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Ehrendirigent des SWR Sinfonieorchesters Michael Gielen: "Unbedingt Musik"

Ernst von Siemens Musikpreis 2010

Der international renommierte Dirigent Michael Gielen erhält in diesem Jahr den mit 200.000 Euro dotierten internationalen Ernst von Siemens Musikpreis für sein Lebenswerk. Gielen leitete das SWR Sinfonieorchester als Chefdirigent bis 1999.

Der Ernst von Siemens Musikpreis ist eine der bedeutendsten und höchst dotierten Auszeichnungen, die in der Musikwelt zu vergeben ist. In diesem Jahr wurde der Komponist und Dirigent Michael Gielen mit dem Preis ausgezeichnet. Der 1927 in Dresden geborene Michael Gielen kann zweifelsohne als eine Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts verstanden werden.

Der Sohn des Regisseurs Josef Gielen war gezwungen, während der nationalsozialistischen Diktatur mit seinen Eltern nach Südamerika auszuwandern. Es waren nicht zuletzt auch die familiären Kontakte, die Gielen rasch mit bedeutenden Musikern und Komponisten zusammenbrachten. Am Anfang stand zunächst die Karriere als Komponist. Dabei hatte sich Gielen bereits früh kompromisslos dem Modernen und Avancierten verschrieben. "Unbedingt Musik", so auch der Titel der autobiografischen Essaysammlung Michael Gielens, meint im Sinne dieses Bekenntnisses auch eine musikalische und ästhetische Moral des reflektierten Bewusstseins, in dem Persönlichkeit und Geschichte zusammenfließen.

Zu den Höhepunkten seiner Karriere sind die Jahre als Direktor der Frankfurter Oper zu zählen, in denen Michael Gielen von 1977 bis 1987 ein musikalisch und auch szenisch radikales Musiktheater der Aktualität praktizierte. Von 1986 bis 1999 leitete Michael Gielen das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg und formte aus dem Rundfunkorchester ein Spitzenensemble.

Die langjährige Zusammenarbeit mit dem SWR ist natürlich ein zentraler Anlass, den Komponisten und Dirigenten Michael Gielen aus Anlass der Verleihung des diesjährigen Ernst von Siemens Musikpreises ausführlich mit Aufnahmen unter seiner Leitung aus unserem Archiv zu würdigen. Zu hören ist auch die Laudatio auf Michael Gielen, die der Komponist Helmut Lachenmann während des Festaktes der Preisverleihung gehalten hat und die ein eindrücklicher Spiegel jener Leistung ist, die Michael Gielen zu einem der wichtigsten Protagonisten zur Vermittlung des Neuen hat werden lassen.

Letzte Änderung am: 19.05.2010, 14.43 Uhr



InterviewDie Hoffnung wahren in der Zerrissenheit

Michael Gielen im Gespräch mit SWR2-Musikredakteurin Lotte Thaler

Am 20. Juli 2007 feierte der Dirigent und Komponist Michael Gielen seinen 80 Jahre alt. Mit dem langjährigen Chef und ständigen Gastdirigenten des SWR Sinfionieorchesters Baden-Baden und Freiburg sprach SWR2-Musikredakteurin Lotte Thaler.


Es gibt ein selten aufgeführtes Theaterstück von Max Frisch, das heißt "Biographie: Ein Spiel". Darin erhält ein Verhaltensforscher die Gelegenheit, seine Biographie zu ändern. Wenn Sie diese Gelegenheit hätten, würden Sie etwas verändern?

Ich glaube nicht, dass eine Biografie so sehr Willenssache ist, sondern sie ergibt sich aus dem Elternhaus, aus der Erziehung, dann in meinem Fall aus der Emigration. Das Erkennen, dass ich in Argentinien keine Zukunft habe, also Rückkehr nach Europa. Und das Glück, dass ich dann an einem großen Opernhaus in Wien gearbeitet habe - also es sind selten Willensentscheidungen. Käme jemand und sagte: "Willst Du Operndirektor werden? ", dann hätte man theoretisch die Möglichkeit zu sagen: "Nein, danke", aber das wäre ja dumm, wenn man bis dahin nur irgendwo Kapellmeister war.

Sie sind in einer multikulturellen Umgebung aufgewachsen, lange bevor es dieses Wort überhaupt gab. Wie haben Sie die Emigration nach Argentinien als Kind wahrgenommen?

Erst war es eine Wohltat, dem "deutschen Kulturkreis " des "Tausendjährigen Reiches" zu entrinnen. Dass die Mutter nicht mehr in Gefahr war, dass ich die Unfreundlichkeiten der Schule und der Kameraden nicht mehr erdulden musste. Sehr bald ist mir klar geworden, dass es ein Riesenglücksfall ist, nicht nur in relativer Freiheit aufzuwachsen (Argentinien war ja eine, wenn auch korrupte, Demokratie), sondern auch noch bei Emigranten aus der Schönberg-Schule Musik zu lernen. Ich bin in Argentinien zur Schule gegangen, sobald ich genug Spanisch konnte, aber Musik habe ich nicht am Konservatorium gelernt, sondern bei Leuten, die aus Wien kamen und die direkt Kontakt mit der Schönberg-Schule hatten.

Sie wollten zwar einen musikalischen Beruf ausüben, aber stand auch von vornherein fest, dass Sie Dirigent werden wollten?

Nein, ursprünglich wollte ich Komponist werden und wollte nach New York zu meinem Onkel Eduard Steuermann, um bei ihm Komposition zu studieren. Aber erstens haben die USA mich nicht einreisen lassen, deshalb bin ich dann nach Europa gegangen. Und zweitens hatte ich auch angefangen, als Korrepetitor zu arbeiten, und in der Beobachtung der Arbeit von Leuten wie Erich Kleiber, Fritz Busch oder den sehr guten Italienern, die am Teatro Colón in Buenos Aires dirigierten, sah ich: Das ist eine Möglichkeit, als Musiker zu überleben. Als Komponist wäre ich ja wahrscheinlich verhungert. Bei den wenigen Partituren von Stockhausen oder Boulez, die man damals in Buenos Aires überhaupt sehen konnte, war mir sofort klar, dass ich als Komponist nicht die Originalität habe, um mich da in der ersten Reihe durchzusetzen. Deshalb beschloss ich sehr früh, als "Trostberuf" das Dirigieren zu wählen. Es war eine praktische Entscheidung, und das Komponieren habe ich mir als Luxus vorbehalten, als meine ganz eigene Sache.

Sie sagen, Sie haben sich das Dirigieren selbst beigebracht. Wie macht man das, um nicht ein Dilettant zu bleiben?

"By trial and error", durch Versuch und Irrtum. Ich habe es immer wieder versucht und gemerkt, was nicht funktioniert, und dann versucht, das zu verbessern. Ich habe es allmählich gelernt.

Sie haben eine Komposition mit dem Titel "Pflicht und Neigung" geschrieben: Was für Sie Pflicht ist, kann man sich vorstellen. Pflicht als Arbeitsethos, Pflichterfüllung gegenüber dem Werk, gegenüber der Musik. Aber die Neigung, wie steht’s damit?

Komponieren dürfen! Zeit für die Lust aufs Komponieren haben. Ich bin ja ein Sklave meines Pflichtgefühls gewesen, mein ganzes Leben lang, und habe andauernd studiert, gelernt, mich vorbereitet, keine Freizeit gehabt, meine Kinder verpasst usw., alles wegen dieser sogenannten "Pflicht". Demgegenüber ist "Neigung" alles, was mit einer größeren Freiheit zu tun hat. Und man muss wohl erst alt werden, um sich das leisten zu können. Jetzt habe ich beschlossen, viel weniger zu dirigieren.

In Ihrer Diskographie und Ihren Konzertprogrammen gibt es drei "Hausgötter": Beethoven, Schönberg und Mahler. Wofür stehen denn die drei bei Ihnen?

Beethoven ist derjenige, an dem man sich abarbeitet. Den ich ziemlich früh schon als Lebensaufgabe empfunden habe. Schönberg, das ist meine Treue zu einer ganzen Geisteshaltung von "Österreichertum", Judentum und Kompositionstechnik. Und Mahler ist die große Liebe, weil er der erste moderne Komponist ist, dessen Inhalte im Grunde schon die Schönbergs sind: das Innere des Menschen, seine Zerrissenheit und die Zerrissenheit der gesellschaftlichen Verhältnisse, in einer Musiksprache, die dem "normalen" Konzertpublikum zugänglich ist. Darin liegt, glaube ich, seine überragende Wichtigkeit: Mahler konfrontiert das Publikum mit den dissonanten Inhalten der Moderne, die es sonst vermeidet.

Ihre jüdische Herkunft, schreiben Sie in Ihren "Erinnerungen", ist Ihnen erst nach dem Tod Ihrer jüdischen Mutter richtig bewusst geworden. Wurde denn in Ihrer Familie nicht über diese Herkunft gesprochen?

Nein, überhaupt nicht. Nicht nur über Judentum wurde nicht gesprochen, sondern überhaupt nicht über Religion. Aber nach dem Tod meiner Mutter dachte ich mir, das Dazugehören, die Loyalität zum jüdischen Volk ist sozusagen eine Pflicht, weil das Kind einer Jüdin Jude ist. Und erst da fing ich an, mich mit jüdischen Dingen zu beschäftigen.

Am Schluss Ihrer Biographie schreiben Sie: "Ich habe immer gemeint und meine noch immer, Funktion von Kunst und Musik sei es, den Menschen die Konflikte ihrer Zeit und ihres Inneren paradigmatisch vorzuführen, und nur das sei die Wahrheit der Kunst. In meinem Alter erkenne ich, dass noch etwas hinzukommt, was nicht weniger wichtig ist: dass die Musik uns vor allem die utopischen, die ersehnten Momente zeigt."

Damit meine ich Hoffnung im Leben. Dass diese Entwicklung zum Schlechteren, die besonders in der Kulturindustrie so evident alles immer weiter zerstört, dass ich da doch eine Hoffnung bewahren muss, die sich wohl nur auf Individuen gründet, die aber auch nicht untergehen darf. Das ist mehr ein privates Bekenntnis. Ich glaube, die Motivation eines Komponisten ist immer eine zweifache: sozusagen die pessimistische "Wahrheit" darzustellen bzw. das, was man dafür hält. Und dann eben, als einen Zipfel Utopie, als ein bisschen blauen Himmel am Horizont, auch den Glauben an etwas Besseres mit hineinzuflechten. Das ist aber ein unbewusster Vorgang. Sobald das bewusst wäre, wär’s ja Lüge.

Die Fragen stellte Lotte Thaler im Juli 2007.

Letzte Änderung am: 19.05.2010, 14.43 Uhr