Mannheimer Stadtteil JungbuschVom sozialen Brennpunkt zum Kreativ-Viertel
Bis vor kurzem war der Mannheimer Jungbusch so etwas wie die Unterstadt, vorwiegend bewohnt von Migranten und einkommensschwachen Familien. Doch inzwischen entwickelt sich der Stadtteil zum Szeneviertel mit Wachstumspotenzial. Neben der Popakademie und dem Musikpark haben auch so genannte Kreativunternehmen den Jungbusch für sich entdeckt.
Offiziell gehört der Jungbusch zur Mannheimer Innenstadt, tatsächlich aber war die Innenstadt hier immer schon lange zu Ende: abgeschnitten durch das laute Straßengewirr Richtung Ludwigshafen und die Industriegebiete, verschrien als sozialer Brennpunkt und Rotlichtviertel. Das ist heute anders, denn nun befindet sich hier beispielsweise die Modefirma "Kay & Pearl GmbH" der Designerin Katrin Leiber.
Jungbusch inspiriert zur Mode
Katrin Leiber ist Absolventin der berühmten Pariser Modeschule "ESMOD" und hat jahrelang für Häuser wie "Kenzo" und "Nina Ricci" gearbeitet. Aber nach 15 Jahren hat sie Paris den Rücken gekehrt und angefangen, ihre eigenen Handtaschen und Schuhe zu entwerfen. Verkauft werden diese in teuren Boutiquen auf der ganzen Welt, der Firmen- und Wohnsitz der jungen Designerin ist aber im Mannheimer Jungbusch. Katrin Leiber fühlt sich von der Umgebung inspiriert. Sie mag es, dort die Frauen zu beobachten, sie achtet darauf, wie die sich kleiden und bewegen, was ist ihr Lebensgefühlt ist. Mode sei zwar ein einfacher Begriff, "aber da spielt sehr, sehr viel mehr mit rein", weiß die Modeschöpferin.
Kunst und Kultur greifen ineinander
Das Lebensgefühl in Jungbusch ist geprägt von den vielen Einwanderern. Insgesamt haben 60 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner einen Migrations-Hintergrund. Und noch vieles mehr macht den Stadtteil bunt: Angefangen bei den überall zu entdeckenden kunstvollen Graffitis überall bis zu den vielen internationalen Cafés und Restaurants.
Die Sultan-Selim-Moschee etwa steht direkt gegenüber von der Liebfrauenkirche, und die moderne Popakademie befindet sich neben einem alten, maroden Getreidespeicher aus zerfressenem Sandstein.
Der Speicher gehörte zur ehemaligen Kauffmannmühle, einer der ersten Dampfmühlen der Region. In deren Verwaltungsgebäude hat sich inzwischen neben einem Künstleratelier und einem Techno-Sender das IT-Unternehmen "Digi-Info" eingemietet. Geschäftsführer Daniel Boenisch schätzt die Architektur von damals. Er findet, dass sie auch heute ein passendes Arbeitsumfeld ist und beteuert: "Wenn ich in die Kästchenbüros von manchen Kunden schaue, bin ich immer wieder froh, in unser Büro zu kommen, wo alles schön offen und frei ist."
Charme durch Gegensätze und Wassernähe
Während die Innenstädte mit den ewig gleichen Ladenketten immer austauschbarer werden, gewinnt das Gegensätzliche und Kantige eines Stadtteils wie dem Jungbusch mehr und mehr an Attraktivität. Nicht zuletzt ist er auch ein Stadtteil am Wasser - im Norden der Neckar, im Westen der Rhein. Früher waren die Häuser hier von Reedern, Kapitänen und Kaufleuten bewohnt. Noch ist man weit entfernt von einer schicken Flusspromenade, aber die ersten Pläne sind in den Köpfen, ebenso wie die Gedanken, aus dem alten Getreidesilo ein Hotel zu machen.
Dauerhaftes Potential zur Aufwertung?
Vom maroden Szeneviertel zum aufgeschickten Stadtteil – diese Geschichte kommt einem natürlich bekannt vor, man denke an die Hafenstraße in Hamburg, oder den Prenzlauer Berg in Berlin. Der Mannheimer Jungbusch steht da, wenn überhaupt, erst am Anfang. Aber was sich ganz deutlich spüren lässt, ist das gewachsene Selbstvertrauen dieses einst verruchten Viertels. Man hat aufgehört, sich für die Industrie und alles was dazu gehört zu schämen. Industrie und Kultur, das sind schon lange keine unauflösbaren Gegensätze mehr – auch das haben andere Städte und Regionen schon vorgemacht.
Dennoch lassen sich die Probleme nicht wegreden. Ein Ausländeranteil von 90 Prozent an der Jungbuschschule spricht für sich und der expandierende Containerhafen nebenan bedeutet eine enorme Verkehrsbelastung. Trotzdem ist der Jungbusch eines der Pfunde, die Mannheim bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2020 in die Waagschale werfen wird. Denn hier passiert was in Sachen Kultur und hier gibt es echtes Mannheimer Lebensgefühl.
Autorin: Martina Senghas; Web-Fassung: Carina Schmidt
Letzte Änderung am: 02.03.2009, 15.50 Uhr








