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SENDETERMIN Mo, 29.10.2007 | 21:45 Uhr | Das Erste

Bei Anruf Hirntumor? EU-Umweltagentur fordert schärfere Grenzwerte für Mobilfunk

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Nächstes Thema. Machen Handystrahlen nun krank oder nicht? Die Schlagzeilen: mal so, mal so. Strahlenangst, machen Handys wirklich krank? Oder, kein Krebs durch Handys. Was stimmt denn nun, hab ich Kollegen gefragt, die sich seit Jahren mit dem Thema befassen.

Als Antwort bekam ich unter anderem das hier. Mehr als 600 Seiten. Mitverfasst von der Europäischen Umweltagentur, und die kommt zum Schluss, dass langfristig erhebliche Gefahren von Handys und anderen Strahlenquellen ausgehen. Sebastian Bösel und Beate Klein mit den Details.

Bericht:

Vor vier Jahren bekam Dieter Winkler die Diagnose: Krebs im linken Ohr. An den Folgen der Operationen leidet er noch heute.

O-Ton, Dieter Winkler:

»Da höre ich schlecht, und jedes Mal muss meine Frau auf der rechten Seite laufen. Dass ich ein bisschen was verstehe.«






Dieter Winkler hat seit Anfang der 90er Jahre beruflich viel mit einem Handy telefoniert. Sein Verdacht:

O-Ton, Dieter Winkler:

»Ich nehme an, dass das Handy Schaden anrichtet. Ich habe eine andere Einstellung zu dem Handy. Und ich nehme deswegen das nicht so oft wie damals.«

Könnte sein Tumor etwas mit dem Handy zu tun haben? Vor vier Jahren trafen wir Dieter Winkler zum ersten Mal. Er ließ sich als einer von weltweit 6.000 Krebspatienten für die größte Handystudie befragen. Wie oft und lange hat er telefoniert?

Forscher Joachim Schütz erklärte damals, worum es in der Studie der Weltgesundheitsorganisation geht.

O-Ton, Joachim Schütz (2003), Universität Mainz:

»Wenn die Strahlung ja nur in den ersten vier bis fünf Zentimetern ankommt, dann erwarten wir natürlich auch eine Verteilung von Tumoren unter den Handynutzern, die anders aussieht als bei den Personen, die kein Handy benutzen.«


Und genau das ist nun ein Ergebnis im Zwischenbericht der so genannten INTERPHONE-Studie. Darin heißt es: Wer das Handy mehr als zehn Jahre hauptsächlich auf einer Seite vom Kopf benutzt hat, hat dort:

Zitat :

»…. ein signifikant erhöhtes Risiko einen Tumor am Hörnerv oder einen Hirntumor, ein Gliom zu bekommen.«

Problem dieser Befragungsstudien, Krebs braucht lange um zu entstehen, und es gibt relativ wenige Nutzer wie Dieter Winkler, die schon lange Jahre mit dem Handy telefonieren. Deshalb tut sich die Leiterin der Deutschen INTERPHONE-Studie mit einer Bewertung schwer.

O-Ton, Prof. Maria Blettner, Leiterin INTERPHONE Deutschland:

»Die Aussagen für die Personen, die länger als zehn Jahre telefonieren, beruhen bisher auf kleinen Zahlen. In einigen Ländern sind die Daten so, dass man ein erhöhtes Risiko sieht, in anderen sieht man keine Erhöhung. Ich denke, wir sollten abwarten, ob es tatsächlich sich bestätigt, wenn man die Gesamtdaten auch auswertet, dass es dort eine Erhöhung gibt«

Abwarten, obwohl es Hinweise auf Langzeitschäden gibt. Handynutzer werden von Forschung und Politik immer wieder auf diese Weise vertröstet. Warten statt warnen.

Zum ersten mal bezieht jetzt aber eine offizielle Fachbehörde eindeutig Position. Mobilfunk ist gefährlich. Das steht in diesem Bericht. Das Besondere: Mitverfasser ist nicht irgendwer, sondern die Europäische Umweltagentur. Die Fachinstanz für Umweltfragen der EU.

Die Direktorin hält weiteres Abwarten für fatal, angesichts der derzeitigen Forschungsergebnisse.

O-Ton, Jacqueline McGlade, Direktorin Europäische Umweltagentur:

»Handys mögen schwach strahlen, aber es gibt genügend Beweise für Wirkungen auch bei schwacher Strahlung, so dass wir jetzt handeln müssen.«




Auf über 600 Seiten fassen Wissenschaftler 2.000 Studien zu elektromagnetischen Feldern zusammen. Sie kommen zu eindeutigen Ergebnissen, beziffern sogar das Hirntumorrisiko von langjährigen Nutzern.

Zitat:

»Nach mehr als zehn Jahren Handynutzung erhöht sich das Hirntumorrisiko um 20 bis 200 Prozent.«

Das andere wichtige Ergebnis des Berichts: Die Mobilfunkwellen lösen auch gefährliche Reaktionen in den menschlichen Zellen aus.

O-Ton, Jacqueline McGlade, Direktorin Europäische Umweltagentur:

»Sie stören Zellprozesse. Und wenn das über einen langen Zeitraum passiert, können diese Störungen natürlich zu Langzeiteffekten wie Krebs führen. Und das sind die Effekte, die uns am meisten beunruhigen.«

Zwar gibt es Grenzwerte für Mobilfunk, die uns schützen sollen. Doch die Effekte in den Zellen treten auch unterhalb dieser Grenzwerte auf. Die Schlussfolgerung der Behörde:

Zitat:

»Die Grenzwerte sind unzureichend.«

Die EU-Umweltagentur fordert deshalb die Grenzwerte zu senken. Gerade weil mittlerweile schon viele als Kind Handys bekommen.

O-Ton:
»Also ich habe meins mit elf bekommen.«

O-Ton:
»Ja, ich auch.«

O-Ton:
»Ich auch mit zwölf oder elf.«

O-Ton:
»Ohne Handy kann man heutzutage nicht mehr leben.«

O-Ton:
»Telefonieren? Richtig viel. Also vier bis fünf Stunden kommen drauf am Tag.«

Frage: Und seit wann? In welchem Alter hast du ein Handy?

O-Ton:
»Ich habe schon mit acht ein Handy bekommen.«

O-Ton:
»Ja, da passiert schon nix.«

Müssen also vor allem junge Handynutzer besser geschützt werden? Was sagt das Deutsche Bundesamt für Strahlenschutz zu den Warnungen der EU-Umweltagentur? Doch dazu kein Interview. Schriftlich heißt es: Es bestehe „innerhalb der Grenzwerte keine gesundheitliche Gefährdung“. Es gebe aber „Hinweise auf biologische Wirkungen“. Und deshalb „müssen die Grenzwerte durch geeignete Vorsorgemaßnahmen ergänzt werden“.

Wie passt das zusammen? Angeblich keine Gesundheitsgefahr, aber ein ganzer Katalog von Vorsichtsmaßnahmen. Handygespräche sollten „kurz gehalten“ und lieber Kopfhörer, so genannte „Head-Sets“ benutzt werden. Konsequente Vorsorgepolitik sieht anders aus.

Als Dieter Winkler anfing, mit einem Handy zu telefonieren, hat sich noch niemand für die möglichen Folgen interessiert. Um so mehr müssten jetzt die Hinweise ernst genommen werden, sagt die EU-Umweltagentur.

O-Ton, Jacqueline McGlade, Direktorin Europäische Umweltagentur:

»Wir meinen, warum die Bevölkerung einer Gefahr aussetzen, wenn man jetzt etwas tun kann.«

Abmoderation Fritz Frey:

Die vollständigen Vorsorgemaßnahmen des Bundesamtes für Strahlenschutz finden Sie übrigens bei uns im Internet unter www.reportmainz.de.