festgestellt worden.

Deshalb habe H&M vor einem Jahr seinem Zulieferer mit Kündigung gedroht. Seitdem gebe es dort ein neues Management. Vielversprechende Verbesserungen habe es gegeben: So hat beispielsweise ein „Worker’s Welfare Committee“ seine Arbeit aufgenommen, ein neuer „Welfare Officer“ wurde eingestellt und ein funktionierendes Beschwerdesystem eingerichtet.

Diese Stellungnahme zeigen wir Gisela Burckhardt von der Kampagne für Saubere Kleidung. Sie untersucht seit Jahren die Ausbeutung von Textilarbeitern in Bangladesch.

O-Ton, Gisela Burkhardt, Kampagne für Saubere Kleidung:

»Man sagt, man hat das Management ausgewechselt, und es würde sich dadurch schon einiges ändern. Wir denken, es muss eben eine Veränderung in den Praktiken passieren. Wenn man vor Ort nur sozusagen das Management austauscht, haben wir die Erfahrung, werden die Arbeiter eben auch nicht besser bezahlt.«

Und was sagen die Arbeiter vor Ort? Hat es tatsächlich Verbesserungen gegeben? Numara und Sami haben bis vor kurzem im Haus des Sonnenscheins gearbeitet. Sie berichten von Übergriffen. Sie erzählen uns: Die Vorarbeiter hätten sie bedrängt und genötigt, sich mit ihnen einzulassen.

O-Ton, Numara, Näherin:

»Die Frauen, die auf die Wünsche der Aufseher eingehen, bekommen mehr Lohn. Sie können auch ihre Arbeit vernachlässigen, ohne dass ihnen etwas passiert.«






O-Ton, Sami, Näherin:

»Wenn man nicht darauf eingeht, wird man schikaniert und schlecht behandelt. Wir werden beschimpft, auch wenn wir gute Arbeit leisten.«







Sexuelle Nötigung, Schläge, unmenschliche Arbeitszeiten und Hungerlöhne. Und das obwohl der Gewinn von H&M nach Steuern in den vergangenen fünf Jahren nach eigenen Angaben um 139% gestiegen ist. Und H&M pflegt weiter sein Blütenimage.

Abmoderation Fritz Frey:

Wenn es H&M gelingt, rund um den Globus die Qualität seiner Produkte sicher zu stellen, warum tut man sich dann so schwer mit der Sicherstellung von menschenwürdigen Arbeitsbedingungen? Mehr zu diesem Thema übrigens auch unter www.reportmainz.de in einem Kollegengespräch.

aus der Sendung vom

Mo, 10.11.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autor:
Thomas Reutter
Kamera:
Oliver Beckert
Thomas Reutter
Christian Saal
Schnitt:
Melanie Fliessbach
Holger Höbermann
Sprecher:
Thomas Reutter