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SENDETERMIN Mo, 28.7.2008 | 21:45 Uhr | Das Erste

Olympia und die Medien Wie das IOC mit kritischen Journalisten und Organisationen umgeht

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Der Countdown läuft. Nur noch elf Tage, dann beginnen die Olympischen Spiele in Peking. Die Nervosität ist gigantisch. Die Großmacht will sich als perfekter Gastgeber präsentieren. Und unsere Korrespondenten zeigen, wie schwer es ist, aus China zu berichten.

Aber wie verhält sich die andere Seite. Die des organisierten Sports, beispielsweise das Internationale Olympische Komitee? REPORT MAINZ wurde dieses vertrauliche Papier aus der Feder des IOC zugespielt.

Thomas Leif und Gottlob Schober haben es sich genau angesehen und festgestellt, ein äußerst hilfreiches Papier für Funktionäre, wenn kritische Journalisten hinter die Hochglanzkulisse der 29. Olympischen Sommerspiele blicken wollen.


Bericht:

Diese Bilder wollen Sportfunktionäre in Peking gern sehen. Erfolgreiche Athleten, Spannung und viele Medaillen.

Diese Bilder aus China stören, denn sie liefern Stoff für kritische Fragen. Chinesische Schläger stürzen sich auf ein Kamerateam der ARD, das die Frau eines inhaftierten Regimekritikers treffen wollte.

O-Ton, Jochen Gräbert, ARD, China-Korrespondent:

»Es haben sich in den Provinzen Chinas geradezu mafiaartige Strukturen gebildet. Dahinter stecken oft Parteifunktionäre und kriminelle Geschäftsleute. Und die wiederum heuern Schlägerbanden an, um ihre Interesse mit zum Teil brutaler Gewalt durchzusetzen.«



Wie geht das Internationale Olympische Komitee in Lausanne mit diesem Widerspruch um: Friedliche Spiele einerseits, andererseits Einschränkung der Pressefreiheit und Menschenrechtsverletzungen in China. Intern hat das IOC vor einem Jahr diese und andere Problemfelder akribisch analysiert.

Der vertrauliche Ergebnisbericht liegt REPORT MAINZ vor. Er enthält Antwortentwürfe auf kritische Fragen. Aufgelistet sind detaillierte Sprachregelungen des IOC für den Umgang mit den Medien.

Angeblich handle es sich aber um keine Anweisungen, wie Sprecher und Funktionäre Fragen zu beantworten hätten. Tatsächlich nicht? Wir fragen den Generaldirektor des Deutsche Olympischen Sportbundes Michael Vesper.

O-Ton, Michael Vesper, Generaldirektor DOSB:

»Was wir ganz sicherlich nicht machen, ist vorgestanzte Sprachregelungen zu definieren, die sie dann Wort für Wort runterleiern müssten.«






Aber nahezu wortgleich zum IOC-Papier haben sich Sportfunktionäre im vergangenen Jahr zu brisanten Themen wie Menschenrechten und Pressefreiheit geäußert. Zum Beispiel Michael Vesper selbst im August 2007 in den „Tagesthemen“.


O-Ton:

»Es hat sich auch in den letzten Jahren doch eine Menge verändert. Das berichten auch Journalisten, die jetzt endlich unbegleitet in das Land reisen können.«

Frage: Skurrilerweise haben Sie aber im letzten Jahr in den Interviews, auch in „Tagesthemen“, eins zu eins und wortgleich diese Formulierungen übernommen. Wie erklären Sie sich das?

O-Ton, Michael Vesper, Generaldirektor DOSB:

»Das kann ich nicht erklären. Ich habe das nicht mal gelesen.«

Frage: Also Sie kennen das Papier gar nicht?

O-Ton, Michael Vesper, Generaldirektor DOSB:

»Das ist sicher bei unseren Unterlagen.«

Sind die Übereinstimmungen nur Zufall? Nächstes Beispiel Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees. Auf die Frage, ob das IOC Druck auf die chinesische Führung in der Tibetfrage ausüben könne, antwortete er im März 2008 in der „Tagesschau“:

O-Ton, Thomas Bach, IOC-Vizepräsident:

»Es ist nicht die Aufgabe des IOC, Druck auszuüben. Das IOC hat kein politisches Mandat, sondern hat das sportliche Mandat.«

Jörg Schild ist einer der kritischsten Sportfunktionäre. Der Präsident des Schweizer Nationalen Olympischen Komitees, Swiss Olympic, hatte schon im März die Haltung des IOC zu Tibet kritisiert.

Frage: Ist so ein Papier aus Ihrer Sicht akzeptabel?

O-Ton, Jörg Schild, Präsident Swiss Olympic:

»Es kommt auf den Zweck an. Wenn es Hintergrundwissen vermitteln soll, ist es richtig. Das wird immer so gehandhabt, auch in großen Firmen. Wenn es allerdings dazu dienen soll, dass alle, die in irgendeiner Form der olympischen Familie angehören, nach außen nur eine einzige Meinung, nämlich die aus Lausanne, vertreten dürfen, dann, finde ich, nein.«

Frage: Und was trifft zu? Welcher dieser zwei Punkte?

O-Ton, Jörg Schild, Präsident Swiss Olympic:

»So, wie man auf meine Tibet-Kritik reagiert hat vor einigen Wochen, eher das zweite, nämlich dass man eine eigene, nur allein gültige Meinung haben möchte.«

Auch Sportler kritisieren den Inhalt des internen IOC-Papiers. Die Degenfechterin Imke Duplitzer war schon drei Mal bei Olympia dabei. 2002 wurde sie in Lissabon Vize-Weltmeisterin.

O-Ton, Imke Duplitzer, Olympiateilnehmerin Degenfechten:

»Jedes Quiz, wo Sie Fragen gestellt kriegen und vorher schon die Antworten wissen, gilt als manipuliert. Wenn Sie dann natürlich, im Grunde genommen, schon die Antworten kriegen, bevor Sie die Fragen gestellt kriegen von den Journalisten, sind Sie genau so manipuliert. Also das ist quasi Gehirndoping, was da passiert.«

Gehirndoping, um hartnäckige Journalisten ruhig zu stellen? Auch für besonders kritische Fragen hat der IOC-Bericht einen Tipp: Themengebiet wechseln, zurückkehren zu einer Schlüsselbotschaft, auch wenn die mit der eigentlichen Frage gar nichts zu tun hat.

Hat das IOC etwas zu verbergen? Für Swiss-Olympic-Chef Jörg Schild ist das Problem hausgemacht. Er kritisiert, dass IOC-Vertreter sich lieber auf diplomatische Floskeln zurückziehen, anstatt Druck auf China auszuüben.

O-Ton, Jörg Schild, Präsident Swiss Olympic:

»Was den Druck betrifft, den Herr Bach anspricht, auf Regierungen, in denen die Spiele stattfinden, das wäre nicht nötig, wenn man klipp und klar bei der Vergabe der Spiele das entsprechende Land auch schriftlich, unterschriftlich auf die olympische Charta verpflichten würde, wie man dies auch mit den Athletinnen und Athleten tut.«


Frage: Das heißt also, im Vorfeld hat das IOC hier Fehler gemacht?

O-Ton, Jörg Schild, Präsident Swiss Olympic:

»Ob das Fehler sind, ist nicht meine Aufgabe, zu beurteilen. Offenbar war es bisher nicht üblich, habe ich festgestellt, das man dies tut. Und ich meine, diese Diskussion muss nach den Olympischen Spielen in Peking geführt werden.«

Ein Archivbild mit Symbolkraft: In Peking wurde der Rasen schon mal grün angesprüht – nur, um nach außen einen guten Eindruck zu machen. Im Umgang mit kritischen Medienvertretern verhält sich das IOC offenbar genauso.

O-Ton, Jörg Schild, Präsident Swiss Olympic:

»Wenn die Spitze nicht mehr fähig ist, sachlich geübte Kritik wahrzunehmen, dann stimmt etwas nicht mehr.«

aus der Sendung vom

Mo, 28.7.2008 | 21:45 Uhr

Das Erste

Bericht

Autoren:
Gottlob Schober
Thomas Leif
Kamera:
Alain Kaiser
Ole Jürgens
Thomas Schäfer
Schnitt:
Zsuzsa Döme
Sprecher:
Gottlob Schober