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Vorkämpfer der historisch informierten Aufführungspraxis
In seiner elften Saison als Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR überrascht Roger Norrington immer noch mit seinen Interpretationen sowohl die Musiker als auch das Publikum. Der Grundgedanke seines Arbeitens ist: Akzeptiert man die Musik der Vergangenheit oder will man sie der eigenen Zeit anpassen?

Sir Roger Norrington, Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart
Roger Norrington versucht nicht modern zu sein, indem er die Komposition aus ihrem historischen Zusammenhang herausnimmt und umstandslos ins Hier und Heute verpflanzt. Vielleicht ist das sein Geheimnis, die Musik so frisch, lebendig, tänzerisch, humorvoll, aber auch dramatisch erklingen zu lassen. "Wenn wir versuchen, die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen, geht es darum, die Persönlichkeit des Komponisten zu entdecken. Wo lebt er? Meint er es humorvoll oder ernst? Bei Beethoven ist es besonders spannend, aber auch schwierig, weil es eine deutsche Tradition gibt, der zufolge alle Musik ernst ist, solange es sich nicht um eine Operette handelt .. ", meint Roger Norrington.
Bereits in den 1980er Jahren haben Roger Norrington und die London Classical Players in England mit den Experience Weekends ihr Publikum in Gesprächskonzerten mit einer historisch informierten Aufführungspraxis vertraut gemacht. Dieser besondere Zugang zur Musik lässt sich auch mit einem modernen Sinfonieorchester realisieren, wie Norrington bemerkt. "Meine erste Aufnahme der Beethoven-Sinfonien war eine mit historischen Instrumenten. Sie erzeugen einen etwas anderen Klang und die Instrumente lehrten uns zahlreiche Dinge über die Werke selbst und wie man sie spielen kann. Heute aber muss ich zugeben, dass mit einem Orchester, dass so gescheit und so bereitwillig ist wie das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, diese Originalinstrumente nicht so wesentlich zu sein scheinen für eine historische Einspielung von Beethoven wie einst. Allerdings ist die Art und Weise, wie man die Instrumente spielt, so wichtig wie eh und je. Wir arbeiten an der Bogenführung, der Artikulation, der Tondauer und versuchen dadurch die Sprache der Musik aus eben jener Zeit, aus der sie stammt, wieder zu erschaffen. You must read the roadmap! Es ist alles in der Partitur zu finden."
Die Arbeit mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart war zu Beginn ein großes Experiment für Roger Norrington. Würden die Musiker, würde das Publikum seinen Ideen folgen? Das äußere Erscheinungsbild des Orchesters entsprechend zu ändern, war schnell geschehen. Die neue Orchesteraufstellung richtete sich nun nach den Klangvorstellungen der Komponisten zu ihrer jeweiligen Zeit: die ersten und zweiten Geigen links und rechts des Dirigenten, die Bässe hinten in der Mitte, Blech und Pauken an den Seiten. Norrington stoppte das permanente Vibrato- Spiel und setzte es nun wesentlich differenzierter ein. Für das Repertoire der Klassik bis hin zur frühen Romantik verwendete er historische Instrumente wie Naturtrompeten, Barockposaunen und kleine Pauken. Die entscheidende Frage war aber: Würde dieser äußeren Veränderung auch die innere folgen? Heute kann man sagen, dass Roger Norringtons Experiment mit seinem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart geglückt ist.
Kerstin Gebel
Quelle: SWR2
Letzte Änderung am: 05.03.2009, 16.08 Uhr